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Notate von Thomas Wolfe : Das deutsche Herz ist ein gewaltiger Schlund

  • -Aktualisiert am

Im Oktoberfest sah Thomas Wolfe nur eine Bierhölle. Aber was hätte er wohl zum Auftritt Liesl Karlstadts, Bertolt Brechts und Karl Valentins (von links) dort gesagt? Bild: SZ Photo

Mit den Mitteln der Groteske: Der amerikanische Autor Thomas Wolfe reiste vor fast hundert Jahren mehrmals durch Deutschland. Seine Notate zeugen von einem toxischen Verhältnis.

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          Vermutlich liebt es keine Nation so sehr, sich in den Augen anderer zu bespiegeln, wie die Deutschen. Geht es ihnen darum, in Erfahrung zu bringen, ob die Welt nicht doch noch ein Gran Sympathie für sie empfindet – oder zumindest einmal empfand? Dies wäre ebenso narzisstisch wie nachvollziehbar. Aber auch die Konfrontation mit kritischen Fremdbildern ließe sich in alltagspsychologischer Hinsicht erklären, nämlich als Möglichkeit der Selbstdistanzierung: Da seht ihr es, diese Deutschen, ich hab’s immer gesagt!

          Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe bereiste Deutschland zwischen 1926 und 1936 insgesamt sechsmal, und er schrieb über diese Aufenthalte ausführlich, in Tagebüchern, Briefen, Artikeln und Erzählungen, die nun gesammelt in einer vorbildlich kommentierten Edition vorliegen. Die verlagsseitige Bewerbung der Dokumente als Ausdruck einer „akuten Germanophilie“ Wolfes, die Rede von Deutschland als seinem „Sehnsuchtsland“, ist aber so vereinfachend, dass sie eigentlich schon falsch ist. Eher gewinnt man bei der Lektüre des Buches den Eindruck eines komplizierten, ja toxischen Verhältnisses, das von Faszination und Liebe genauso wie von Abstoßung und Grauen geprägt ist. Und kein literarisches Mittel wäre besser dazu geeignet, diese abgründige Widersprüchlichkeit zur Darstellung zu bringen, als die Groteske.

          Thomas Wolfe: „Eine Deutschlandreise in sechs Etappen“.
          Thomas Wolfe: „Eine Deutschlandreise in sechs Etappen“. : Bild: Manesse Verlag

          Am deutlichsten wird dies in Wolfes Schilderungen des Münchner Oktoberfests, dessen Besuch im Jahr 1928 ihn erkennen lässt, dass das „wahre Herz“ der Deutschen nicht das Herz der „Dichter und Denker“, sondern ein „gewaltiger Schlund“ ist. Er beschreibt die Szenerie in expressionistischen Bildern: „Sie“ – die Oktoberfestbesucher – „essen und trinken und schnauben sich in einen Zustand tierischer Betäubung hinein – die Stätte verwandelt sich in ein einziges heulendes, brüllendes Tier, und wenn die Kapelle eines ihrer Trinklieder spielt, erhebt man sich überall von den Tischen, stellt sich auf die Stühle und schunkelt mit untergehakten Armen hin und her, in pulsierenden Ringen. Von diesen schwerfällig hin und her wogenden Reihen in der riesigen, rauchigen Bierhölle geht etwas Unheimliches – etwas Übernatürliches aus. Man meint in diesen Reihen die Magie, die Essenz des Volkes zu spüren – das Wesen dieses Tieres, das es so grundlegend von den anderen Tieren ein paar Meilen jenseits der Grenze unterscheidet.“ Die Überblendung von Menschlichem und Tierischem zu etwas Monströsem und Metaphysischem – Wolfes grelle Darstellung entspricht mustergültig der Definition des Grotesken.

