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Tom McCarthy: 8 ½ Millionen : Das wird ein Nachspiel haben

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Bild: Verlag

Autoren, die sich gleich mit ihrem ersten Roman derart in die erste literarische Reihe katapultieren, sind selten. Mit „8 ½ Millionen“ ist dem Briten Tom McCarthy genau das gelungen. Nicht nur seine ollegin Zadie Smith ist voller Bewunderung.

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          Schon Kierkegaard fragte in seiner philosophisch-literarischen Schrift „Die Wiederholung“, inwiefern menschliche Erfahrungen erneuerbar sind. Ein äußerst schwieriges Unterfangen, da ein ursprünglich erlebter Eindruck an eine Unmenge winziger Details gebunden ist und eine Rückkehr in die Zeit vor einem Erlebnis, die erinnerungslose Wiederkehr, unmöglich erscheint. Dabei könnte genau dies ein äußerst beglückendes Moment darstellen, wurde doch sogar Popmusiker Prince in einem seiner Lieder nicht müde zu betonen: „There’s joy in repetition.“

          Genau nach dieser Freude strebt der dreißigjährige Protagonist von „8½ Millionen“, dem Debütroman von Tom McCarthy, für den der 1969 geborene britische Schriftsteller und Künstler im vergangenen Jahr den Believer Book Award erhielt.

          Wenn Technologie vom Himmel fällt

          Nach einem Unfall – Technologie war vom Himmel gefallen – hat der namenlose Ich-Erzähler nämlich den Bezug zur materiellen Welt verloren. In all seinem Tun fühlt er sich unecht; seine Handlungen empfindet er als bloße Duplikate, unnatürlich, nichtauthentisch und erworben. Denn in einer Therapie musste der traumatisierte Londoner lernen, sich jede einzelne Bewegung zunächst gedanklich zu vergegenwärtigen, sie zu begreifen, sie in einzelne Segmente zu zerlegen, also fortwährend den Umweg über das Verstehen zu nehmen, um anschließend eine Tat ausführen zu können. Das Gefühl unmittelbarer Echtheit, das er ausgerechnet in den einstudierten Gesten von Hollywoodstars verkörpert sieht, stellt sich für ihn im Alltag daher nicht ein. Erst die zufällige, so detaillierte wie bruchstückhafte Erinnerung an ein besonderes Gebäude und an beiläufige Begebenheiten darin weckt in ihm die Hoffnung, wieder mit seinem körperlichen Dasein zu verschmelzen und dabei ein wohliges Kribbeln zu registrieren. Da kommt es gerade recht, dass er für sein Stillschweigen über den Verlauf seines Unglücks, an den er sich ohnehin nicht mehr erinnern kann, eine Abfindung in Höhe von achteinhalb Millionen Pfund erhält. Mit dieser Summe kann er sein monströses Rekonstruktionsprogramm in die Tat umsetzen: die Realität nach seinen Vorstellungen mit Hilfe requirierter Schauspieler zu gestalten und die von ihm geschaffene Welt auf seinen Befehl hin in aktive und passive Phasen zu versetzen, die er je nach Gusto verlangsamen, wiederholen, verändern und anhalten kann. Außenwelt und Erinnerung dienen ihm, einer perfiden Logik folgend, allein als Vorlage für penible Tableaux vivants.

          Gesteigerter Wahn nach dem Wunder der Transsubstantiation

          McCarthy, Generalsekretär des semi-fiktiven Avantgarde-Netzwerks „International Necronautical Society“, für das er konzeptkünstlerische Manifeste verfasst, stattet seine Hauptfigur mit einer Sprache von unfasslicher Präzision und Kälte aus. Dadurch lässt er die surrealen Ideen eines neurotischen Kontrollfreaks, der jedes noch so banale Wirklichkeitsfragment minutiös analysiert, umso nachvollziehbarer erscheinen. Jemandem, der selbst den Lauf der Sonne nicht ohne weiteres akzeptieren kann, gesteht man auch zu, im gesteigerten Wahn nach dem Wunder der Transsubstantiation zu streben und einen Triumph über die für ihn so ungreifbar erscheinende Materie zu feiern. Für den Kampf gegen diese Windmühlen, die physikalischen Gesetze, wird ihm als moderner Sancho Pansa ein bürokratischer Eiferer namens Nazrul Vyas zur Seite gestellt, der als Angestellter von „Time Control UK“ Befriedigung allein aus der wachsenden Menge an zu verarbeitenden Informationen bezieht. Zunächst beäugt er skeptisch die allmählich diktatorische Züge annehmenden Umtriebe seines zahlungskräftigen Auftraggebers. Doch je stärker ihn dessen extravagante Wünsche herausfordern, desto faszinierter und akribischer arbeitet er mit. Gemeinsam jagen sie in mehreren sogenannten „Nachspiel“-Verfahren einem Déjà-vu nach. Diese aufwendigen Reinszenierungen früherer Ereignisse – eines Gesprächs im Treppenhaus, einer Episode in einer Reifenwerkstatt oder einer Schießerei in der Nachbarschaft – nehmen ihre ganze Konzentration in Anspruch. Sie begeistern sich für logistische und kriminaltechnische Prozesse, die in ihrer Funktionalität Glücksgefühle mit hohem Suchtfaktor auslösen. Wer einen sanften Kick verspürt, verlangt den nächsten umso heftiger.

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