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Roman von Tilman Spengler : Chinas Ruhm ist auf Ton gebaut

Was zeigt uns China da? Dass ihm Hohlköpfe sympathisch sind. Tilman Spengler spinnt eine geistreiche Archäologiegroteske um die Terrakotta-Armee. Bild: Jean Pierre JANS/REA/laif

Da sitzt der Geschichtsingenieur in der Glücksbehörde: Tilman Spengler hat einen aberwitzigen Roman über die chinesische Kulturrevolution geschrieben.

          4 Min.

          Am Anfang sehen wir den Helden des Romans, den jungen sowjetischen Kulturberater Leo Zwirn, im März 1960 an jenem Ort ankommen, an den ihn seine russischen und chinesischen Vorgesetzten strafversetzt haben: beim Museum für Kunst und Geschichte in der alten chinesischen Stadt Xian. Das Ereignis wird jedoch nicht direkt geschildert, sondern als Szene eines damals mit Handkamera aufgenommenen Schwarzweißfilms im 8-Millimeter-Format, der sich nur mit einem unzuverlässigen, aus der Zeit der Handlung stammenden Gerät abspielen lässt. Der Apparat muss wie eine Spieluhr aufgezogen werden, seine Mechanik ist aber so ausgeleiert, dass er den Film mit ganz unterschiedlichen und völlig unberechenbaren Geschwindigkeiten abspult.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die ruckhaft ausgestreckte rechte Hand des Ankömmlings erscheint dann mal als herzlicher Willkommensgruß und mal als Fortscheuchen des chinesischen Empfangskomitees. „Der kurze Streifen bestimmt so nicht nur seine eigene Zeit“, bemerkt der Erzähler, „er versieht die Handlung auch mit ganz unterschiedlichen Deutungen.“ Der Einfall mit den zittrigen Filmbildern ist charakteristisch für die gesamte Perspektive, aus der heraus Tilman Spengler seinen Roman erzählt: Sie verwandelt dessen Handlung in einen Slapstick der Gesten und Ideen, der die Leser ohne jede Schwere mit dem Aberwitz vertraut macht, der auch in der realen Welt existiert.

          Wirklichkeit und dramaturgisches Geschick

          Kurz gesagt geht es in dem Buch darum, dass der sowjetische Berater das bald von der Kulturrevolution ergriffene China mit angewandter postmoderner Theorie dazu bringt, sich mittels einer gefälschten Terrakotta-Armee als kapitalistische Großmacht neu zu erfinden. Der Reiz dieser Groteske ergibt sich nicht zuletzt daraus, dass man sich nie so ganz sicher sein kann, was von deren absurden Fügungen denn da nun fiktiv ist und was tatsächlich stimmt.

          Dass die Volksbefreiungsarmee ein eigenes Auktionshaus aufmacht, um damit auf dem internationalen Kunstmarkt mitzumischen, wie es am Ende heißt, das ist doch zum Beispiel sicher eine gemeine Erfindung des Autors? Nein, das ist die pure Wirklichkeit, das Militär ist einer der größten kulturindustriellen Akteure in China. Dann ist es vielleicht auch wahr, dass die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers, die 1974 von ein paar Bauern beim Brunnengraben entdeckt worden sein soll und mit der China seither jede Menge Geld und Soft Power einheimst, bloß ein gigantischer archäologischer Fälschungscoup ist? Nein, natürlich nicht, aber es spricht sehr für das dramaturgische Geschick Tilman Spenglers, den Realitätsboden so zum Schwanken zu bringen, dass man für ein paar Augenblicke ins Grübeln kommt.

