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Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche : Aus diesem Panikraum gibt es kein Entkommen

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Bild: Verlag

Vor seinen Wünschen sollte man sich in Acht nehmen, denn sie könnten in Erfüllung gehen. In seinem neuen, seinem siebten Roman entwirft Thomas Glavinic ein verstörendes, ergreifendes Endzeit-Szenario ohne Untergangsstimmung.

          Was ist schlimmer: der letzte Mensch auf Erden zu sein – oder in einem geordneten, bürgerlichen Leben einem Albtraum ausgesetzt zu sein, den man selbst mit engsten Vertrauten nicht teilen kann? Was ist unerträglicher: alle Wünsche erfüllt zu bekommen – oder keine Wünsche mehr zu haben? Und was, wenn sich eine private Utopie als übergreifende Apokalypse entpuppt?

          Der erste Hinweis, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht, lässt im neuen Roman von Thomas Glavinic keine drei Seiten auf sich warten. Denn obwohl ein zwielichtig aussehender Mann Jonas aus heiterem Himmel verspricht, ihm drei Wünsche zu erfüllen, ja ihm diese Wunscherfüllung geradezu aufnötigt, erzählt „Das Leben der Wünsche“ kein Märchen, im Gegenteil. Dafür sorgt Jonas selbst mit einer Antwort, deren Schläue sich auf ungeahnte Weise gegen ihn wenden wird: „Ich wünsche mir, dass sich alle meine Wünsche erfüllen. Dies ist mein erster Wunsch, und auf die zwei anderen kommt es nun nicht mehr an, ich schenke sie Ihnen.“ Jonas wird später nicht sagen können, er sei nicht gewarnt worden: „Sie verstehen mich ganz falsch, sagte der Mann. Es geht nicht darum, was Sie wollen, sondern darum, was Sie sich wünschen.“ Und: „Geben Sie Ihren Wünschen Zeit, sich zu entfalten.“

          Leben in einer Art Computersimulation

          Vom unheimlichen Eigenleben dieser Wünsche, die aus dem Verborgenen und Verschwiegenen, den dunkelsten, unbewussten Tiefen eines Charakters ans Licht treten und dort existentiellen Schrecken verströmen, erzählt Thomas Glavinic in seinem siebten Roman, der sich, wie jedes Meisterwerk, auf vielen Ebenen lesen lässt. „Das Leben der Wünsche“ ist die Geschichte einer fortwährenden Entäußerung. Ein großer Liebesroman und als solcher ein Glaubensbekenntnis. Ein Panikraum und ein Horrortrip aus nächster Nähe. Glavinic zeigt uns einen Mann, der sich selbst schon lange fremd geworden ist und der verzweifelt versucht, mit sich ins Reine zu kommen, Klarheit und Ruhe zu finden. Dabei ist Jonas – zweifelnder Ehemann von Helen, hingebungsvoller Vater von Tom und Chris, leidenschaftlicher Geliebter von Marie und unmotivierter Angestellter einer Werbeagentur – ein ganz normaler, netter Typ, ein Jedermann mit Charisma, der so lebt, fühlt und denkt wie das Gros seiner Generation. Mit fünfunddreißig Jahren ist er noch nicht raus aus dem Alter, in dem man dauernd an Sex denkt, aber auch jung genug, um verstehen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, um hartnäckig vom Leben einen Sinn zu fordern. Und um Angst zu haben, dass es diesen Sinn nicht gibt. Jonas befürchtet, dass wir in „einer Art Computersimulation“ leben, dass unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit falsch sind und unser Religionsbegriff ein Missverständnis, weil er davon ausgeht, dass Gott dem Menschen ähnlich ist. Mit anderen Worten: Jonas ist ein Existentialist, der bis ans Äußerste geht.

          Und er ist kein Unbekannter. Glavinic-Lesern ist Jonas aus „Die Arbeit der Nacht“ (2006) als letzter Mensch auf Erden in bester, erschauernder Erinnerung. Schon damals suchte er die Zähigkeit der Zeit zu überwinden, schon damals entdeckte er, dass ein Teil seiner selbst ein rätselhaftes Eigenleben führte, wenn der andere schlief. Und auch damals hieß die Einzige, die ihn, wenigstens einen seligen Moment lang, von sich selbst erlösen konnte, Marie.

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