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Thomas Melle: Sickster : Ich muss doch ein Gleißen sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Schmerz ist eine heiße Waffe: Thomas Melle entwirft in „Sickster“ ein düsteres Bild unserer Zeit. Der Roman erzählt eine abenteuerliche und traurige, anrührende und menschliche Geschichte.

          4 Min.

          Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie sich durch die Schwarzenviertel schleppten auf der Suche nach einem wütenden Kick“ - so beginnt Allen Ginsbergs schmerzerfülltes „Geheul“ über eine Gesellschaft, die dem Geld und dem billigen, sentimentalen Schein huldigte. Alles, was sich gegen Mainstream und Autorität versündigte, wurde geächtet, ebenso wie Schwarze, Schwule und Drogensüchtige. „Gott schütze Amerika“: vor ambivalenten Gefühlen, Melancholie und Eigensinn. Ginsbergs bittere, auf die Herrschenden zielende Frage: „Welche Sphinx aus Zement und Aluminium schlug ihre Schädel auf und fraß ihre Hirne und Vorstellungen?“ treibt sein monumentales Gedicht „Howl“ an, in dem sich eine ganze Generation von „Hipstern“ - musik- und subkulturbegeisterten jungen Städtern - verstanden und gerettet fand.

          Es ist kein Zufall, dass Thomas Melles Roman schon mit seinem Titel „Sickster“ auf diese revoltierende, sich ausgegrenzt fühlende Generation der frühen fünfziger Jahre anspielt, denn eine ähnliche Wut und empörte Trauer durchzieht seine abenteuerliche und traurige, anrührende und zutiefst menschliche Geschichte. Sie erzählt von drei klugen, gut ausgebildeten jungen Leuten, die an einer perfekt vernetzten, sich dabei ständig auflösenden und neu konfigurierenden Welt abprallen wie an einem Spiegel. Gnadenlos werden sie auf sich selbst zurückgeworfen, nur: Da finden sie nichts, was ihnen Halt bieten könnte.

          „Ich muss doch eine Rakete sein“

          Die eindrucksvollste Figur und ein echter Gewinn für die Literatur ist Magnus Taue, ein hochbegabter, junger Mann um die dreißig. Als Kind hielt man ihn für ein Genie, er wurde bewundert und als „Plattenbauprinz“ gehänselt. Dabei, so erinnert er sich, fühlte er sich mit seiner kindlich-egoistischen Hippie-Mutter hoffnungslos überfordert. Er rettet sich in ein Bonner Jesuiteninternat, saugt Bildung und Selbstbewusstsein auf und geht nach dem Abitur ins Paradies der Selbstverwirklicher und Möchtegernkünstler: nach Berlin. Nach zehn Jahren sind von seinen Träumen nur noch Fetzen übrig.

          An seinem Drehbuch-Traum ist er gescheitert, dafür steckt er in einem gehassten und, wie er findet, amoralischen Job und versucht, sich abends in seiner schäbigen Wohnung Mut zu machen: „Ich muss doch eine Rakete sein und ein Geschoss, ich muss doch ein Gleißen sein und tausend Geschosse, die sich in alle Himmelsrichtungen verlieren“ - aber er wird nur immer trauriger. Also zieht er sich an und geht aus, taucht in das Berliner Clubleben ein, genießt brutale Musik und jubelt einem russischen Gitarristen zu, der sich auf offener Bühne den Fingernagel ausreißt und die Saiten ins blutende Fleisch drückt. Perfekt und ekstatisch kehren sich in dieser Szene die inneren Bewegungen von Magnus nach außen, jeder seiner fiebrigen Nerven findet hier einen Punkt zum Anknüpfen: in den selbstvergessenen Tanzbewegungen ringsum, den starken Körpergerüchen, den Lichtblitzen.

          Ressentiments und schlecht verheilte Wunden

          Sein Gegenspieler Thorsten benutzt den Club, um auf der Tanzfläche eine Siegerperformance abzuliefern: Vor den Augen des staunenden Publikums inszeniert er seine „Erleuchtung“ unter einem Laserstrahl. Ein auffallend schöner Mann, der Selbstbewusstsein und Kompetenz ausstrahlt, sich an seinem Managerjargon berauscht - und seine Zweifel mit Alkohol zuschüttet. Als die beiden sich im imperialen Glaspalast eines Ölkonzerns wiedertreffen, erkennen sie einander als Schulkameraden aus Bonn: Magnus, dünnhäutig und verkrampft, dabei herablassend lächelnd, schreibt das hauseigene Werbeblatt, Thorsten hat sich zum Manager hochgekämpft, mit dem diffusen Gefühl, dass in seinem Leben nichts stimmt. Mit Spott und Detailfreude schildert Thomas Melle die inneren Gesetze dieses Konzerns, der seine Präsentationen als Mysterienspiele inszeniert und seine Angestellten wie debile Schauspieler behandelt: Ihre realen Aufgaben sind lächerlich, der äußere Druck ist gnadenlos. Im gläsernen Aufzug schwebt Thorsten zu Magnus herab, doch statt eines deus ex machina stolpert eine ratlose Brad-Pitt-Imitation heraus.

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