          Die kulturrevolutionäre Dynamik

          Der Sinologe Spengler nutzt die Gebräuche der maoistischen Bürokratie und des chinesischen Alltags als Rohstoff nicht nur für seine Pointen, sondern auch für die ganz eigene Dialektik der Handlung. Der leichte humoristische Ton darf nicht dazu verleiten, den Roman für harmlos oder gar verharmlosend zu halten. Er ist, auch wenn er in den sechziger und siebziger Jahren spielt, eine Parabel auf das heutige China, auf dessen Staatsziel des „Großen Wiederaufblühens der chinesischen Nation“, auf die allgegenwärtige Fake-Kultur, hinter der staatliche Korruption ebenso stecken kann wie der Selbstbehauptungswillen der kleinen Leute, auf den Markt, der alles antreibt. Die Historie selbst erscheint da als formbare flexible Masse, oder, mit den Worten des Stählernen Wu, eines politischen Kommissars, der im Roman der ständige Widerpart des Helden ist: „Geschichte ist eine Herausforderung, der wir uns jederzeit gewachsen zeigen.“

          Gerade hat Wu verkündet, dass sich die Volksrepublik jetzt von der Sowjetunion lossage und dass das, was früher galt, jetzt nicht mehr gelte. Nicht alle können sich so schnell umstellen: „An Stalin wird man doch noch festhalten dürfen“, mault einer. Das Museum für Kunst und Geschichte in Xian fürchtet, als eine auf Konservierung angelegte Institution inmitten der revolutionären Strudel unterzugehen, und da kommt ihm dieser Russe gerade recht, in dessen Personalakte sich sowohl Hinweise auf seine Rolle bei der nie ganz geklärten Vervielfältigung einiger Malewitschs als auch auf zahlreiche Liebschaften finden. Und tatsächlich wird Zwirn dem in ihn gesetzten Vertrauen gerecht. Er macht sich die kulturrevolutionäre Dynamik zunutze, indem er ein paar eigenhändig verfertigte Kritzeleien als verschollene abstrakte Zeichnungen des Großen Vorsitzenden von 1928 ausstellt und alle Zweifel daran als typische Machenschaften der Reaktion im Keim erstickt. „Nur Anarchisten haben eine so schwarze Seele, dass sie es wagen, die unsterblichen Talente des Großen Vorsitzenden in Zweifel zu ziehen“, lässt er auf ein Banner am Eingang des Museums pinseln.

          Weg mit den Dynastien

          Noch größer ist dann der Coup mit der Terrakotta-Armee, für den Zwirn ein paar Gelehrte aus Straflagern rekrutiert. Auch hier manipuliert er die offizielle Rhetorik auf ganz ähnliche Weise, wie die Machthaber selbst das tun. „Wir betrachten unser Museum als eine gewaltige Turbine“, erklärt er seinen Mitarbeitern: „Wir liefern Kraft, indem wir aus dem Strom der chinesischen Geschichte Energie für den Fortschritt dieser Geschichte erzeugen.“

          Am stärksten ist in diesem Roman die Exposition, da ist schon alles Weitere angelegt. Später, wenn die große Welt sich über das archäologische Weltwunder beugt und französische Studentinnen, Archäologen aus Cambridge und deutsche Sinologen (mit ihren auch in der nichtfiktionalen Welt existenten Klarnamen) in die Fabel verwoben werden, franst die Handlung etwas aus, und das Ende kommt ein bisschen abrupt.

          Doch das tut dem Witz und der Intelligenz der gesamten Anlage keinen Abbruch. Schließlich nimmt Leo Zwirn mit der Aussicht, andernfalls verhaftet zu werden, das Angebot an, seine Fähigkeiten als Geschichtsingenieur an einer neugeschaffenen Glücksbehörde in Peking unter Beweis zu stellen, um dort ganze Dynastien zum Verschwinden zu bringen. So wie vom Beginn seiner chinesischen Karriere nur eine verwackelte Filmaufnahme existiert, gibt es vom Ende dieser Geschichte nur ein fernes Hörensagen: Jemand soll gesehen haben, wie er in Peking am Platz des Himmlischen Friedens im schnittigen Funktionärsanzug aus einer dicken schwarzen Limousine stieg.

          Tilman Spengler: „Made in China“. Roman. Transit Buchverlag, Berlin 2021. 240 S., geb., 24,– €.

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