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Tomas Espedal über Bergen : Hier wohnen die langweiligsten Menschen

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Lebkuchenstadt: Bei der „Pepperkakebyen“ im norwegischen Bergen ist alljährlich eine Miniaturstadt zu sehen. In Espedals Buch wirkt Bergen weniger lieblich. Bild: AFP

Und Tomas Espedal schreibt sehr kurzweilig über sie: In „Bergeners“ verarbeitet der Autor aus Norwegen seine Herkunft, seine literarische Tradition, seine Freundschaften und auch noch manche Trennung.

          Wie soll man sich, wenn man bald fünfzig wird, in einem leeren Haus einrichten? Wie soll man sich zu seiner Einsamkeit verhalten, wie soll man sie füllen?“ Der diese Fragen stellt, ist gerade verlassen worden, und zwar gleich doppelt: Sowohl seine Tochter als auch seine Freundin sind fast gleichzeitig bei ihm ausgezogen, und er ist verzweifelt. Aber so ganz verzweifelt dann auch wieder nicht. Mit der Einsamkeit sei es nämlich so eine Sache, sie habe auch Vorteile. Das Dilemma ist: „In einem gewissen Alter erträgt man keine Freunde mehr, und allein zu sein, erträgt man auch nicht.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ob immer derselbe spricht im vorliegenden Buch, ist zu bezweifeln. Es ist eine Sammlung von Tagebucheinträgen, Reiseschnipseln, Kindheitsergründungen, Crashgeschichten mit Freunden, Reportagen, Gedichten. Aber viele davon kreisen um das Schriftstellerdasein, und manche deuten klar auf jenes des norwegischen Autors Tomas Espedal hin, der 1961 in Bergen geboren wurde.

          „Bergeners“ heißt denn auch der schmale Band sowie ein Kapitel darin, und man könnte kurz annehmen, hier schriebe nicht Tomas Espedal, sondern Thomas Bernhard: „Die Bergener Bürgerschaft ist der langweiligste und uninteressanteste Gegenstand, den es gibt; was sollte man auch darüber schreiben, über sie, diese Familien, die so gut wie unsichtbar sind?“

          Tomas Espedal: „Bergeners“

          Ein paar von ihnen werden dann doch sichtbar gemacht, Schlaglichter auf sie geworfen, allerdings wieder in einem anderen Kapitel: Macht sich somit der Autor über sich selbst lustig oder befindet sich zumindest im Streit mit sich selbst?

          „Øyvind Rimbereid ist ein Zugezogener“, beginnt etwa ein Abschnitt, oder: „Silje Aa. ist aus Bergen weggezogen. Die Stadt hat das nicht registriert.“ Oder: „Simen Hagerup kommt zu Besuch. Seine Haarfrisur zeigt, dass er gern langes und kurzes Haar zugleich hätte.“ Unter den Beschriebenen sind auch Freunde und Bekannte des Erzählers, man blickt kurz in ein Künstleratelier oder lauscht dem Gespräch über ein Klavierstück von Franz Liszt, „das Tränen nachempfunden ist“, dann wieder ist man draußen im Park, beobachtet Kinder, Junkies, eine alte Frau, die den Vögel Brotkrumen hinwirft. Aus dem lakonisch dargestellten Personentableau, das an Joyces „Dubliners“ oder auch Döblins „Berlin Alexanderplatz“ erinnert, hätte Espedal vielleicht einen ganzen Roman machen können; an epischer Breite scheint seine Prosa aber gar kein Interesse zu haben. Die Kurzgeschichte über die „Bergeners“, wenn man sie als solche bezeichnen will, verändert sich unter der Hand in ein Mehrstimmenspiel, das wie Lyrik gesetzt ist und die Unterscheidung zwischen Figurenrede und Szenenanweisung mitunter schwer macht: „Manche von uns wählen die Fortschrittspartei.“ – „Ein Platz für Einsamkeit in Autos. Man fährt. Man will nirgendwohin. Man fährt schnell.“ – „Keine Ausländer auf dem Danmarksplass! Sie arbeiten nicht und haben keine Autos, was wollen sie dann hier?“

          Espedals hochfliegend-gedankenspielerisches Erzählen wird immer wieder geerdet durch autobiographische Momente und Klarnamen-Bezüge auf real existierende Personen, darunter auch den mit seiner Mammut-Memoirenreihe „Mein Kampf“ zum Weltstar avancierten Schriftstellerkollegen Karl Ove Knausgård, der zu Beginn als Motivation einer Flucht erwähnt wird: „Ich war einer spontanen Eingebung folgend nach Madrid gereist, um dem Theater rund um Knausgårds Bücher in Norwegen zu entfliehen.“

          Ein unerfreulicher Zwischenfall

          Man mag einen gewissen Neid aus dieser Passage heraushören, der aber auch schon ironisch gebrochen scheint. Zudem hat die Flucht auch einen ganz konkreten Grund: „Er hatte meinen Namen in Verbindung mit einem unerfreulichen Zwischenfall in meiner Wohnung genannt, und jetzt stand mein Telefon nicht mehr still, jede Menge Journalisten.“

          Der „unerfreuliche Zwischenfall“ in Espedals Wohnung spielt auf Knausgårds angebliche Vergewaltigung einer Frau bei einem dortigen Gelage an, die Knausgård im fünften Band seiner Reihe selbst thematisiert hat. Auch in Espedals Buch wird nun besagte Nacht beschrieben, das Entscheidende aber ausgespart. Die Frau namens Maud verschwindet in einem Zimmer mit Karl Ove, und später findet der Erzähler sie weinend mit zerrissenen Kleidern vor. Der Erzähler sowie auch Karl Ove werden dann von einem Mann namens Frode, Mauds Freund, mit nächtlichen Klage-Anrufen überzogen, bis der Erzähler Frode mit Gewalt droht. Bald darauf ist Frode tot.

          Inwiefern die dramatischen Ereignisse Teil von Espedals ins Traum- und Albtraumhafte drängenden Spiels sind, lässt sich schwer beurteilen. Wie bei Knausgård, und mag dieser die „Authentizität“ seines Erzählens noch so betonen, weiß man auch bei Espedals ohne Gattungsbezeichnung veröffentlichtem Text nie, wo die Grenze zur Fiktion verläuft. Und das ist bei beiden Autoren zu einem gewissen Grad auch eine Masche. Denn beide, auch wenn Espedal meist eher kurz schreibt und Knausgård ausufernd lang, produzieren gezielt Metafiktion. Sie beziehungsweise ihre Verleger haben vielleicht nur begriffen, dass solch ein akademischer Begriff manche Leser abschreckt, und genießen die begierig verbreitete Zuschreibung des „radikal Autobiographischen“, die sie manchmal auch selbst mit befeuern. Die einzelnen Kapitel in „Bergeners“ sind zum Teil Frauen gewidmet, die man für verflossene Lieben des Autors halten kann.

          Bei aller Bekenntnishaftigkeit gibt es aber keinen Zweifel, dass dieses Buch ganz im Spielerischen lebt, so etwa im kurzfristigen Drang zum Essay („Vom Schlafen“) oder zur literarischen Hommage (das Kapitel „Der Nachmittag des Schriftstellers“ könnte eine an Handke sein). Am stärksten ist Espedal in der synästhetischen Verdichtung, die seinen Erzähler beim Betrachten Goyas in „eine Höllenzone aus Schuldgefühlen und Angst“ stürzt. Und gerade als dieser Erzähler einmal eine Predigt über das „Wahre“ und „Wirkliche“ in der Literatur hält, findet er sich plötzlich in einer magisch verformten Realität wieder.

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