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Tom Wolfe: Der Electric Kool-Aid Acid Test : Ein Kuckuck flog übers Hippienest

Auf dem Weg nach Woodstock

Wie sonderbar, hatte sein geniales Freiheits-Plädoyer in „Einer flog über das Kuckucksnest“ von 1962 doch das Gegenprogramm definiert. Hier hatte die tyrannische „Große Schwester“ Ratched die Hauptfigur McMurphy und alle auf ihrer Station Aufbegehrenden unter anderem durch musikalische Zwangsbeschallung an ihrer Mündigwerdung gehindert. Tom Wolfe, der über den Dingen stehende Beobachter, hat dem Anschein nach wenig Sympathie für den nachliterarischen „Chief“, der wie der Erzähler des „Kuckucksnests“, Chief Bromlin, genannt wird, aber das Gegenteil von ihm geworden ist. Hier setzt Wolfes fast beckmesserisches, da kaum überprüfbares Argument gegen den sich zunehmend religiös verklärenden Kesey an: Er ist im Windschatten eines angestrebten kollektiven Wohlbefindens selbst so autoritär und einfühlsam tyrannisch geworden wie Oberschwester Ratched. Und wie sie treibt er einige seiner Anhänger durch seine Experimente, bei denen er allerdings LSD statt Strom einsetzt, in den Wahnsinn.

Heute gehört dieser Kritikpunkt, zu seiner Zeit womöglich hellsichtig, zum Abwehrinventar der Achtundsechziger-Bewegung. Auf der anderen Seite würdigt Wolfe, indem er Recherchiertes wie Selbsterlebtes schildert, um „die geistige Atmosphäre ... des ganzen Abenteuers wiederauferstehen zu lassen“, die Pionierleistung der Gruppe um Kesey, aus der später die Band „Grateful Dead“ hervorgehen wird und die mit ihrer Lebensweise das größte Kollektivereignis der sechziger Jahre vorgeprägt hat: Woodstock, das in seinen räumlichen und personenmäßigen Ausmaßen den engen Busraum sprengte und die Zwangsbeschallung der Außenwelt durch die lustvolle Selbstbeschallung einer Generation ersetzte.

Höhnische Sprachgewalt in schauderhafter Übersetzung

Es ist gewiss kein Zufall, dass die Sicherheit in Woodstock von der „Hog Farm“ gewährleistet wurde, gegründet von dem Hippie-Clown und einstigen Prankster Hugh Romney, der durch den Woodstock-Film mit seiner Mikrofon-Ansage am ersten Konzertmorgen berühmt wurde, er würde jetzt gerne vierhunderttausend Menschen das Essen ans Bett bringen. Keseys Befreiungsvision, die aufgrund ihrer immer wieder künstlich herbeigeführten Engräumigkeit beklemmt, erhält hier eine unwiderstehliche, weiträumige Eigendynamik, die nicht charismatisch begründet ist und wahrscheinlich nur deshalb so harmonisch verläuft.

Wahrscheinlich legte man Tom Wolfes voluminöses Buch, das trotz der auch in der deutschen Neuausgabe manchmal schauderhaften Übersetzung durch seine höhnische Sprachgewalt und seine wüsten Assoziationen, die gewissermaßen James Joyces Bewusstseinsstrom unter LSD setzen, ungemein frisch wirkt, mit gespaltenen Gefühlen beiseite, wenn da nicht die Schlussnummer mit dem nach einer missglückten „Acid-Reifeprüfung“ vereinsamt auf der Bühne singenden Ken Kesey wäre. Keiner wollte sich von ihm an diesem Abend erleuchten lassen, so tut er es selbst und steigert sich in eine psychedelische Blues-Improvisation hinein, an deren Ende die neunfache, ihn mit sich und der Welt versöhnende Einsicht steht: „Wir haben es vermasselt.“ Am Schluss bringt die Distanz dann doch wieder die Kunst der Wahrheit hervor.

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