https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/thomas-kunst-estemaga-gedichte-wie-gaeste-1928200.html

Thomas Kunst: Estemaga : Gedichte wie Gäste

  • -Aktualisiert am
          1 Min.

          „In Deutschland gibt es keine Dichter mehr“ – so apodiktisch hebt eines der neuen Gedichte von Thomas Kunst an. Es ist Wolfgang Hilbig gewidmet und betrauert mit dem 2007 gestorbenen Kollegen und Seelenverwandten auch den Verlust an existentieller Unbedingtheit und Ausdruckswillen in der zeitgenössischen Poesie.

          Thomas Kunst, geboren 1965 in Stralsund, gehört zu jener Generation von sprachgewaltigen ostdeutschen Dichtern, die in den Neunzigern kurz für Furore sorgten, dann aber in Vergessenheit gerieten und beim aktuellen Lyrikrevival im Schatten von Jüngeren stehen. 1998 hatte Kunst mit „Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd“ einen der tollsten Gedichtbände jener Jahre vorgelegt (nun zum Glück in der Lyrikedition 2000 wiederveröffentlicht).

          Strenge Form als Halt

          Sein neuer Band enthält ausschließlich Sonette, deren Gesetzesstrenge sich der Dichter zum Halt in einer Krise wählte, wie er im Nachwort schreibt. Verblüffend, wie sehr sich auch im ungewohnten Korsett aus Rhythmus und Reimpflicht sofort sein unverwechselbarer Ton einstellt, als sei das Sonett für diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und (vermeintlicher) Schnoddrigkeit eigens geschaffen worden: „Es ist ein Fest mit Schultern an den Wänden“ – leicht irritierend und doch ganz simpel beobachtet sind Kunsts Verse.

          Verletzungen und Verbitterungen, reale und imaginäre Fluchten, sind ihre Themen, Süchte auch und Sehnsüchte, nach einer kompromisslosen und unverkopften Literatur etwa, nach Gedichten „die als Gäste taugen“, die sich nicht zu schade sind, „Drecksarbeit“ zu leisten, wofür neben Hilbig Brasch und Born als Paten angerufen werden.

          Verzicht auf totale Kontrolle

          Thomas Kunst beherrscht sein Handwerk buchstäblich im Schlaf, doch viel wichtiger noch: Er weiß, dass das Gelingen eines Gedichts gerade den Verzicht auf völlige Selbstkontrolle verlangt: „Wo bleiben Wahnsinn und Verrücktheit, geile / Gesänge aus den Überlebensbüchern. / Ich will Gedichte, die ich bei mir trage, / Nicht kalkulierte Satzmodelle, Zeile / für Zeile doch schon längst in trockenen Tüchern.“ Mein Lieblingsreim in diesem Band übrigens nietet „inzwischen“ auf „Joy Division“. Eine Wahrheit-oder-Pflicht-Lektüre.

          Weitere Themen

          Er hatte keinen Ruf zu verlieren

          Wilhelm von Boddien : Er hatte keinen Ruf zu verlieren

          Und der Kampf ist noch nicht zu Ende: Wilhelm von Boddien erinnert sich an seinen über drei Jahrzehnte währenden Einsatz für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses.

          Topmeldungen

          Ein pensionierter Sportlehrer leitet den Kurs „Fit im Alter“ im Gesundheitskiosk Hamburg-Billstedt.

          Streit um Gesundheitksioske : Einmal gesund werden, bitte

          Karl Lauterbach will, dass bundesweit Hunderte Gesundheitskioske entstehen. Ihr Nutzen ist umstritten, viele Kassen wollen das Geld lieber anders ausgeben. Ein Modellprojekt bangt schon um seine Zukunft.
          Stahlproduktion in Duisburg

          Wirtschaftslage in Deutschland : Wie schlimm wird die Rezession?

          Die deutsche Wirtschaft kommt trotz Energiekrise ohne katastrophale Schäden durch die kommenden Monate, versprechen Forscher. Doch in den Unternehmen geht die Angst um.
          Verena Hubertz, 34, ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag.

          Verena Hubertz : Plötzlich mächtig

          Gerade hat Verena Hubertz ein Start-up gegründet. Nun ist sie die wichtigste Wirtschaftspolitikerin der Kanzlerpartei. Eine Karriere mit Giga-Geschwindigkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.