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Roman aus der Provinz : In der Schrumpfregion geht noch was

  • -Aktualisiert am

Hier lauert die Moderne noch im Hintergrund, aber in Tommy Wieringas Roman erfasst sie das niederländisch-deutsche Grenzland mit aller Härte. Bild: Oliver Tjaden/laif

Die Globalisierung erreicht die niederländische Pampa: Tommy Wieringas Dorfroman „Santa Rita“ ist eine witzig-ernste Auseinandersetzung mit dem gefühlten wie auch dem greifbaren Niedergang.

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          „Ein kleines Land, aber gemessen an den Unterschieden zwischen Zentrum und Peripherie hatte es die Größe eines Erdteils“: Dieser Gedanke kommt Alois Krüzen über seine niederländische Heimat, als er auf Hochzeitsreise in den sechziger Jahren zum ersten Mal Amsterdam sieht. Dort zeigen sich ihm langhaarige junge Männer und Frauen „in lachlustiger Provokation“, außerdem Menschen anderer Hautfarbe, die ihm vorkommen wie vom anderen Stern. Die Band spielt eine fremde Musik namens Kaseko, und über die Eheleute heißt es: „Landeier waren sie, denen die Augen aus dem Kopf fielen.“ So groß ist der Schreck, dass Alois, ein „Drinnenmann mit festem Einkommen“, nicht einmal die Reise bis zum Ende durchhält, er offenbart seiner Braut am zweiten Morgen, dass er zurück ins Heimatdorf möchte. „Ist das dein Ernst?“, fragt sie. „Dann hätten wir besser nach Bad Bentheim fahren sollen.“ Und Alois sagt: „Ja. Das ist nicht so weit weg. Ja.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Dorf heißt Mariënveen. Der 1967 in Hof van Twente, Provinz Overijssel, geborene Schriftsteller Tommy Wieringa hat es erfunden, aber eingebettet in eine wirklich existierende Region nicht weit von jener seiner eigenen Herkunft: zwischen Hengelo und der Grenze zu Deutschland, zwischen „altsächsischen Bauernhäusern“ und einem „Hauch von Staudensellerie über dem Gras“. Mit Alois Krüzen taucht der Leser in seine fast noch idyllische Vergangenheit zurück. Mit dessen Sohn Paul Krüzen, der 1967 das dörfliche Licht der Welt erblickt, begleiten wir den Ort bis in die Gegenwart. Die hält weniger Idyllisches bereit, nämlich den Verlust allen dörflichen Charakters und das langsame Aussterben einer sogenannten „Schrumpfregion“, wie es aus dem Radio zum Missvergnügen ihrer Bewohner einmal zu hören ist.

          Gründerzeit und Verfallsgeschichte also in a nutshell: „Im neunzehnten Jahrhundert hatten es die Vorfahren zu etwas Grundbesitz gebracht. Ein Stück Land, eine Kuh, ein kleiner Bauernhof. Als die Preise noch nicht im Keller waren, hatten die letzten beiden Generationen alles wieder verkauft, was ihre Vorigen mühsam zusammengekratzt hatten.“

          Eine Landschaft im stetigen Niedergang

          Inzwischen ist Alois Krüzen also alt und hilfsbedürftig, sein Sohn ist ihm Diener, Pfleger, Koch und Vorkoster in einem. Sie leben zusammen auf einem alten Bauernhof – einst ein stolzes, dreischiffiges Gehöft, „doch ein Vorfahre hatte, als es ihm schlecht ging, die Seitenschiffe abreißen und nur den Mittelteil stehen lassen“. Wieringa hat ein sicheres Händchen für die plakative Inszenierung des stetigen Niedergangs, ja einer geradezu in Abwicklung befindlichen Welt, und er hat auch einen sarkastischen Einschlag, wenn es über die Dachbalken des um 1650 erbauten Gehöfts etwa heißt, sie haben seither „das Hausdach getragen und die Bauern, die sich im Laufe der Zeit an ihnen erhängt hatten“. Es wäre aber falsch, sich diesen Roman nunmehr als bloß düstere Angelegenheit vorzustellen, denn ab der ersten Seite wohnen ihm auch Witz und Lakonie inne, wie man sie etwa aus einem in Norddeutschland spielenden Komplementärwerk kennen könnte: aus Dörte Hansens Dorfroman „Mittagsstunde“.

          Auch bei Wieringa kommt die Globalisierung über das ehemals verschlafene Land, hier in Form von Kriminalität, Grenzenlosigkeit in jeder Hinsicht, einem Bordell namens „Shu Dynasty“ mit chinesischen Prostituierten sowie einem „Club Pascha“ mit solchen aus anderen fernen Ländern. Eine davon gibt dem Roman seinen Titel: „Santa Rita“ nennt Paul Krüzen sie, weil er wohl von ihr gerettet zu werden hofft und sich vorstellt, sie zöge bei ihm ein. Eine Heilige ist diese Rita indes nicht – diesem Klischee geht der Roman nicht auf den Leim, sondern zeigt eher, wie verquer Pauls Vorstellungen von der heimatlosen Sexarbeiterin sind, deren Kinder fernab auf den Philippinen aufwachsen.

          Wie Paul so wurde, wie er ist, erschließt der Roman durch Rückblenden in seine Kindheit. Sie sind teils holunderblütenlieblich – dann aber bitterschwer, als man schließlich erfährt, wie dem elfjährigen Jungen die Mutter abhandenkam. Da nämlich bruchlandete ein russischer Pilot, der auf sagenhafte Weise in einem Kleinflugzeug den Eisernen Vorhang überwunden hatte, im Maisfeld neben dem elterlichen Hof, den Pauls Vater rettete und mit seiner Frau bei sich zu Hause wieder aufpäppelte – bis der Russe wieder fit war und die Frau schließlich mitnahm. Diesen Roman im Roman schmückt Wieringa genüsslich aus, als der Russe zur Attraktion eines Karnevalsumzuges in Mariënveen zur Feier der freien westlichen Welt wird.

          Dreißig Jahre später ist von dieser Euphorie wenig geblieben. Paul hat inzwischen einen Internethandel mit Militaria, verbringt die Zeit mit Saufkumpanen und entwickelt aus verschiedenen Ressentiments heraus Gewaltphantasien. Was als niedliche Genre-Erzählung begann, wie sie auch aus vielen Fernsehfilmen über Landflucht oder kommunales Zusammenleben im Alter ganz gut bekannt ist, entwickelt Wieringa im Laufe des Buches zu einer immer ernsteren Geschichte, die eine gewisse Sympathie mit den Hauptfiguren in Befremden und Ekel umschlagen lässt. Immerhin schlägt in Paul Krüzen wohl ein Kohlhaas-Herz für die Gerechtigkeit, das ihn gegen einen sadistischen Bordellbetreiber aufbringt – aber das macht ihn nicht zu einem guten Menschen.

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