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Thomas Willmann: Das finstere Tal : High Noon in dunkler Heimat Literatur

  • -Aktualisiert am

Thomas Willmann: Das finstere Tal, Liebeskind Verlag Bild: Liebeskind Verlag

Wenn sich Kafka mit Howard Hawks ein Buch ausdenken würde - das könnte es sein: Thomas Willmanns Debüt bewältigt meisterhaft Genres und Stile von Western bis Heimatroman. Und eine überaus raffinierte Geschichte erzählt es auch.

          Zunächst heißt er nur „der Fremde“. Wir sehen ihn auf einem Maultier in die Berge reiten. Bis Mittag will er sein Ziel erreichen, ein Dorf im Hochtal, von dem kaum jemand weiß. Ein Bild auf Großleinwand: Wie ein Westernheld schreitet er durch einen schmalen Felsenkessel ein, gehüllt in einen hellen Staubmantel, dazu ein Paar ausgetretene Lederstiefel. Thomas Willmanns Debüt „Das finstere Tal“ startet geradezu cinemaskopisch. Im Hintergrund wäre Musik vorstellbar - umschmeichelnd, bedrohlich.

          Oder auch nur Geräusche, welche die kühle Bergstille durchbrechen: Schnauben, Atmen, unregelmäßiges Traben. Willmann, 1969 in München geboren, Kulturjournalist und Dozent, liebt Western und Filmmusik. Aus der Leidenschaft ist ihm jetzt eine Prosa erwachsen, die bis zum Schluss fesselt. Sie wirkt wie filmisch inszeniert, „Spiel mir das Lied vom Tod“ gekreuzt mit dem zwiespältigen Flair, den alte Heimatromane verströmen. Aus Letzteren hat Willmann die liebliche Fadenscheinigkeit jenes Dorfes destilliert, das der Fremde aufsucht. Doch merkt man bald, dass die geschlossene Ordnung trügt.

          Es knarzt wie ein altes Gebälk

          Die Geschichte spielt in den Alpen. Satz für Satz nimmt man von der malerischen Gegend Besitz. Sinnlich dringt Natur in diesen Text; die Luft, „gläsern bis zum Horizont, fährt mit metallischem Geruch in die Nase“. Mit ihr atmet man alte Zeit, vielleicht 19. Jahrhundert. Die Sprache knarzt wie altes Gebälk und ist doch von großzügiger Leichtigkeit. Sie führt geradewegs in die eisige Kälte dieses Hochtals, hinein in jenes finstere Dorf. Im Kern, das spürt man früh, fault es; vermutlich schon seit Jahrzehnten. Ebendeshalb wird jeder Fremde hier misstrauisch beäugt. Die Mentalität der Menschen hat sich seit Generationen ins Land gefräst. Die Siedlung hat etwas „trutzig Gedrängtes“, die Höfe liegen in „träger Pracht“, die Haut der Bewohner ist „ledrig“, die Hände „schwielig und sehnig“. Die Körper der Männer, denen der Fremde zuerst begegnet, spannen sich, „wie zum Sprung bereit“. Was will der Mann in diesem Dorf?

          Der Fremde ist ein literarischer Topos mit Tradition. Seine Wirkung steht und fällt mit dem perspektivischen Spiel, das der Autor zu entfachen weiß, und bestenfalls gelingt es dann - wie hier - das Fremde in uns selbst zu berühren. Willmann vertraut personalem Erzählen. Er weiß den Blick des Lesers in eine Pendelbewegung zu versetzen. Und so lässt er uns erst mal im Ungewissen. Wir starren neugierig durchs Wirtshausfenster, um den Fremden, der sich als Landschaftsmaler ausgibt und gut fürs Quartier zahlt, in Augenschein zu nehmen. Und wir betrachten umgekehrt mit Greider, wie der Fremde inzwischen heißt, die Dorfbewohner. Schnell erkennt er das Zentrum der Macht, den herrischen Brenner-Bauern mit seinen sechs Söhnen. Lange nährt sich diese geduldig erzählte Prosa aus dem Schweigen, das die Fronten trennt. Wenn Worte fallen, dann karg und bestimmt. „,Grüß dich.' ,Grüß euch', antwortete der Neuankömmling, mit einem langsamen, unbeugsamen Blick durch das Halbrund. ,Bist fremd hier.'“

          Willmanns Talent für Abwechslung zu sorgen

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