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: Tinius kommt!

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Bei zwei Namen stockt der Atem echter Büchernarren: Don Vincente und Johann Georg Tinius. Dem spanischen Mönch und skrupellosen Bücherräuber im Nebenamt setzte Gustave Flaubert 1836 ein erzählerisches Denkmal. Und den sächsischen Pfarrer Tinius wollten schon viele literarisch porträtieren, etwa Paul ...

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          Bei zwei Namen stockt der Atem echter Büchernarren: Don Vincente und Johann Georg Tinius. Dem spanischen Mönch und skrupellosen Bücherräuber im Nebenamt setzte Gustave Flaubert 1836 ein erzählerisches Denkmal. Und den sächsischen Pfarrer Tinius wollten schon viele literarisch porträtieren, etwa Paul Gurk mit seinem 1937 am Deutschen Theater in Berlin sehr erfolgreich aufgeführten Drama "Magister Tinius, Drama des Gewissens". Bei Gurk folgt auf das verborgene Selbstgeständnis seiner Verbrechen eine gewagte Rechtfertigung des Bibliomanen: "Jede Tat ist entschuldigt und gerechtfertigt, die um ein Buch getan wird." Die bizarre Idee, Bücher könnten mehr gelten als Menschen, kommt eben nicht allein Canettis Peter Kien.

          Tinius hat sich in Wirklichkeit nie zu der langen Reihe von Straftaten bekannt, die er um der Bücher willen begangen haben soll. Diebstahl und Raub unter Einsatz raffinierter Betäubungsmittel und Camouflagen wurden gekrönt durch den Vorwurf, 1812 den Kaufmann Schmidt und 1813 die Witwe Kunhardt in Leipzig erschlagen zu haben. Seither galt dort der Ruf "Tinius kommt!" als Synonym für Angst. Seine Schuld konnte nie zweifelsfrei erwiesen werden, der Indizienprozeß dauerte ganze zehn Jahre. Detlef Opitz, der in der DDR mit Büchern handelte und seine eigene große Bibliothek beim Pokern verspielte, geht jetzt mit einem "Criminal" in die Revision. Wer hat damals was gesehen? Wodurch hat Tinius Zeugen beeinflußt? Wie sind bestimmte Legenden entstanden? Lassen sich Widersprüche in den Akten auflösen? Opitz stellt zahllose Fragen, um dadurch eine eingehende Entlastung des berüchtigten "Büchermörders" einzuleiten.

          Das Buch ist originell und experimentell, kühn und sperrig zugleich. Opitz legt keinen bloßen "Bericht" vor, wie es einmal im Text heißt. Vielmehr erfindet er eine neue Gattung zwischen erzählter Biographie, historischer Dokumentarcollage, Pitavalgeschichte und Recherchekrimi. Neben den Erzähler, der gesicherte Fakten präsentiert, arrangiert und inszeniert, treten der archivalische Herausgeber, der überbordend zitiert und alles pünktlich sichert, sowie der Verfasser selbst als reisender Spürhund, der jede fein gewitterte Fährte ausdauernd verfolgt. All diese verschiedenen Rollen und kunstvoll verschlungenen Handlungsstränge sind mit einer Vielfalt von Mundarten und altfränkischen Wendungen ausgestattet. Von groben Invektiven wechselt der Autor geschmeidig in zierlich gedrechselte Artigkeiten aus den Zeiten seines Namensvetters, des "Poëtereyopitz". Sprachliche Eigenarten der Frühen Neuzeit empfindet er nicht nur semantisch und syntaktisch nach, er imitiert sie sogar orthographisch.

          Nirgends verleugnet Opitz seine eigene Liebe zu alten Drucken, nicht nur, wenn er genüßlich in den verbliebenen 16 650 Titeln aus dem Auktionskatalog von Tinius' Restbibliothek stöbert. Die Ränder seines Buches sind gefüllt mit Marginalien und Fußnoten, die den Haupttext umranken. Man findet da bibliographische Nachweise, historische Zitate oder aktuelle Rechtsfälle, etwa den spektakulären Mord des Pastors Klaus Geyer aus dem Braunschweigischen, der wie Tinius nur auf Grundlage von Indizien verurteilt wurde. Der barocke Zuschnitt dieses Werks zeigt sich zudem in der obsessiven, zuweilen auch ermüdenden Gründlichkeit und Vollständigkeit, mit der Opitz sich in alle nur greifbaren Akten und Dokumente vertieft. Irgendwann fällt es schwer, das Heer der Haupt- und Nebenzeugen, der Richter, Anwälte und Sachverständigen, aller (stets kleinlich korrigierten) früheren Berichterstatter - vom "Neuen Pitaval" bis zu manchem Hobbyhistoriker - zu überblicken. Kaum nötig zu sagen, daß jede vorkommende Figur erkennungsdienstlich behandelt wird, kein Kirchenregister und keine Lokalchronik ist dafür zu entlegen.

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