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Tom Wolfe: Der Electric Kool-Aid Acid Test : Ein Kuckuck flog übers Hippienest

Bild: Verlag

Mit Ken Kesey durch das Amerika der sechziger Jahre: Pünktlich zum Woodstock-Jubiläum liegt Tom Wolfes legendärer Bericht „Acid Test“ in einer neuen Taschenbuchausgabe vor - und gewährt Einblicke in das Entstehen der Hippie-Bewegung.

          4 Min.

          Man muss keine Drogen genommen haben, um sich von diesem Buch etwas zu versprechen: Aufschlüsse über einen der besten und rätselhaftesten amerikanischen Romandebütanten aller Zeiten, Ken Kesey, Autor des vier Millionen Mal verkauften Nervenkriegs-Buchs „Einer flog über das Kuckucksnest“, oder über den frühen Tom Wolfe, den Starreporter aus New York, der Keseys Reise 1964 mit seiner Aktionsgruppe „Merry Pranksters“ in einem alten Schulbus quer durch Amerika akribisch beschreibt und dabei den „Neuen Journalismus“ mitdefiniert. Vor allem aber verspricht man sich, an die Wurzeln der Hippiebewegung zu gelangen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Buch beginnt als irres Roadmovie, als Fahrt auf einem Pickup-Truck durch Kalifornien, bei der nicht nur die Bordmitglieder, sondern auch die Sprache ordentlich durcheinandergerüttelt wird. Die Besatzung, Kesey-Anhänger auf dem Weg zum Gefängnis, aus dem „der Chief“ gegen Kaution entlassen werden soll, tragen „dope-strähnige Jesus-Mähne“, indianische Stirnbänder oder fluoreszierende Westen, nur einer trägt symbolisch Schlips, der Embedded Journalist an Bord, Tom Wolfe, der die Szenerie distanziert überschaut und keinen Hehl daraus macht, dass er seine Mitfahrer für nicht sehr helle und ihr Konzept für widersprüchlich hält. Warum aber ist es dem Ästheten so wichtig, sich in dieser Unvollkommenheit über mehr als fünfhundert Seiten hinweg zu suhlen und die belächelte Hippiebewegung derart ambitioniert Sprache werden zu lassen? Der „Neue Journalismus“, jene Mischung aus Recherche, Subjektivismus und literarischer Dramaturgie, den Wolfe praktiziert, läuft in seinen spöttischen Momenten Gefahr, selbst widersprüchlich zu werden.

          Eine neue Bewusstseinsebene

          Zumindest ansatzweise erfährt der Leser, wie Wolfes Mammut-Recherche über den Pranksters-Trip, der auch die Magical Mystery Tour der Beatles inspirieren wird, ins Rollen kam: Ihm waren Briefe Keseys aus dem mexikanischen Exil in die Hände gefallen, wohin dieser geflohen war, um einer Strafe wegen Drogendelikten zu entgehen. Zunächst versuchte Wolfe, Kesey in Mexiko ausfindig zu machen. Der war aber schon wieder in Amerika und dort vom FBI festgenommen worden. Am Anfang des Buches trifft Wolfe ihn in der Haft. Eine „Preisringererscheinung“ mit einem Kopf wie ein Bulle und Beinen wie Baumstämme tritt ihm entgegen - Kesey war in jungen Jahren Leistungssportler - und gibt mit „hinterwäldlerischem Charisma“ in unbedarftester Arroganz zum Besten, Wolfes New York sei bei den neuen Bewegungen „mindestens zwei Jahre hintendran“, um dann folgenschwer zu erklären, sein neues Projekt sei ein „Acid Test“, bei dem es, Wolfe referiert Keseys Vorhaben, um „Ausdrucksformen gehe, bei denen es keine Trennung mehr zwischen ihm und seinem Publikum geben würde. Alles würde zu einer einzigen großen Erfahrung verschmelzen.“

          An dieser Stelle brennen wohl nicht nur Individualisten die Sicherungen durch. Provoziert von diesem vielfach widerlegten Verständigungsideal, bringt man innerlich die Distanz zwischen Ich-, Mit- und Dingwelt in Stellung, durch die ästhetische Erfahrung, Bedeutungsvielfalt und Freiheit doch wohl erst ermöglicht werden. Jetzt versteht man auch, warum Kesey seine vielversprechenden epischen Arbeiten eingestellt hat und stattdessen begann, mit einem multimedial aufgerüsteten Bus, bezahlt von den Bucherlösen, seine Außenwelt mit psychedelischer Musik und Klangexperimenten zwangszubeschallen und sie bei drogengestützten „Acid Tests“ auf eine neue Bewusstseinsebene zu befördern. Nach wie vor will Kesey entgrenzen, aber nicht mehr poetisch, spielerisch, distanziert, sondern brachial und zwanghaft.

