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Thomas Lehr: Größenwahn passt in die kleinste Hütte. Kurze Prozesse : Dieser Stoff gibt etwas her

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Bild: Verlag

Seneca im Hängekleid: Thomas Lehr hat Aphorismen mit kulturkritischem Unterton vefasst. Das Buch passt in die Jackentasche und befördert die kleine Nachdenklichkeit zwischendurch.

          3 Min.

          Der Aphorismus ist die kleine Form mit großer Gebärde. Hier geht es nicht ums demokratische Für und Wider, sondern um den Pfeil, der mitten ins Graue des Gemeinplatzes trifft. Lichtenberg, Nietzsche, Karl Kraus - die Meister der Gattung waren alles andere als Bescheidenheitskünstler.

          Wo das Geistige allerdings zum permanenten runden Tisch geworden ist, hat der Aphorismus mit seinem apodiktischen Gestus und seinem exklusiven Witz keinen Ort mehr. Wo die Fallgruben der Korrektheit lauern, ist die vorsichtige Formulierung stilbildend, nicht das scharfe Diktum. Man müsste ja größenwahnsinnig sein, um der Welt, wie wir sie kennen, in einem einzigen Satz heimleuchten zu wollen.

          Thomas Lehr ist ein Autor, der über den gewissen produktiven Größenwahn verfügt. Sein letztes Buch „September - Fata Morgana“ war der Versuch eines Jetztzeit-Epos, das die New Yorker Türme noch einmal in einer lyrisch-rhapsodischen Sprache ohne Punkt und Komma zusammenstürzen ließ, von Vätern und Töchtern, Terror und Krieg, Irak und Amerika, Öl und Islam erzählte - eine künstlerisch riskante Konflikt-Moderation im „Kampf der Kulturen“.

          Überraschende Bilder

          Dass ein solcher Autor, der aufs Ganze geht, nun die kleine, zusammengezogene Form mit der flächendeckenden Aussage riskiert, passt ins Bild. Und Lehr weiß, was er tut, sonst würde er nicht schon im Titel Ironiesignale senden: „Größenwahn passt in die kleinste Hütte. Kurze Prozesse“. Im Bewusstsein des Vermessenen und Verkürzten werden hier Sentenzen geschliffen.

          “Städte wie Flüche aus Stein“ lautet eine der allerkürzesten. Solche überraschenden Bilder zeichnen die stärksten Stücke aus, so auch diese Vertiefung in den Blick des Nachrichtensprechers: „Fast jeden Abend derselbe Mensch, der so betroffen in dein Wohnzimmer starrt, als hinge dort klein gedruckt seine eigene Todesanzeige an der Wand, die er vergeblich zu entziffern trachtet.“ Oder Liebe als Eroberung, ganz wörtlich genommen: „Ihr Körper, der neue Kontinent. Er landete am Strand. Die ersten Eingeborenen empfingen ihn freundlich.“

          Was sich von selbst versteht

          Lehr hält sich an klassische Muster beim Verfertigen von Aphorismen, darunter die Antithese und das Paradox: „Nichts macht Männer kriegerischer als der Austritt aus dem wehrfähigen Alter.“ Oft macht er sich die Doppeldeutigkeit eines Wortes zunutze, wie bei folgender Sentenz über die Tücken der Selbstfindung: „Noch aus jeder inneren Einkehr kam er als Zechpreller zurück.“ Es gibt wunderbar lapidare Pointen, wie dieses abschließende Wort zu einer literarischen Grundsatzdebatte: „Wer vom Ende des Romans redet, sollte sich einen neuen kaufen.“

          Ein kulturkritischer Grundton zieht sich durch die Sammlung: „Ich saß in einem Café und hörte plötzlich eine faszinierend sichere und dunkle Frauenstimme sagen: ,Ach, ich habe gleich gewusst, der Stoff gibt etwas her.’ Aber noch bevor ich mich umdrehen konnte, setzte sie hinzu: ,Sie hat ein prima Hängekleid daraus gemacht.’“ Was ist gegen prima Hängekleider einzuwenden?

          Hier wird zwischen dem Autor und seinen Lesern ein bildungsbürgerliches Einverständnis vorausgesetzt, das Texte prinzipiell für höherwertiger hält als Textilien. Doch dieses Einverständnis ist brüchig, und darin besteht ein Problem für den Aphoristiker heute: An welchen Zirkel richtet er seine Worte, wer teilt seine Werte? Weil der Aphorismus keine umständlichen Begründungen und Kontexte liefern kann, ist er auf das angewiesen, was sich von selbst versteht. Aber solche Verbindlichkeit kann immer weniger vorausgesetzt werden.

          Aphorismen zur Lebensweisheit

          Deshalb beziehen sich Lehrs Aphorismen oft auf einen schwindenden Grundbestand an Redewendungen und Sprichwörtern, aus denen sich Pointen der Sinnumstülpung schlagen lassen. „Wenn die Späne fallen, redet man sich gern auf einen Hobel hinaus“ - eine Sentenz von geradezu machiavellistischer Qualität. Oder: „Manche graben den anderen so tiefe Gruben, dass sie nie wieder ans Tageslicht zurückfinden.“

          Am sichersten funktionieren die Aphorismen zur Lebensweisheit, weil sie an die allgemeine Erfahrung appellieren können: „Vom Planet der Glücklichen zum Planet der Unglücklichen braucht es kaum einen Schritt.“ Wie wahr! „Wer nicht verzeihen kann, hat keine Freunde.“ Das klingt so klassisch, als hätte es schon bei Seneca gestanden. Selbst der Floskel von der Weisheit des Alters kann Lehr einen Dreh ins Wahrhaftige geben: „Jedes Quentchen Weisheit, das das Alter mit sich bringt, ist nötig, um es zu ertragen.“ Immerhin bleibt noch der Weisheit letzter Schluss: „Manchmal gehe ich so gerne schlafen, dass ich mir vorstellen kann, mich einmal auf den Tod zu freuen.“

          Vorurteil der Kritik gegenüber

          Allerdings enthält der Band auch viele matt verpuffte Kalauer, unerfreuliche „Quengelware“, platte Pointen, verknitterte kulturkonservative Scherze: „Erst der Flachbildschirm offenbarte die wahre Dimension des Fernsehens.“ Angestrengt wirkt der Versuch, einen berühmten Satz von Kafka im Aphorismus-Shaker zu bearbeiten: „Der Kritiker ist die gefrorene Gestalt, die mit der Axt auf das Meer einschlägt.“ Überhaupt fällt Lehrs unsouveränes Ressentiment gegenüber der Kritik ins Auge.

          Gute, leicht wirkende Aphorismen zu schreiben ist schwer. Deshalb sollte man dem Autor seine schwächeren Versuche nachsehen. Es sind viele bemerkenswerte oder sogar merkenswerte Formulierungen in diesem Buch, das in die Jackentasche passt und die kleine Nachdenklichkeit zwischendurch befördert.

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