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Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks : Noch einmal prassen vor dem Crash

Bild: Verlag

Ein Fund aus dem Nachlass von Thomas Wolfe zeigt: er wäre ein ganz Großer geworden. In „Die Party bei den Jacks“ feiert eine Gruppe von New Yorkern am Vorabend des Zusammenbruchs der Börse ein Fest, wie es die Stadt noch nicht gesehen hat.

          4 Min.

          Es ist eine bemerkenswerte Gesellschaft: Bankiers und Theaterleute, Kritiker, kühle Debütantinnen und alte Schabracken, Zyniker, Gute-Mine-Macher, Schlechte-Mine-Macher, Übersättigte, Gierige, Ehebrecher, vorübergehende Geliebte, Unterhaltungskünstler und eine Gastgeberin, die von sich selbst begeistert ist. Bald wird sie taub sein. Zur Party bei den Jacks kommen sie zusammen. Alles ist tadellos vorbereitet von den diebischen Dienstboten und einer Haushälterin, die trinkt. Die Räume von riesigen Dimensionen sind zurückhaltend und mit genau dem richtigen Maß an Lässigkeit dekoriert, im Kamin knistern die Holzscheite und Mrs. Esther Jack, die auch Bühnenbilderin ist, hat es geschafft, dem Ganzen eine Art Einfachheit zu geben, die sich mit Geld nicht kaufen lässt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Rest dann schon. Das Büfett strahlt voll Köstlichkeiten, die Silberplatten glänzen, die Braten sind perfekt gebräunt, der Kaviar schimmert und über allem liegt der Duft der Gewürznelken, die den Schinken spicken. Es ist ein Festmahl ungeahnter Pracht und gleichzeitig lässiger Eleganz, wie es nicht viele hinbekommen. Die Attraktion des Abends soll ein Drahtpuppenspieler sein, der Hit der Saison, der in einem der Gästezimmer seine Koffer abgestellt und sich ein Kostüm angezogen hat, das ihn zum Zirkusdirektor macht.

          Es wird nie wieder sein wie an diesem Abend

          Die Zeit: Frühjahr 1928. Der Ort: New York und dort eine Wohnung in einem imposanten Apartmenthaus an der Park Avenue. Wenn die Subway unter ihm her rattert, bebt noch im siebten Stock der Boden. Und der Hausherr, den wir in den ersten Kapiteln als Sohn eines jüdischen Privatbankiers in einer mittelalterlichen Stadt am Rhein kennengelernt haben, verliert für Augenblicke das Vertrauen in die „schillernde Blase der Spekulation“, der er seinen Reichtum, seine fünfzig Angestellten und sein schiffsartiges Automobil verdankt.

          Was wollen diese Leute, die sich an jenem Abend bei den Jacks treffen? Was verbindet sie, wenn sie etwas verbindet jenseits gesellschaftlicher Konvention? Mögen sie einander, interessieren sie sich füreinander, machen sie Geschäfte miteinander, freuen sie sich über ein Wiedersehen, schmeckt das Essen wenigstens? Es ist erstaunlich, wie lange Thomas Wolfe unsere Aufmerksamkeit mit der Beschreibung von Einrichtungs- und Dekorationsdetails, von körperlichen Merkmalen und kommunikativen Eigenheiten der Gäste unterhalten kann, ohne auf eine einzige dieser Fragen eine Antwort zu geben. Er hat eine Satire, eine Gesellschaftssatire geschrieben, in der, so sieht man es kommen, der Stil, der das ganze System stützt, mit diesem zusammen krachen wird. Vorboten des Ruins erkennen allein die kleinen Leute, die Stenotypistin in der Bank, die Aufzugführer an der Park Avenue, die Feuerwehrleute, die dort in der Küche mit den Zimmermädchen schäkern. Am Ende steht das Haus in Flammen, die Gäste haben sich auf die Straße gerettet, und auch wenn sie schließlich in die Wohnung der Jacks zurückkehren können, um bei einem letzten Drink dieses ungeahnte Erlebnis des Brandes, mit dem die Party endete, noch einmal Revue passieren zu lassen, wissen wir doch: Es wird nie wieder sein wie an diesem Abend, bevor der Fahrstuhl Feuer fing.

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