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Tonio Schachinger: „Nicht wie ihr“. Roman. Verlag Kremayr und Scheriau, Wien 2019. 304 S., geb., 22,90 Euro. Bild: dpa

Tonio Schachingers Debüt : Wer rauskommt, muss ihn haben

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Ein Mensch, der die Extremform dessen erlebt, was die Grunderfahrung alljener ist, die von neoliberalen Strukturen profitieren und zugleich durch diese drangsaliert werden: In Tonio Schachingers Debüt „Nicht wie ihr“ erzählt ein Profifußballer.

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          Einmal abgesehen von Ror Wolfs Text-Bild-Collagen und Nick Hornbys Kultroman „Fever Pitch“ laboriert das Gros der Saison für Saison erscheinenden Fußballbücher an einem kaum bezwingbaren Problem: Entscheidend ist und bleibt auf dem Platz. Selbst mit größter Expertise ist es schwer zu schaffen, zum einen die Faszination des Spiels aufs Papier zu bannen, zum anderen all jenen, deren Leidenschaft nicht ohnehin schon entfacht ist, zu vermitteln, was der Fußball über das Leben lehrt. Und umgekehrt.

          Insofern ließe sich für eine Schnapsidee halten, was der 1992 geborene österreichische Autor Tonio Schachinger, der Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien studiert hat, in seinem Debüt „Nicht wie ihr“ unternimmt: Er erzählt einen Roman aus der Sicht eines Profifußballers. Ivo, mit vollem Namen Ivica Trifunović, dürfte etwa derselbe Jahrgang sein wie der Autor, ist unter Vertrag beim FC Everton, österreichischer Nationalspieler und erfüllt allerhand Klischees eines überbezahlten Premier-League-Spielers. Seine Frau Jessy hat platinblonde lange Haare, perfekte, vermutlich nicht ganz von Mutter Natur geformte Brüste, dazu ein verführerisches Strumpfband auf den Oberschenkel tätowiert. Momente von Zufriedenheit erlebt Ivo vor allem dann, wenn er in seinem Bugatti, den Motor niedertourig wummernd, durch die Stadt cruist. Gern auch mal um einiges zu schneller, versteht sich. Eigentlich aber steckt Ivo knietief in einer Krise irgendwo zwischen Burnout und beginnender Depression.

          Tonio Schachinger gelingt das Kunststück, keines der aufgerufenen Klischees aufzulösen, sich dabei aber dennoch nicht über diese zu mokieren, genauso wenig, wie er den Leidensdruck Ivos denunziert. Dieser legt sich gegen die innere Leere anzukämpfen eine Affäre zu, die nach zwei Treffen und hilflos-gequälten Whatsapp-Dialogen abbricht, weil die Auserwählte so gar nicht in seine goldene Profikäfig-Welt passen mag. Viel mehr als das Aufflammen und Scheitern dieser Liaison passiert auch während der Monate, in denen „Nicht wie ihr“ spielt, nicht. Und das Seltsame: Das macht rein gar nichts.

          Hellsichtiges gesellschaftskritisches Potential

          Dass all das so aufregend ist und so schnurrt wie das Aufbauspiel des FC Barcelona, ist der konsequent personalen Erzählhaltung des Romans geschuldet, die in ihrer Konsequenz ein veritables Bravourstück ist: Keine schnöde Ich-Perspektive hat Schachinger gewählt, sondern eine im herrlich treff- und pointensicheren Wiener Slang quatschende Figur geschaffen, die von sich selbst mit aller Selbstverständlichkeit als „Ivo“ spricht – einer der vielen feinen Anklänge an einen verbreiteten Fußballersprech-Gestus, die ein Lothar Matthäus nur auf die Spitze getrieben hat.

          Aber Schachinger zeigt eben nicht einfach nur einen Fußballer, sondern erzählt von einem Menschen, der die Extremform dessen erlebt, was die Grunderfahrung alljener ist, die von neoliberalen Strukturen profitieren und zugleich durch diese drangsaliert werden. Was Schachinger Ivo etwa über die gnadenlosen Auswüchse von Optimierung oder die wirkmächtige und manipulative Sprache der Presse denken lässt, hat durchaus hellsichtiges gesellschaftskritisches Potential, ohne dass Ivo selbst es auf diese Reflexionsebene heben müsste. Und wenn Ivo sich über die seelenlosen Maschinen echauffiert, die jährlich aus den Fußballakademien strömen, könnte man glatt melancholisch werden, wenn man es nicht eh schon wäre.

          Auf ein Terrain wagt er sich erst ganz am Ende

          Von schlagender Überzeugung ist nicht zuletzt Ivos Umgang mit einem Alltagsrassismus, dem er durch seinen bosnischen Hintergrund immer wieder ausgesetzt ist. Wenn das Nationalteam gewinnt, ist er Österreicher. Wenn es schlecht läuft, schon ein bisschen weniger. Aber die ebenso verbreitete, mitunter reichlich ungelenke politische Korrektheit geht ihm eben auch gehörig gegen den Strich. „Deshalb ist es ihm auch egal, ob jemand ,Ausländer‘, ,Tschusch‘ oder ,Mensch mit Migrationshintergrund‘ sagt, obwohl er natürlich jedem, der ihn Tschusch nennt, sofort in die Pappn hauen würde.“

          Vielleicht ist eines der Geheimnisse dieses ebenso komischen wie scharfsichtig beobachteten und uneitlen Romans, in den Schachinger immer wieder Namen von realen Fußballern einfließen lässt, dass er ebenso locker wie präzise verschiedene gesellschafts- und identitätspolitische Fragen verhandelt, dass er sich aber auf ein Terrain erst ganz am Ende wagt: auf den grünen Rasen selbst. Wenn du rausgehst, musst du ihn haben, lautet eine Torwart-Regel. Schachinger hat ihn, aber wie!

          Tonio Schachinger: „Nicht wie ihr“. Roman. Verlag Kremayr und Scheriau, Wien 2019. 304 S., geb., 22,90 Euro.

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