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Roman über das alte Rom : Maßlos war’s dem Imperium am liebsten

Wenn eine Feier aus dem Ruder läuft, ist dieser Veranstalter zufrieden: das Gastmahl des Trimalchio, wie Lovis Corinth es 1919 sah. Bild: INTERFOTO

Dreistimmig erzählt dieser Roman vom Leben eines Satirikers im alten Rom: Tom F. Lange treibt mit Lust und List ein literarisches Vexierspiel mit Petronius.

          5 Min.

          Das ist ein Buch, an dem man sich alle Zähne ausbeißt. Ein monumentales Werk aus dem totalen Off. Siebenhundert Seiten sprechende Stimmen aus der Antike, als kämen sie von nebenan. Nein, nicht von nebenan, aber von gegenüber, von der anderen Straßenseite. Man versteht fast alles und weiß doch, dass die Worte nicht an einen selbst gerichtet sind. Das ganze Buch ist eine einzigartige, alle Register der Anverwandlung und schöpferischen Fortschreibung ziehende Imitation. Eine wirkliche Transformation der Antike, wie sie an Universitäten und in Sonderforschungsbereichen gelehrt und untersucht werden. Unter der Maßgabe, nicht von einer totalen Formbarkeit des Stoffes auszugehen, die Antike als reinen Traum des Philologen zu verstehen, sondern den Blick auch für ihre andauernde Suggestivkraft, ihre dynamis zu schärfen und dabei nicht zu verkennen, dass aller moderner Konstruktionswille eben doch von dem abhängt, was die Antike an Urstoff überliefert: Geschichten, Figuren, Stil und Glaubensfragen.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Der geschichtsphilosophisch gesinnte Historiker Reinhart Koselleck hat in diesem Zusammenhang einmal von einem „Vetorecht der Quelle“ gesprochen, die eben nicht einfach alles mit sich machen lässt, sondern selbst bei wuchtigsten Transformationen noch die Richtung mitbestimmt. Und so ist auch „Petronica“, das kühne, in jeder Hinsicht maßlose Debüt des österreichischen Schriftstellers Tom F. Lange (ein Pseudonym) tief geprägt von dem, was es verwandeln will: nämlich von Leben und Lebenswelt des kaiserzeitlichen römischen Schriftstellers Petronius, der als arbiter elegantiae, als schiedsrichtender Meister in der Kunst des feinen Lebensgenusses galt. Zunächst am Hofe des verrufenen Kaisers Nero hoch angesehen, fiel er 66 nach Christus der Intrige eines neidischen Höflings zum Opfer und beging Selbstmord, nicht ohne dem exzentrischen Kaiser zuvor eine Schrift zukommen zu lassen, in der er all dessen grausame Verfehlungen schilderte.

          Allerdings ist Petronius der Nachwelt nicht deshalb, sondern wegen eines fragmentarisch erhaltenen Schelmenromans ein Begriff geblieben, bei dem seine Urheberschaft durchaus nicht zweifellos gesichert ist: Die „Satyrica“ erzählen, geschildert aus der Ichperspektive, die vielfach grotesken, mitunter aberwitzig peinlichen, aber immer unterhaltsam überraschenden Liebes- und Lebensabenteuer eines Jünglings. Das Werk – das das in Rom beheimatete Treiben ins süditalienische Kroton verlegt – ist eine derbe Parodie auf die Liebesromane seiner Zeit und bietet Sittenschilderungen von zügellosem Witz und Realismus. Es dient der althistorischen Wissenschaft dabei nicht nur als wichtigstes Zeugnis für die lateinische Vulgärsprache, sondern auch als Quelle für die Sozialgeschichte und das Privatleben der Römer.

          Insbesondere die Schilderung der „cena Trimalchionis“, des Gastmahls eines protzenden Emporkömmlings, der sich über alle guten Sitten hinwegsetzt und somit trotz seines Reichtums bei der Hautevolee durchfällt, wird noch heute in jedem Proseminar zur römischen Gesellschaftsordnung angeführt, um den besonderen Ehrenkodex zu verdeutlichen: Nicht wer viel Geld macht und einem plumpen Materialismus frönt, wird in Rom hoch angesehen, sondern wer aus einer berühmten Familie kommt und politische Ämter besetzt. „Wer Politik trieb, war adlig, und wer adlig war, trieb Politik“, lautet Christian Meiers berühmte Lehrformel in diesem Zusammenhang.

          In dem bis heute klassischen Standardwerk über die „Sittengeschichte Roms“ von Ludwig Friedländer basiert ein ganzes Kapitel über den „geselligen Verkehr“ fast ausschließlich auf Petrons Schilderungen. Im Rom unter Nero, so paraphrasierte Friedländer den jede Doppelmoral zerbeißenden Satiriker, würden alle Menschen in zwei Parteien geteilt: „entweder angeln sie oder lassen nach sich angeln. Es ist eine Stadt, die einem Gefilde in einer Pest gleicht, auf dem es nichts gibt als Leichen und Raben, die sie zerfleischen.“

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