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Thomas Bernhard Graphic Novel : Wenn Sprache den Bildrhythmus vorgibt

Winzige Variation in der Schreckenskammer: eine Salzburger Kriegszene Bild: Residenz Verlag

Eine Frage der Suada: Thomas Bernhards Bücher bewähren sich auch als Vorlagen für Comics. Jetzt kam erstmals ein anderer Zeichner als Nicolas Mahler zum Zuge – und ein anderer Verlag als Suhrkamp.

          Seit Comics hierzulande „Graphic Novels“ heißen, wenn sie Anspruch auf Anspruch erheben wollen, ist auch die Zahl der gezeichneten Literatur-Adaptionen gestiegen. Denn immerhin hat der Marketingbegriff da seine Berechtigung: Romane von Proust, Kafka, H. G. Wells, Marcel Beyer, Melville und zahllosen anderen bedeutenden Schriftstellern sind als gezeichnete Versionen ja tatsächlich graphic novels – ganz im Gegensatz zu Reportagen, Autobiographien, Sachcomics oder was im deutschen Sprachraum noch alles unter dem gekaperten englischen Begriff publiziert wird. Und über das klägliche Niveau der 1941 in Amerika zu pädagogischen Zwecken (aber nicht aus ästhetischer Motivation) etablierten Heftserie „Classics Illustrated“, deren Schöpfer sich der Illusion hingaben, mit schlecht gemachten Comics könnte man Lust auf die Lektüre von deren literarischen Vorlagen machen, sind wir erfreulicherweise längst hinaus. Obwohl es mit gut gemachten Adaptionen auch nicht besser klappt. Wer sich für „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ oder „Der Prozess“ als Comic begeistert, hat im Regelfall den Roman schon gelesen. Den Zeichnern kann es egal sein, solange gekauft wird.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Den Schriftstellern oder deren Erben ist es nicht egal. Warum sollten sie der Comic-Version eines berühmten Buchs zustimmen? Die Rechteinhaber der Werke von Beckett etwa verweisen darauf, dass der Autor selbst zu Lebzeiten keiner Verfilmung (also Verfremdung) zugestimmt hat, und weisen jedes Ansinnen einer Comic-Adaption zurück. Deshalb musste sich der österreichische Zeichner Nicolas Mahler, der „Warten auf Godot“ zeichnen wollte, 2012 eine andere Herausforderung suchen. Er fand sie in Thomas Bernhards „Alte Meister“, und diesmal stimmten die Erben zu. Der Comic, wie die Romanvorlage bei Suhrkamp erschienen, wurde zum Überraschungserfolg, obwohl Mahler die Handlung extrem verdichtete. Aber er wahrte in Sprechblasen und Textkästen die markante Sprachsuada. Mit dem bernhardschen Theaterstück „Der Weltverbesserer“ gelang ihm das zwei Jahre später noch einmal.

          Thomas Bernhard und Lukas Kummer (Illustrationen): „Die Ursache. Eine Andeutung“. Graphic Novel. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 2018. 112 S., geb., 22 Euro

          Thomas Bernhards Erben hatten ihren Spaß daran, also haben sie nun auch einem anderen Verlag eine Adaptionsgenehmigung erteilt: Residenz, wo von 1975 bis 1982 der fünfteilige autobiographische Zyklus über Bernhards Jugend herauskam. Dessen ersten Band, „Die Ursache“, hat der im Gegensatz zu Mahler noch relativ unbekannte junge Innsbrucker Zeichner Lukas Kummer in einen Comic umgesetzt. Der zeigt uns jenes Salzburger Internat, in dem Bernhard von 1943 bis 1946 zur Schule ging und das im Krieg stramm nationalsozialistisch, danach kompromisslos katholisch geführt wurde – für Bernhard eine konsequente Fortsetzung der dort erlittenen Charakterverstörung und -zerstörung.

          Anders als Mahler mit seinen für ihn typischen Figuren überführt Kummer das bernhardsche Personal nicht in individuelle, sondern in gesichtslose, beinahe piktogrammartig gezeichnete Darstellungen. Sprechblasen gibt es nicht, nur den Bildern jeweils am oberen Rand beigegebene Textkästen, die Originalsätze aus Bernhards Buch bieten, teilweise ihrer Länge wegen über ganze Seiten hinweg fortgeführt. Lukas Kummer wählt die spezifische Rhythmik der bernhardschen Sprache als Ausgangspunkt für einen eigenen Bildrhythmus, der mit winzigsten Veränderungen und ständigen Motivwiederholungen arbeitet – ein kongeniales Verfahren, das tatsächlich auch Bernhard-Novizen eine Vorstellung von der Sogwirkung dieses Erzählens vermitteln kann. Auf Fortsetzung darf man sich angesichts der noch vier ausstehenden Bände freuen.

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