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Notate von Thomas Wolfe : Das deutsche Herz ist ein gewaltiger Schlund

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Aber vielleicht erklärt sich aus der persönlichen Verbundenheit und damit einhergehenden Distanzlosigkeit auch Wolfes Unentschiedenheit in politischen Dingen, die erstaunlich lange anhält. Die Olympischen Spiele von 1936, denen er persönlich beiwohnt, sind für ihn lediglich das eindrucksvolle Zeugnis deutschen Organisationstalents. Nicht ohne Anerkennung hebt er hervor, dass es anders als in den Vereinigten Staaten im nationalsozialistischen Deutschland noch möglich sei, die Juden als „schlechtes, verkommenes und widerwärtiges Volk“ zu bezeichnen. Aber auch insgesamt ist für Wolfe die Überlegenheit der Demokratie und der offenen Gesellschaft keine ausgemachte Sache, wie aus einer abwägenden Gegenüberstellung der offensichtlichen Nach- und der vermeintlichen Vorteile des Faschismus hervorgeht.

Sensibel und wortmächtig

Gerade in Fragen der Politik lässt sich allerdings eine sehr klare Entwicklung feststellen. Die 1937 erschienene Erzählung „I Have a Thing to Tell You“, der literarische und moralische Höhepunkt des Bandes, ist unzweideutig in der Zurückweisung des Nazitums, der gleichgeschalteten Kontrollgesellschaft und vor allem der immer drastischer werdenden Judenverfolgung. „Ich wollte den dicken Hals mit den Fettwülsten zertreten. Ich wollte das gerötete, grobschlächtige Gesicht zu Brei schlagen. Ich wollte richtig hart zutreten“ – mit diesem imaginierten Gewaltakt an einem uniformierten hun vollzieht der Erzähler seine wütende und zugleich traurige Abkehr von Deutschland, „jenem dunklen Land, jener uralten Erde, die ich so lange geliebt hatte“. Ein Jahr später, im Jahr der Novemberpogrome und des österreichischen „Anschlusses“, stirbt Wolfe, der als Schriftsteller in Deutschland große Anerkennung genoss (und für seinen 1929 erschienenen Erfolgsroman „Schau heimwärts, Engel“ von Autoren wie Peter Handke bis heute geschätzt wird), an einer Hirnerkrankung. Er ist nicht einmal achtunddreißig Jahre alt geworden.

Wolfes Schriften zeichnen die Entwicklung Deutschlands um 1930 aus der Nahperspektive eines äußerst sensiblen, wortmächtigen, zugleich involvierten und außenstehenden Beobachters nach. Und selbst wenn einem die andauernde Beschwörung der deutschen Zerrissenheit überspannt erscheinen mag und irgendwann auch einfach zu viel werden kann – in der naheliegenden Schlussfolgerung, dass es mit den Deutschen erst schlimmer werden musste, bevor es besser werden konnte, lässt einen die Lektüre mit Bestürzung zurück.

Thomas Wolfe: „Eine Deutschlandreise in sechs Etappen“. Hrsg. von Oliver Lubrich. Aus dem Englischen von Renate Haen, Irma Wehrli und Barbara von Treskow. Manesse Verlag, München 2020. 416 S., geb., 25,– €.

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