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Tomás González: Die versandete Zeit : Im Flugsand der Zeit

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Der Terror der Diktatur, die Schrecken des Bürgerkriegs, das Elend der Armut: In den exzellenten Romanen von Edwidge Danticat und Tomás González werden Haiti und Kolumbien zum Erzählraum für ergreifende menschliche Schicksale.

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          Zwei literarische Meisterwerke aus Lateinamerika sind zu entdecken, ihre Ursprungsländer sind geographisch benachbart, aber sprachlich und kulturell durch Welten getrennt. Kolumbien ist ein Anrainer der Karibik, in der auch Haiti liegt, aber das kastilianische Spanisch hat mit dem haitianischen Französisch und Kreolisch nicht viel gemein: Obwohl beide Völker Rum trinken und Merengue tanzen, könnte ihre Alltagskultur kaum unterschiedlicher sein. Die aus einer Sklavenrevolte hervorgegangene Inselrepublik ist welthistorisch ein Unikum; trotzdem oder gerade deshalb ist Haiti ein gescheiterter Staat, der seine Bevölkerung weder ernähren noch vor Naturkatastrophen schützen kann - ganz zu schweigen von der Etablierung von Rechtsstaat und Demokratie.

          Kaum zu glauben, dass Haiti einst dem Befreier Lateinamerikas, Simón Bolivar, Asyl gewährte und auf der Abschaffung der Sklaverei in den ehemals spanischen Kolonien bestand, denn heute ist das Inselland nicht bloß hoffnungslos überbevölkert und unterentwickelt, sondern ökologisch zerstört, wohingegen das dünn besiedelte Kolumbien vor natürlichen Reichtümern strotzt. Die Zentrifugalkraft der Klima- und Vegetationszonen ist hier stärker als die Integrationskraft der Regierung in Bogotá - Stichworte Drogenmafia, Paramilitärs und FARC -, während Haiti trotz des politischen Chaos homogen wirkt und weder ethnische noch regionale Konflikte kennt.

          Onkel Menschenfresser

          Edwidge Danticat wurde 1969 in Port-au-Prince geboren und lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in den Vereinigten Staaten. Sie schreibt auf Englisch und stellt im eingangs skizzierten Kontext eine Ausnahme dar, denn sie ist die bekannteste Autorin der so genannten Diaspora, die mit ihren Geldüberweisungen Haiti über Wasser hält - der finanzielle Beitrag der Exilhaitianer ist höher als Haitis Staatsbudget.

          Schon unter "Papa Doc", der von 1957 bis 1971 diktatorisch regierte, gab es einen Exodus von Facharbeitern und akademisch gebildeten Intellektuellen, die vor wirtschaftlicher Not und politischer Unterdrückung flohen - davon handelt Edwidge Danticats Roman, der im Original "The Dew Breakers" heißt: eine subtile Anspielung auf "Papa Docs" Geheimpolizei, die Tontons Macoutes (Knecht Ruprecht oder Onkel Menschenfresser), aber auch auf einen modernen Klassiker Haitis mit dem schwer übersetzbaren Titel "Les gouverneurs de la rosée" ("Herr über den Tau" von Jacques Roumain).

          Packende Lektüre

          Danticats Buch ist kunstvoll konstruiert, als Mosaik scheinbar unverbundener Geschichten, deren Zusammenhang sich erst im Lauf der Lektüre erschließt. Der Leser braucht einen langen Atem, denn der unter Exilhaitianern in den Vereinigten Staaten spielende Roman beginnt eher unspektakulär und gewinnt nur langsam an Fahrt, bis durch Rückblenden und Querverweise das ganze Ausmaß der Tragödie sichtbar wird. Der vor "Papa Doc" geflüchtete Vater der Protagonistin war kein Opfer der Diktatur, wie er seine Familie glauben macht, sondern ein Täter, schlimmer noch: ein gedungener Mörder, dessen Gesichtsnarbe nicht von den Tonton Macoutes stammt, sondern von einem regimekritischen Priester, den er zu Tode gefoltert hat.

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