          Auf dem Weg nach Woodstock

          Wie sonderbar, hatte sein geniales Freiheits-Plädoyer in „Einer flog über das Kuckucksnest“ von 1962 doch das Gegenprogramm definiert. Hier hatte die tyrannische „Große Schwester“ Ratched die Hauptfigur McMurphy und alle auf ihrer Station Aufbegehrenden unter anderem durch musikalische Zwangsbeschallung an ihrer Mündigwerdung gehindert. Tom Wolfe, der über den Dingen stehende Beobachter, hat dem Anschein nach wenig Sympathie für den nachliterarischen „Chief“, der wie der Erzähler des „Kuckucksnests“, Chief Bromlin, genannt wird, aber das Gegenteil von ihm geworden ist. Hier setzt Wolfes fast beckmesserisches, da kaum überprüfbares Argument gegen den sich zunehmend religiös verklärenden Kesey an: Er ist im Windschatten eines angestrebten kollektiven Wohlbefindens selbst so autoritär und einfühlsam tyrannisch geworden wie Oberschwester Ratched. Und wie sie treibt er einige seiner Anhänger durch seine Experimente, bei denen er allerdings LSD statt Strom einsetzt, in den Wahnsinn.

          Heute gehört dieser Kritikpunkt, zu seiner Zeit womöglich hellsichtig, zum Abwehrinventar der Achtundsechziger-Bewegung. Auf der anderen Seite würdigt Wolfe, indem er Recherchiertes wie Selbsterlebtes schildert, um „die geistige Atmosphäre ... des ganzen Abenteuers wiederauferstehen zu lassen“, die Pionierleistung der Gruppe um Kesey, aus der später die Band „Grateful Dead“ hervorgehen wird und die mit ihrer Lebensweise das größte Kollektivereignis der sechziger Jahre vorgeprägt hat: Woodstock, das in seinen räumlichen und personenmäßigen Ausmaßen den engen Busraum sprengte und die Zwangsbeschallung der Außenwelt durch die lustvolle Selbstbeschallung einer Generation ersetzte.

          Höhnische Sprachgewalt in schauderhafter Übersetzung

          Es ist gewiss kein Zufall, dass die Sicherheit in Woodstock von der „Hog Farm“ gewährleistet wurde, gegründet von dem Hippie-Clown und einstigen Prankster Hugh Romney, der durch den Woodstock-Film mit seiner Mikrofon-Ansage am ersten Konzertmorgen berühmt wurde, er würde jetzt gerne vierhunderttausend Menschen das Essen ans Bett bringen. Keseys Befreiungsvision, die aufgrund ihrer immer wieder künstlich herbeigeführten Engräumigkeit beklemmt, erhält hier eine unwiderstehliche, weiträumige Eigendynamik, die nicht charismatisch begründet ist und wahrscheinlich nur deshalb so harmonisch verläuft.

          Wahrscheinlich legte man Tom Wolfes voluminöses Buch, das trotz der auch in der deutschen Neuausgabe manchmal schauderhaften Übersetzung durch seine höhnische Sprachgewalt und seine wüsten Assoziationen, die gewissermaßen James Joyces Bewusstseinsstrom unter LSD setzen, ungemein frisch wirkt, mit gespaltenen Gefühlen beiseite, wenn da nicht die Schlussnummer mit dem nach einer missglückten „Acid-Reifeprüfung“ vereinsamt auf der Bühne singenden Ken Kesey wäre. Keiner wollte sich von ihm an diesem Abend erleuchten lassen, so tut er es selbst und steigert sich in eine psychedelische Blues-Improvisation hinein, an deren Ende die neunfache, ihn mit sich und der Welt versöhnende Einsicht steht: „Wir haben es vermasselt.“ Am Schluss bringt die Distanz dann doch wieder die Kunst der Wahrheit hervor.

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