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Neuer Roman von Thomas Brussig : Sei fortan ein Waschbärwesen

Vor Waschbären wird gewarnt – auch wenn sie noch so niedlich gucken oder zu sonderbaren Romanfiguren werden. Bild: ZB

Humor aus Bräsenfeld: „Die Verwandelten“ erzählt von zwei Teenagern, die versehentlich zu Waschbären werden – alles als große Satire verpackt. Doch was möchte uns Autor Thomas Brussig mit seiner Romanfarce sagen?

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          Hoppla, da traut sich einer was! Als deutscher Schriftsteller ein Buch namens „Die Verwandelten“ zu schreiben, selbst mit mehr als hundert Jahren Abstand zu Kafkas „Verwandlung“, das will etwas heißen. Oder zumindest suggerieren, dass es etwas heißt. Auch wenn dann gar nicht so heiß gegessen wird, wie die Sache angerührt erscheint.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Immerhin, der Autor der „Verwandelten“ ist Thomas Brussig. Mit seinem Debüt „Helden wie wir“ schrieb er 1995 den ersten Roman über die deutsche Wiedervereinigung, der ein Bestseller wurde, vor allem seiner Schelmenstruktur wegen. Vier Jahre später kam zum zehnjährigen Jubiläum des Mauerfalls nicht nur die Verfilmung dieses Buchs, sondern auch „Sonnenallee“ ins Kino, zu dem Brussig gemeinsam mit dem Regisseur Leander Haußmann und Detlef Buck das Drehbuch (und gleich noch einen Roman) verfasst hatte. Dann wechselte der 1964 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller von seinem früheren Stammverlag Volk und Welt zu S. Fischer, doch obwohl er dort zwanzig Jahre lang regelmäßig weitere Bücher publizierte, stellte sich der große Anfangserfolg nicht wieder ein. Nun nimmt Brussig bei Wallstein einen neuen Anlauf, und wenn es nach der Geschichte ginge, die sein neuer Roman erzählt, dürfte einem Publikumsrenner nichts im Wege stehen. Denn was erwartet man von Brussig? Eine amüsant erzählte Geschichte vor dem Hintergrund ostdeutscher Befindlichkeit.

          Plötzlich Waschbär

          Und hier ist sie: „Die Verwandelten“, das sind die in einem mecklenburgischen Kaff namens Bräsenfeld lebenden Teenager Phoebe Hüveland, genannt Fibi, und Aram Stein. Im Internet stoßen sie auf die Anleitung eines Comedians, wie man vom Menschen zum Waschbären wird: Man futtert Beeren in einer Autowaschanlage. Billigster Schenkelklopfhumor. Das Problem ist nur, dass Fibi und Aram tatsächlich Waschbären werden, als sie diese Anleitung in ein Filmchen für ihr gemeinsames Videoblog umsetzen wollen. Fibi kann immerhin noch sprechen, Aram nicht einmal mehr das. Beider Familien sind verblüfft, aber nicht fassungslos. Schließlich steckt in der Sache eine gute Story, also viel Geld. Vater Hüveland ist zudem Bürgermeister von Bräsenfeld und wittert Massentourismus.

          Thomas Brussig: „Die Verwandelten“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 328 S., geb., 20,– Euro.

          Eine Mediensatire also, die Thomas Brussig erzählt. Und ein Provinzroman. Und eine Generationenfarce. Und natürlich selbst auch Schenkelklopfhumor, wenn Fibi als Waschbär in die Familie zurückkehrt und dort neue Essmanieren vorführt oder twerkend die Hüften schwingt. Brussig delektiert sich an der Absurdität der Situation, und zugleich wird doch mit Aram ohne große Worte eine traurige Gegenfigur aufgebaut, die mangels Sprechvermögen nicht fernsehtauglich und also auch nicht gut verwertbar ist. Die resultierenden Konflikte zwischen den Familien Hüveland und Stein liegen auf der Hand, aber da verschenkt Brussig einiges an Potential seiner Geschichte und setzt lieber aufs Burleske, in Ansätzen auch aufs Gesellschaftskritische, wenn er die redaktionelle Behandlung der Waschbärensensation in Zeitungen und Sendeanstalten oder die anwaltliche Beratung von Familie Hüveland weitaus breiter schildert als die Enttäuschungen bei den Steins. Zumal dann noch eine kleine Andeutung, dass Arams Vater Sympathien fürs extrem rechte politische Spektrum hegen könnte, eine neue Spur aufmacht, die aber ins Leere läuft, weil der Roman ihr einfach nicht mehr weiter nachgeht. Gleiches gilt bezeichnenderweise auch für eine syrische Flüchtlingsfamilie, die Brussig gerade mal für eine Rahmung des Geschehens nutzt.

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