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: Thriller mit Hang zur Raserei

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Zweimal "Blut" schon im Titel eines Romans, der sich im Untertitel als Thriller ausgibt? Durchschnittlich fließt, spritzt, färbt, sprudelt, gluckert Blut auf fast jeder zweiten Seite durch die Geschichte, in der sogar Stimmen "tiefrot" brüllen. "Mein Blut ist das Blut eines anderen" ist Krimi, Liebesgeschichte und ständig ins Groteske kippende Horrorstory in einem.

          Zweimal "Blut" schon im Titel eines Romans, der sich im Untertitel als Thriller ausgibt? Durchschnittlich fließt, spritzt, färbt, sprudelt, gluckert Blut auf fast jeder zweiten Seite durch die Geschichte, in der sogar Stimmen "tiefrot" brüllen. "Mein Blut ist das Blut eines anderen" ist Krimi, Liebesgeschichte und ständig ins Groteske kippende Horrorstory in einem. Blut spielt auch noch eine wichtige Rolle als Träger von Erbinformation und Gegenstand von Theorien zum Zusammenhang von Typus und Charakter, Blut ist verantwortlich für künstlerische Begabung oder den Hang zur Raserei, und Blut schließlich stiftet eine geheimnisvolle Verbindung zwischen dem Protagonisten und einem italienischen Mafioso.

          Der Japaner, zu Beginn der Story ein unauffälliger Angestellter einer Baufirma in einer Provinzstadt, der durch Zufall in einen Streit zwischen rivalisierenden Yakuza, einer japanischen Mafia-Version, gerät, entpuppt sich als ein Rächer mit gespaltenem Ich und übermenschlichen Kräften, eine Art Jekyll-und-Hyde-Figur, die das Geschehen auf immer neue makabre Killer-Höhepunkte zutreibt. Aber weshalb wurde eigentlich dieser japanische Roman aus dem Jahr 1974 ins Deutsche übersetzt?

          Sein Autor, Yasutaka Tsutsui, Jahrgang 1934, ist in seiner Heimat ein prominenter, geradezu beängstigend produktiver und vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, der seine Karriere in den sechziger Jahren als Science-Fiction-Schreiber begann und seither als literarisches Chamäleon mit surrealistischen Storys und Romanen, witzigen Parodien, Kolportagen und Sozialsatiren von sich reden machte. Wegen seiner politisch alles andere als korrekten Texte wurde er zeitweilig massiv bedroht und verzichtete daraufhin drei Jahre lang, von 1993 bis 1996, auf jegliches Publizieren, wich dann ins Internet aus und ist mittlerweile wieder auf allen Kanälen präsent. Ein wahrer Tausendsassa also und ein neugierig stimmender Erfolgsautor, der hier erstmals mit einem Werk auf Deutsch vorgestellt wird.

          Tsutsui gilt auch als intellektueller Experimentator, der wahlweise mit David Lodge, Malcolm Bradbury und Terry Eagleton, aber auch mit Autoren von Metafiktion wie John Barth, John Fowles und Italo Calvino in Verbindung gebracht wird. Von all dem bekommen wir als Leser dieser ersten deutschen Übersetzung allerdings nicht viel mit, auch wenn das Nachwort ihn als Autor von Slapstick-Fiktion und postmodernem Erzählen rühmt. Denn auch wenn uns die Gewaltorgien, die in einer so coolen wie anschaulichen Sprache präsentiert werden, mittlerweile womöglich nicht mehr ganz so stark schockieren mögen, nachdem Jahrzehnte der Entwicklung immer abgebrühterer Videospiele und zunehmender Vermischung virtueller und realer Brutalitäten hinter uns liegen, so steht doch vielleicht gerade deshalb die Frage im Raum, was ein solches verharmlosend als slapstickartig bezeichnetes Stück Prosa eigentlich soll.

          Dass es durch Übertreibungen seine eigene Machart zur Diskussion stelle, nimmt man ihm kaum ab, und sozialkritische Seiten lassen sich ebenfalls schwerlich hineininterpretieren. "Die zwei Krankenschwestern kicherten. Weibliche Wesen, dachte ich, weibliche Wesen, die mit blutbeschmiertem Mull hantieren und dabei lachen, können unmöglich Frauen sein." Ist das Humor? Dieser Roman will offenbar von allem etwas sein und ist von allem zu wenig, als dass er uns wirklich ansprechen könnte. Es handelt sich leider nicht um eines von Tsutsuis stärkeren Werken. Schade, dass hier die Chance, einen wirklich interessanten japanischen Autor vorzustellen, gründlich vertan wurde. Und noch eine Chance wurde verpasst - die Gelegenheit nämlich, in die weite und bunte Landschaft des japanischen Kriminalromans, eines im Lande überaus populären Genres, mit einem weiteren gelungenen Beispiel einzuführen. Nicht, dass hier etwa zahmen oder hausbackenen Krimis das Wort geredet werden sollte. Einige wirklich abgebrühte Exemplare wurden glücklicherweise schon ins Deutsche gebracht, beispielsweise "Die Umarmung des Todes" der Autorin Natsuo Kirino, die turbulente und reichlich makabre Geschichte von den jobbenden Müttern, die bei dem Versuch, Leichenteile im Müll zu entsorgen, die Polizei und die Yakuza gleichzeitig in Schach halten müssen. Oder eine andere atmosphärisch pralle, rasant erzählte Geschichte aus dem Yakuza-Umfeld - Oberkommissar Samejima im härtesten Revier Japans, den "Hai von Shinjuku", im gleichnamigen Roman von Arimasa Osawa im Doppelkrieg gegen Verbrecher und Polizeikollegen.

          Diese Beispiele stehen für authentische und gewitzte Kriminalromane, die auf höchst unterhaltsame Weise die Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft in den Blick nehmen und nebenbei viel über das heutige Japan verraten. Dem Autor Tsutsui wünscht man einen deutschen Neustart mit einem aktuelleren Roman, Krimilesern weitere gelungene Exemplare wie die eben genannten aus japanischer Fabrikation.

          IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT

          Yasutaka Tsutsui: "Mein Blut ist das Blut eines anderen". Thriller. Aus dem Japanischen übersetzt von Otto Putz. Nachwort von Eduard Klopfenstein. be.bra verlag, Berlin 2006. 224 S., geb., 22,- [Euro].

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