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Thomas Bernhard und Gerhard Fritsch: Der Briefwechsel : Korrektur eines Unkorrigierbaren

Bild: Korrektur Verlag

„Du wirst dich mit den Jahren immer mehr auf Dich verlassen können - ich immer weniger!“ Der Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Gerhard Fritsch wirft ein neues Licht auf die Anfänge des österreichischen Auslöschungsspezialisten.

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          Müssen die Anfänge des Schriftstellers Thomas Bernhard neu bewertet werden? Der vorliegende Band dokumentiert die fünfzehn Jahre währende Freundschaft zwischen dem Schriftsteller Gerhard Fritsch und dem sechs Jahre jüngeren Bernhard. Die achtundvierzig erhaltenen Schreiben stammen aus dem Briefnachlass Thomas Bernhard (Literaturarchiv der Universität Salzburg) und dem Nachlass Gerhard Fritsch (Wienbibliothek). Der Schriftverkehr setzt 1957 ein, da siezen sich die beiden noch, die sich vermutlich drei Jahre zuvor kennengelernt haben.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Fritsch war schon wer im Betrieb, Bernhard nicht. Der promovierte Germanist leitete die Bibliothekarsausbildung der Wiener Städtischen Bücherei, hielt Vorträge für die Erwachsenenbildung, war nebenher als freier Lektor für Verlage sowie als Redakteur von Literaturzeitschriften („Wort in der Zeit“, „Literatur und Kritik“) tätig. Debütiert hatte er 1951 mit dem Gedichtband „Zwischen Kirkenes und Bari“, 1956 erzielte er einen Achtungserfolg mit dem Roman „Moos auf den Steinen“, der auch verfilmt wurde. Von 1959 an lebte er als freier Schriftsteller. Er wusste also, wie man eine solche Existenz plus drei Frauen und diverse Kinder absichert.

          Ein Verlag nach Bernhards Geschmack

          Bernhard, seit 1955 Student am Mozarteum, gibt sich untertänig: „Jetzt bräuchte ich die Lehren eines ausgereiften alten Mannes: es ist alles so finster um mich herum.“ Die Geste wirkt: Der vielseitig beschäftigte Fritsch müht sich nach Kräften, ihm zu helfen. Die beiden im Anhang abgedruckten Verlagsgutachten sind dafür ebenso Beleg wie Rezensionen, die hier allerdings fehlen. Über die Gedichtsammlung „Frost“ - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Roman - schreibt Fritsch, sie bestätige „meine immer wieder aufgestellte Behauptung von Bernhards ans Geniale grenzender Begabung“. Ähnlich argumentiert Hansjörg Graf auch im Fall von Gerhard Fritsch, dem er 1955 in einem Gutachten für den Verlag Otto Müller „ein eminentes Gespür für das Zeitliche und Überzeitliche im österreichischen Roman, für die Problematik der kulturellen Überalterung Europas und die nicht ungefähre Begegnung einer Grenzlandschaft mit dem ungeheuren Machtpotential des Ostens“ attestiert.

          Den Blick in diese für Thomas Bernhard wegweisende Beziehung verdanken wir dem neu gegründeten Korrektur Verlag, hinter dem sich der Suhrkamp-Lektor und Präsident der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft, Raimund Fellinger, verbirgt. Den Namen hat er sich bei dem Roman „Korrektur“ aus dem Jahr 1975 geborgt. Die wirtschaftliche Seite vertritt Heiner Gann, der im österreichischen Mattighofen, genauer: im Gewerbegebiet der Nachbargemeinde Munderfing und also mitten im Innviertel, eine Druckerei betreibt. Die Ansage, man wolle auf dem „höchsten Stand der Buchkunst“ publizieren, erscheint angesichts eines ordentlich produzierten Bandes von zarten 108 Seiten, für den knappe dreißig Euro gefordert werden, etwas vollmundig. Aber Mattighofen und Munderfing, das hätte Bernhard gefallen; das Vollmundige sowieso.

          Fritsch und Bernhard: eine Freundschaft

          Dabei erleben wir in diesem von Martin Huber, dem Leiter des Bernhard-Archivs, mitherausgegebenen Briefwechsel einen Thomas Bernhard, der den Mund noch nicht so voll nimmt, der sich auch mal hinten anstellt. Fritsch lässt von Anfang an keinen Zweifel an seiner Sympathie für den Jüngeren; er hilft ihm sogar, für den Kauf des Vierkanthofes in Obernathal ein Darlehen zu bekommen. Das ist die Ausnahme, nicht die Regel im Literaturbetrieb. Und Bernhard ist froh über diese Schützenhilfe, denn das Bitte-Sagen fällt ihm schwer. Er steckt im Dilemma aller Autoren, Geld verdienen zu müssen mit einer Ware, die keinen festen Preis kennt. Was Arno Schmidt als das „verfluchte Fressen-Müssen“ beschrieb, hier ist es nachzulesen: „Ich leide an Geldlosigkeit“ oder „Ich brauche so notwendig ein paar Kreuzer“.

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