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Thomas Hettche: Die Liebe der Väter : Vampire im Wattenmeer

Bild: Verlag

Thomas Hettche erteilt in seinem Roman einem Vater, der um die Liebe seiner Tochter kämpft, das Wort. „Die Liebe der Väter“ erforscht, was Eltern und Kinder im Härtefall zusammenhält – und was sie trennt.

          4 Min.

          Peter ist ein Mann in den besten Jahren. Für ihn heißt das: Er könnte kaum unglücklicher sein. Als Buchhandelsvertreter arbeitet er in einer aussterbenden Branche, wie er gern beteuert. Er lebt allein, menschliche Nähe erträgt er nur schwer, und seit seine geliebte Mutter vor drei Jahren gestorben ist, gibt es nur noch Annika, die ihm etwas bedeutet. Ausgerechnet seine Tochter aber darf er nicht sehen – oder nur dann, wenn es deren Mutter in den Kram passt. Denn Peter und Ines haben sich zwei Jahre nach Annikas Geburt getrennt. Und weil er als Unverheirateter nicht über das Sorgerecht verfügt, ist er Ines’ Willkür hilflos ausgeliefert.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Solche Geschichten kennt man, seit es Väter gibt, die sich damit nicht mehr abfinden wollen – Väter, die die Öffentlichkeit suchen, Druck ausüben und jüngst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts in ihren Rechten gestärkt worden sind (F.A.Z. vom 4. August). Auch die Details dieser Geschichte, wie der Erzähler sie in Thomas Hettches neuem Roman „Die Liebe der Väter“ ausbreitet, kennt man so oder so ähnlich: das jahrelange Martyrium, das Peter durchlebt, weil Ines den Kontakt zwischen Vater und Tochter immer wieder behindert, ebenso wie die Reaktion der Jugendamtsmitarbeiter, die Peter abwimmeln, als er Ines dort anschwärzt – seine Ex sei nicht in der Lage, für Annika zu sorgen, berichtet er, das Kind werde vernachlässigt und sogar Drogen seien im Spiel. Man wimmelt den Besorgten ab, denn in den Augen der Beamten sind die Rollen klar verteilt: Peter hält man für den Drückeberger, Ines für die tapfer kämpfende alleinerziehende Mutter, die – anders als der einstige Partner – bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

          Ist dem Ich-Erzähler zu trauen?

          Könnte man vor diesem Hintergrund Hettches Roman als Kommentar zur aktuellen Debatte lesen? Meldet sich hier ein Betroffener zu Wort – so zumindest ließe sich die Widmung verstehen –, der sich mit den Qualen eines entrechteten Vaters an die Öffentlichkeit wendet?

          Natürlich kann man das Buch so lesen – und verfehlt damit den eigentlichen Impetus dieses erstaunlichen Romans. Denn der 1964 bei Gießen geborene Hettche wendet einen alten poetologischen Trick an, damit aus dem vertrautem Erlebten und Gehörten große Literatur entstehen kann: Das Vaterdrama, das bei einem gemeinsamen Silvesterurlaub von Peter und Annika auf Sylt, wo sie bei Freunden wohnen, in eine Katastrophe mündet, wird einzig und allein aus Sicht des Vaters geschildert. Hettches so umfassend leidender Ich-Erzähler hat naturgemäß einen distanzlosen, zutiefst parteiischen Blick ein, und indem er uns seine Version der Ereignisse ohne Rücksicht, aber auch ohne Eitelkeit schildert, erweckt mit unserem Mitleid gleichzeitig unser Befremden. Peter ist ein also unzuverlässiger Erzähler im klassischen Sinn, einer, dem wir gebannt zuhören und dem wir auch dann noch folgen, wenn er selbst seine Lebenslügen mit seinem Leben zu verwechseln droht: weil wir mit dem Autor wissen, dass diese Geschichte auch ganz anders erzählt werden könnte, nämlich aus der Perspektive von Ines oder Annika. Peters Tragik ist, dass er in seinem Zorn und seiner Verletztheit dies nicht in Betracht zieht und auch nicht ziehen will.

          Das Porträt eines verstörten Mannes

          So erst gelangt „Die Liebe der Väter“ in den Bereich wirklicher Literatur, und Hettche setzt Signale zuhauf, um die Grenzen von Peters Perspektive an der Suada vorbei zu markieren: Sein Held entlarvt sich selbst. Kann man einem Ich-Erzähler trauen, der unentwegt beteuert, dass er alles versucht hat, seine Tochter aus den Fängen der labilen Mutter zu sich zu holen – und der gleichzeitig als Handelsvertreter Jahr für Jahr mehr als vierzigtausend Kilometer im Auto zurücklegt, um Buchhändlern von Garmisch bis Kampen die Neuerscheinungen vorzustellen?