          Zurückweisung des Nazitums

          Aber warum die Deutschen nicht einfach Deutsche sein lassen und so schnell wie möglich ins Helle, Offene, also in die amerikanische Heimat fliehen? Es ist wohl vor allem die „ungeheure Schönheit“ der Landschaften, die Wolfe immer wieder ins Mystische und Zauberhafte überhöht (besonders nachdrücklich in der Erzählung „Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit“), wie auch der „über Jahrhunderte aufgehäufte Reichtum“ an Geschichte und Kultur (der für ihn allerdings in unerklärlichem Widerspruch steht zur „rohen, bierseligen Menge“). Aber noch ein anderer, interessanterer Aspekt kommt hinzu: Die Reisen nach und durch Deutschland bedeuten für Wolfe ein rätselhaftes „Wiedererkennen“, das er auf seine familiäre Herkunft bezieht – väterlicherseits gibt es eine deutsche Abstammung, die allerdings zwei Jahrhunderte zurückreicht. Die im Ganzen acht Monate umfassenden Aufenthalte in Deutschland werden damit, wie der Herausgeber des Bandes, Oliver Lubrich, in einem sehr aufschlussreichen Nachwort darlegt, „zu einer Expedition ins Unbewusste“, zu einer Konfrontation mit der „überwunden geglaubten Primitivität archaischer Vorzeit“. Sigmund Freud steht Pate für diese aufregende Interpretation.

          Aber vielleicht erklärt sich aus der persönlichen Verbundenheit und damit einhergehenden Distanzlosigkeit auch Wolfes Unentschiedenheit in politischen Dingen, die erstaunlich lange anhält. Die Olympischen Spiele von 1936, denen er persönlich beiwohnt, sind für ihn lediglich das eindrucksvolle Zeugnis deutschen Organisationstalents. Nicht ohne Anerkennung hebt er hervor, dass es anders als in den Vereinigten Staaten im nationalsozialistischen Deutschland noch möglich sei, die Juden als „schlechtes, verkommenes und widerwärtiges Volk“ zu bezeichnen. Aber auch insgesamt ist für Wolfe die Überlegenheit der Demokratie und der offenen Gesellschaft keine ausgemachte Sache, wie aus einer abwägenden Gegenüberstellung der offensichtlichen Nach- und der vermeintlichen Vorteile des Faschismus hervorgeht.

          Sensibel und wortmächtig

          Gerade in Fragen der Politik lässt sich allerdings eine sehr klare Entwicklung feststellen. Die 1937 erschienene Erzählung „I Have a Thing to Tell You“, der literarische und moralische Höhepunkt des Bandes, ist unzweideutig in der Zurückweisung des Nazitums, der gleichgeschalteten Kontrollgesellschaft und vor allem der immer drastischer werdenden Judenverfolgung. „Ich wollte den dicken Hals mit den Fettwülsten zertreten. Ich wollte das gerötete, grobschlächtige Gesicht zu Brei schlagen. Ich wollte richtig hart zutreten“ – mit diesem imaginierten Gewaltakt an einem uniformierten hun vollzieht der Erzähler seine wütende und zugleich traurige Abkehr von Deutschland, „jenem dunklen Land, jener uralten Erde, die ich so lange geliebt hatte“. Ein Jahr später, im Jahr der Novemberpogrome und des österreichischen „Anschlusses“, stirbt Wolfe, der als Schriftsteller in Deutschland große Anerkennung genoss (und für seinen 1929 erschienenen Erfolgsroman „Schau heimwärts, Engel“ von Autoren wie Peter Handke bis heute geschätzt wird), an einer Hirnerkrankung. Er ist nicht einmal achtunddreißig Jahre alt geworden.

          Wolfes Schriften zeichnen die Entwicklung Deutschlands um 1930 aus der Nahperspektive eines äußerst sensiblen, wortmächtigen, zugleich involvierten und außenstehenden Beobachters nach. Und selbst wenn einem die andauernde Beschwörung der deutschen Zerrissenheit überspannt erscheinen mag und irgendwann auch einfach zu viel werden kann – in der naheliegenden Schlussfolgerung, dass es mit den Deutschen erst schlimmer werden musste, bevor es besser werden konnte, lässt einen die Lektüre mit Bestürzung zurück.

          Thomas Wolfe: „Eine Deutschlandreise in sechs Etappen“. Hrsg. von Oliver Lubrich. Aus dem Englischen von Renate Haen, Irma Wehrli und Barbara von Treskow. Manesse Verlag, München 2020. 416 S., geb., 25,– €.

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