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Thomas Pynchon: Natürliche Mängel : Kalifornien, erwache!

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Bild: Verlag

Ob Donald Duck sich täglich den Schnabel rasiert? Thomas Pynchon mischt in seinem Roman „Natürliche Mängel“ Hippiekult, Detektivroman und Comic - und lässt die Herzen hüpfen.

          5 Min.

          Thomas Pynchons letzter Roman „Gegen den Tag“ war ein literarischer Schwertransporter und mit seinen 1600 Seiten nicht zuletzt gegen den Alltag des Lesers geschrieben. „Natürliche Mängel“ dagegen umfasst nur 478 Seiten und verwickelt kaum hundert Personen in eine gar nicht mal unspannende (wenn auch sehr verknäulte) Kriminalhandlung. Pynchon zugänglich, Pynchon light!

          Der Detektivroman um den ständig bekifften Ermittler Doc Sportello liest sich wie ein feingestrichelter Underground-Comic von Robert Crumb. Doch bei allem vordergründigen Kichern ist es ein hintergründig sentimentalisches Buch über die Hippie-Jahre um 1970 und die Subkultur, in der Pynchons Werke verwurzelt sind. Zum subversiven Geist der Zeit gehörte bei aller Verzotteltheit der heimliche Ehrgeiz, die Gegenkultur möge Großwerke auftürmen, die den Kanon übertrumpfen; gehörte die intellektuelle Esoterik, flankiert von der Liebe zu Pop, Kino und Genre; gehörten die Dechiffrier-Syndikate, die sich über die Texte beugen, als gälte es heilige Schriften zu entziffern.

          Bloß ein Sportunfall?

          Sie bekommen wieder einiges zu tun. Einfach erklärt sich dabei noch die Aufschrift „LSD“ an Docs Bürotür: „Lokalisierung, Sicherheitscheck, Detektei“. Zwar leidet der Hippie-Detektiv, der gerne mit falschen Bärten und Schlussverkaufsperücken in den Einsatz geht, an einem löchrigen Kiffergedächtnis. Aber er verfügt über eine investigative Spürnase. Wenn sie zu laufen beginnt, ist das „ein untrügliches Zeichen“ – eine Variante des legendären erektilen V2-Frühwarnsystems des Tyrone Slothrop in „Die Enden der Parabel“.

          Um Sportello hat sich eine nette Chaostruppe versammelt – Leute wie der Anwalt Sauncho Smilex, der stark ins Grübeln kommt über der Frage, ob sich Donald Duck wohl täglich den Schnabel rasiert. Arbeit gibt es, als der Immobilien-Tycoon Mickey Wolfmann, infiziert vom Flower-Power-Geist, Buße tun will für seine kapitalistischen Sünden: „Ich kann es nicht fassen, dass ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, Leute für Wohnraum bezahlen zu lassen, wo er doch kostenlos sein sollte.“ Wolfmann steckt sein Geld in eine Umsonst-Wohnanlage, die als futuristische Kulisse unfertig in der Wüste steht. Es gibt nämlich Kreise, denen es nicht gefällt, dass Mickey sein Gewissen entdeckt hat, nach Jahren, in denen er gut ohne auskam. Und so ist Wolfmann plötzlich verschwunden, mitsamt seiner Geliebten, bei der es sich – heikler Fall – um Docs immer noch angeschmachtete Ex-Freundin Shasta handelt.

          Zwischenzeitlich steht Sportello selbst in Verdacht – als er im „Massagesalon“ Chick Planet neben der Leiche von Wolfmanns Bodyguard aufwacht. Außerdem wird der kokainsüchtige Arzt Rudy Blatnoyd mit Genickbruch neben einem Trampolin gefunden. Bloß ein Sportunfall? Und dann soll der Marihuana-Marlowe noch das Schicksal des Saxophonisten Coy Harlingen aufklären. Offiziell hat der sich den Goldenen Schuss gesetzt, inoffiziell scheint er als Agent der Organisation „Kalifornien, erwache!“ unterwegs zu sein.

          Nebel, Smog, Dauerregen und ein apokalyptisches Gewitter

          Die Handlung führt durch toxische Restaurants, abgehalfterte Spielcasinos, Entzugskliniken und gewaltige Baugruben. „Natürliche Mängel“ lebt – nach der gewissen Baedeker-Lastigkeit mancher Partien in „Gegen den Tag“ – von der Passion und Involviertheit, mit der der Schauplatz vergegenwärtigt wird. Wir erleben Los Angeles als Mekka der Hippies und der Surf-Music. Aus den Gassen von Gordita Beach dringen „Salven von Doper-Fröhlichkeit“. Ständig ist von rauscherzeugenden Substanzen die Rede, psychedelische Bananenschalen eingeschlossen. Am Strand rauschen die Wellenreiter mit religiöser Ekstase „durch brodelnde Tunnel von sonnendurchflutetem Blaugrün“; weniger sonnendurchflutet sind die Tüftelräume der ARPAnet-Pioniere. Für die „Hauptstadt der ewigen Jugend und des ewigen Sommers“ bietet der Roman allerdings ziemlich viel schlechtes Wetter: Nebel, Smog, Dauerregen und ein apokalyptisches Gewitter, wortgewaltig beschrieben.

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