          Thomas Hettche geht es weniger um Peters Wirklichkeit als um Peters Wollen, in der Beschäftigung mit dem entrechteten Vater ist sein Ansatz nicht soziologisch, sondern psychologisch, und so entsteht eben kein argumentativ aufgeladenes Plädoyer für mehr Gerechtigkeit auf dem Feld von Besuchszeiten und Sorgerecht, sondern ein faszinierendes Porträt eines aus der Bahn geworfenen, zunehmend verstörten Mannes. Dass der Übergang zwischen Außen und Innen, zwischen Welt und Ich dabei fließend ist, liegt auf der Hand. Und dass der Ich-Erzähler stets aufs Neue das Aussterben der Bücher und, ja, der ganzen Buchkultur beklagt, ist bei ihm gewiss berufsbedingt. Seine Liebe zu Sylt hingegen ist eng an seine Person geknüpft.

          Glücklichere Zeiten auf der Insel

          Der Insel gilt seine Sehnsucht, räumlich wie zeitlich: Auf Sylt mit den reetgedeckten Häuschen und den düsteren Sagengeschichten hatte er als Kind glückliche Zeiten mit seiner Mutter verbracht, die dort im Sommer Bücher verkaufte. Als fernen Nachklang dazu erlebt Peter heute, dass hier nun seine pubertierende Tochter liest, wenn auch nicht die ernsthafte Literatur, die er selbt in ihrem Alter verschlang, so doch immerhin Vampirromane. Auch dies kann, ebenso wie Annikas Begeisterung für Schauermärchen und Naturkatastrophen, als Fingerzeig darauf gelesen werden, wer in dieser ausweglosen Konstellation das Opfer mit den meisten Blessuren ist: eben Annika, die seit der Trennung vor mehr als zehn Jahren der Spielball zweier Erwachsener ist, die miteinander gescheitert, nun aber auch egozentrisch genug sind, ihren Hass über die zarte Kinderpsyche auszuspielen.

          Einerseits übernimmt Peter als Ich-Erzähler die Rolle von Ines’ Ankläger. Deren verkorkste Existenz zwischen immer neuen Männern, Drogen und Lebensentwürfen scheint tatsächlich kaum die richtige Umgebung für ein Kind zu sein. Zugleich aber zwingt Hettche seine Erzählerfigur in einer sagenhaften Volte selbst auf die Angeklagtenbank. Nachdem in der Silvesternacht in einem Restaurant die ohnehin schon aufgeladene Situation zwischen Peter und Annika eskaliert, verliert der Vater die Kontrolle und schlägt Annika ins Gesicht. Dieses unerhörte Ereignis ist eigentlich mehr eine Ohrfeige aus Verzweiflung – das sichtbare Zeichen für die Ohnmacht eines Vaters, der diese Rolle nie ausleben, ja nie probieren durfte. Peter ist überfordert, zuletzt wohl auch damit, dass Annika nun, da er sie endlich einmal bei sich hat, sich zugleich abnabeln will, sie ist dreizehn, und interessiert sich mehr für Jungs als für den Papa. Peters Überreaktion führt dazu, dass seine Freunde am Neujahrsmorgen Gericht über ihn halten. Das Tribunal am Küchentisch, abgehalten von spießigen Richtern aus der Mittelschicht, gehört zu den Höhepunkten des Romans; nicht weniger gespenstisch als die Schauermärchen, mit denen Annika die jüngeren Kinder der Freunde erschreckt.

          Wohltuend nüchtern geschrieben

          Hettches Roman ist ein Glücksfall, komplex, vielschichtig und geschrieben in einer artifiziellen Sprache, die der Emotionalität des Geschehens mit wohltuend nüchterner Kühle begegnet. Für diesen, seinen womöglich bisher persönlichsten Roman, hat sich dieser ehrgeizige Schriftsteller auf bemerkenswerte Weise zurückgenommen und die Eigendynamik seiner Geschichte nicht durch zusätzliche Volten gebremst – wie etwa noch in seinem letzten Roman „Woraus wir gemacht sind“ (2006). Der Autor erforscht, was einen Vater im Innersten beschäftigt – und da gibt es auch Abgründe zuhauf. Diese radikale Innensicht erinnert an Hettches meisterliches Psychogramm eines Mörders in „Der Fall Arbogast“ von 2001. Mit schmerzlicher Präzision beschreibt „Die Liebe der Väter“ beschreibt die Verletztheiten, Wunden und Sehnsüchte von Vätern, die keine sein dürfen. Die Bilder, die er dafür findet, werden bleiben.

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