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Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel : Vom Gewitter mitgerissen

  • -Aktualisiert am

Bild: Manesse

Thomas Wolfe – der Ältere, nicht der mit dem „Fegefeuer der Eitelkeiten“ –, wer kennt ihn noch und seinen monumentalen Roman „Schau heimwärts, Engel“? Einst war sein Verfasser in Deutschland noch berühmter als in seiner amerikanischen Heimat.

          Thomas Wolfe – der Ältere, nicht der mit dem „Fegefeuer der Eitelkeiten“ –, wer kennt ihn noch? Wer liest noch seinen einstmals berühmten Wälzer mit dem hochliterarischen, pathosverdächtigen Titel „Schau heimwärts, Engel“? Das Buch erschien 1929 und lag schon drei Jahre später in einer sehr respektablen, oft nachgedruckten deutschen Fassung vor. Frühere Generationen haben diesen uramerikanischen Entwicklungsroman, nicht selten schon in jugendlichem Alter, mit heißen Backen verschlungen; und dies trotz seiner komplizierten Anlage und ausufernden epischen Beredsamkeit. Doch inzwischen hat längst der schlichtere – und schlankere – „Fänger im Roggen“ sein Erbe als Kultbuch der Heranwachsenden angetreten und wohl auch wieder abgegeben – an wen? Die Moden ändern sich.

          Dass sie es tun, ist kein Problem, sondern ein Test für die Literatur. Wenn der Manesse Verlag soeben Wolfes „Engel“ der lesenden Bevölkerung – frisch übersetzt im Großformat, mit Kommentar und Nachwort – präsentiert, so stellt er damit öffentlich die Frage: Kann man das noch – oder wieder – lesen? Und ob man es kann. Irma Wehrlis Neuübertragung befreit den Text vom angestaubten Charme der alten Version und von mancherlei Schnitzern. Sie gibt den kräftigen Stilfarben des Originals auf Deutsch neuen Glanz, in der Lebhaftigkeit der Dialoge, der üppigen Bildersprache, in Klang und Rhythmik der syntaktischen Kaskaden.

          Ein stilistisches Brillantfeuerwerk

          Denn dieses stark autobiographische Zeugnis eines verzehrenden Lebenshungers, mit seinen unvergesslichen Charakteren und einer Stofffülle, die ihre endgültige Form der Geburtshilfe durch den Verlagslektor verdankt, ist nicht zuletzt ein stilistisches Brillantfeuerwerk. Etwa wenn Wolfe die Vitalität beschwört, die der (deutschstämmige) Vater Gant, der Steinmetz, der „gefallene Titan“, in jüngeren Jahren auf seine Umwelt überträgt: „Alles, was seine Hände berührten, reifte zu prallem, prickelndem Leben heran . . . Überreife Pflaumen lagen aufgeplatzt im Gras; seine großen Kirschbäume strotzten von schweren, klebrigen Kleinodien . . . Die Erde war fruchtbar für ihn wie eine dralle Frau.“

          Oder wenn die Metaphorik zur seelischen Sonde wird, um für einen Augenblick das ewig flüchtige, widersprüchliche Wesen der Figuren aufzuspüren: „ihre braunen Augen wurden schwarz, als wäre ein Vogel hindurchgeflogen und hätte den Schatten seiner Flügel auf sie gelegt“; oder: „sein Mund ist wie ein Messer und sein Lächeln ein Licht, das über die Klinge zuckt.“ Es ist ein Stil ohne Scheu vor großen Worten und Gefühlen, der die ernüchterten zwanziger Jahre herausforderte und faszinierte, ebenso weltverfallen wie weltverloren: „unter glänzenden Sternen auf dieser so matten, glanzlosen Asche, verloren! Uns sprachlos erinnernd suchen wir die große, vergessene Sprache, den verlorenen Himmelspfad, einen Stein, ein Blatt, eine nie gefundene Tür. Wo? Wann?“ O verloren! ist der Refrain und der ursprüngliche Titel des Romans, der Wolfes Selbstporträt des Autors als junger Mann darstellt.

          Wer die Welt entdecken will, verläuft sich bisweilen

          Der junge Mann im Buch heißt Eugene. Altamont, der Hauptort der Handlung, ist unschwer mit Asheville, North Carolina zu identifizieren, in dessen Friedhof noch die steinernen Grabengel aus der väterlichen Werkstatt stehen; umschlossen von Bergen, die dem Helden, je nachdem, Geborgenheit, Gefangenschaft oder den Ansporn zu Ausbrüchen und Höhenflügen bedeuten. Denn die Dinge sind ambivalent, und wer die Welt entdecken will, verläuft sich in ihr. Ihre Widersprüchlichkeit verkörpert sich für Eugene im unversöhnlichen Gegensatz, der den verschwenderischen Künstler-Vater zum ewigen Lebenskampf mit der eisern erwerbstüchtigen Mutter verdammt, und die Geschwister aneinander fesselt und gegeneinander hetzt.

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