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Thomas Hettche: Die Liebe der Väter : Vampire im Wattenmeer

Thomas Hettche geht es weniger um Peters Wirklichkeit als um Peters Wollen, in der Beschäftigung mit dem entrechteten Vater ist sein Ansatz nicht soziologisch, sondern psychologisch, und so entsteht eben kein argumentativ aufgeladenes Plädoyer für mehr Gerechtigkeit auf dem Feld von Besuchszeiten und Sorgerecht, sondern ein faszinierendes Porträt eines aus der Bahn geworfenen, zunehmend verstörten Mannes. Dass der Übergang zwischen Außen und Innen, zwischen Welt und Ich dabei fließend ist, liegt auf der Hand. Und dass der Ich-Erzähler stets aufs Neue das Aussterben der Bücher und, ja, der ganzen Buchkultur beklagt, ist bei ihm gewiss berufsbedingt. Seine Liebe zu Sylt hingegen ist eng an seine Person geknüpft.

Glücklichere Zeiten auf der Insel

Der Insel gilt seine Sehnsucht, räumlich wie zeitlich: Auf Sylt mit den reetgedeckten Häuschen und den düsteren Sagengeschichten hatte er als Kind glückliche Zeiten mit seiner Mutter verbracht, die dort im Sommer Bücher verkaufte. Als fernen Nachklang dazu erlebt Peter heute, dass hier nun seine pubertierende Tochter liest, wenn auch nicht die ernsthafte Literatur, die er selbt in ihrem Alter verschlang, so doch immerhin Vampirromane. Auch dies kann, ebenso wie Annikas Begeisterung für Schauermärchen und Naturkatastrophen, als Fingerzeig darauf gelesen werden, wer in dieser ausweglosen Konstellation das Opfer mit den meisten Blessuren ist: eben Annika, die seit der Trennung vor mehr als zehn Jahren der Spielball zweier Erwachsener ist, die miteinander gescheitert, nun aber auch egozentrisch genug sind, ihren Hass über die zarte Kinderpsyche auszuspielen.

Einerseits übernimmt Peter als Ich-Erzähler die Rolle von Ines’ Ankläger. Deren verkorkste Existenz zwischen immer neuen Männern, Drogen und Lebensentwürfen scheint tatsächlich kaum die richtige Umgebung für ein Kind zu sein. Zugleich aber zwingt Hettche seine Erzählerfigur in einer sagenhaften Volte selbst auf die Angeklagtenbank. Nachdem in der Silvesternacht in einem Restaurant die ohnehin schon aufgeladene Situation zwischen Peter und Annika eskaliert, verliert der Vater die Kontrolle und schlägt Annika ins Gesicht. Dieses unerhörte Ereignis ist eigentlich mehr eine Ohrfeige aus Verzweiflung – das sichtbare Zeichen für die Ohnmacht eines Vaters, der diese Rolle nie ausleben, ja nie probieren durfte. Peter ist überfordert, zuletzt wohl auch damit, dass Annika nun, da er sie endlich einmal bei sich hat, sich zugleich abnabeln will, sie ist dreizehn, und interessiert sich mehr für Jungs als für den Papa. Peters Überreaktion führt dazu, dass seine Freunde am Neujahrsmorgen Gericht über ihn halten. Das Tribunal am Küchentisch, abgehalten von spießigen Richtern aus der Mittelschicht, gehört zu den Höhepunkten des Romans; nicht weniger gespenstisch als die Schauermärchen, mit denen Annika die jüngeren Kinder der Freunde erschreckt.

Wohltuend nüchtern geschrieben

Hettches Roman ist ein Glücksfall, komplex, vielschichtig und geschrieben in einer artifiziellen Sprache, die der Emotionalität des Geschehens mit wohltuend nüchterner Kühle begegnet. Für diesen, seinen womöglich bisher persönlichsten Roman, hat sich dieser ehrgeizige Schriftsteller auf bemerkenswerte Weise zurückgenommen und die Eigendynamik seiner Geschichte nicht durch zusätzliche Volten gebremst – wie etwa noch in seinem letzten Roman „Woraus wir gemacht sind“ (2006). Der Autor erforscht, was einen Vater im Innersten beschäftigt – und da gibt es auch Abgründe zuhauf. Diese radikale Innensicht erinnert an Hettches meisterliches Psychogramm eines Mörders in „Der Fall Arbogast“ von 2001. Mit schmerzlicher Präzision beschreibt „Die Liebe der Väter“ beschreibt die Verletztheiten, Wunden und Sehnsüchte von Vätern, die keine sein dürfen. Die Bilder, die er dafür findet, werden bleiben.

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