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: Tigerinnen weinen nicht

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Gemütlich kann es nicht sein für den kleinen Wen, so eingeklemmt zwischen den riesigen Fangzähnen. Die Tigerin sieht gefährlich aus, die Krallen hat sie ausgefahren. So zeigt es Chen Jianghong auf dem Cover seines Bilderbuchs "Der Tigerprinz". Später wird der Maler darstellen, wie Mutterliebe die Tigerin überwältigt und sie das Kind bei sich aufnimmt.

          Gemütlich kann es nicht sein für den kleinen Wen, so eingeklemmt zwischen den riesigen Fangzähnen. Die Tigerin sieht gefährlich aus, die Krallen hat sie ausgefahren. So zeigt es Chen Jianghong auf dem Cover seines Bilderbuchs "Der Tigerprinz". Später wird der Maler darstellen, wie Mutterliebe die Tigerin überwältigt und sie das Kind bei sich aufnimmt. Wie Wen unter die Tiger fällt: Das Grundmuster der Geschichte ist archaisch, das Motiv oft variiert. Ein Kind verläßt die schützende Atmosphäre des Elternhauses und geht hinaus in eine Welt voller Gefahren. Es wird eine Bewährungsprobe bestehen, etwas lernen und am Ende zurückkehren, um erwachsen zu werden. Eine Ursituation.

          Bei Jianghong geschieht das einem kleinen Prinzen im mittelalterlichen China. Wen muß hinaus ins feindliche Leben, weil seine kaiserliche Familie ein Problem hat. Jäger haben die Kinder der Tigerin getötet, jetzt verwüstet die Mutter Dörfer und attackiert Menschen. Der Kaiser folgt dem Rat seines Weisen, den eigenen Sohn zu ihr in den Urwald zu schicken. Also macht Wen sich auf den Weg. An enormen Wasserfällen vorbei, durch Baumriesenwurzeln hindurch und über dünne Baumstämme, die als unsichere Brücken über reißende Flüsse führen. Alles ist so viel größer als der kleine Wen, so bedrohlich, ihn weit überragend und düster. Tapfer stapft er los mit seinem Bündel aus rotem, geblümtem Tuch, und das sieht aus wie bunte Hoffnung, gar nicht wie kaiserliches Accessoire. Dann riecht ihn die Tigerin, fährt in ihrem Haß auf ihn los - und zerreißt ihn doch nicht. Sie erinnert sich, wie sie ihre eigenen Kinder im Maul getragen hat, und nimmt Wen mit sich. Schon sieht der Dschungel viel freundlicher aus. Auf einer Doppelseite träumt ein kleiner See mit Seerosen in beruhigendem Blau vor sich hin, und zwischen Bambusstämmen prunkt ein Paradiesvogel.

          In seinen Bilderbüchern hat Chen Jianghong bisher immer auf Stoffe aus der chinesischen Kultur zurückgegriffen. "Han Gang und das Wunderpferd" erzählt eine Geschichte um einen chinesischen Maler, "Zhong Kui" die der Peking-Oper. Die Fabel vom Tigerprinzen ist inspiriert von einem Bronzegefäß aus dem 11. Jahrhundert.

          Jianghong malt in traditioneller Technik, Tusche auf Reispapier. An manchen Stellen tuscht er die Landschaft einfach so hin, dann wiederum schält er aus den Farbflächen scharf die Details heraus. Großflächig konturiert er in Farbstimmungen den Urwald, filigran und in wunderbarem Wechselspiel von feinem Strich und delikater Kolorierung entwirft er die gegensätzliche Welt des kaiserlichen Hofes. Auch andere Einflüsse lassen sich in den Bildern finden. Der steil aufragende Felsen im Revier der Tigerin gleicht sehr dem Felsen, von dem aus Walt Disneys König der Löwen Ausschau hielt. Und Wen scheint fast so etwas wie ein chinesischer Bruder von Mowgli. Als halbwüchsigen Dschungeljungen freilich läßt Jianghong ihn aussehen, als sei er einem japanischen Comic entsprungen.

          Wichtiger sind die Unterschiede. So zeichnet Jianghong seine Tigerin nicht als zu groß geratenes, kuscheliges Haustier. Vielmehr sehen wir ein Geschöpf voller Kraft, gefährlich, wendig, riesig. Diese Kraft springt einem aus jeder Seite entgegen. Einmal jedoch geht doch der Disney mit dem Maler durch. Als Wen seiner Tiermutter eine Pfeilspitze aus dem Körper ziehen will, ruft der Schmerz noch einmal den Menschenhaß der Tigerin hervor. Wieder siegt die Mutterliebe - und diesmal läßt Jianghong ihr drei Tränen aus den Augen kullern. Obwohl doch alle wissen: Tigerinnen weinen nicht.

          Jianghongs Geschichte ist auch so dramatisch genug. Perspektivenwechsel zwischen Totale und Großaufnahme und abwechselnd aufgeteilte gestaffelte Bildseiten schaffen eine atemberaubende Dynamik. Sie wird auch von den Farben mitgetragen. Rundum rot flammt es auf, als des Kaisers Soldaten den Wald anzünden, um die Tigerin einzukreisen. Das ist der Höhepunkt der Geschichte. Mitten im Flammenkreis erkennt die Kaiserinmutter ihr Kind und kann die Situation ins Gute wenden. Die Tiermutter wird in den Wald zurückkehren und Wen in den elterlichen Palast. Dort wird er lernen, was ein Prinz wissen muß, und, wie Mowgli, die Lektion aus dem Urwald nie wieder vergessen. Er wird als erwachsener Mann wiederkommen und tun, was Väter tun sollten: ihren Kindern Erfahrungen weitergeben.

          FRITZ WOLF.

          Chen Jianghong: "Der Tigerprinz". Aus dem Französischen übersetzt von Erika und Karl A. Klewer. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2005. 40 S., geb., 16,90 [Euro]. Ab 4 J.

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