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Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Der Briefwechsel : In die Poesie gehört die Ökonomie, in die Phantasie die Realität

Bild: Verlag

Ein ewiger Kampf ums Geld, um Aufmerksamkeit und das Dokument der Freundschaft zweier außergewöhnlicher Charaktere: Der Briefwechsel von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld liegt nun in einer mustergültigen Edition vor.

          5 Min.

          Zwei Dinge lassen sich aus diesem Briefwechsel lernen: wie schwierig ein schwieriger Schriftsteller und wie genial ein genialer Verleger sein können. Gegenseitig spornen sie sich zu Höchstleistungen an, in einer permanenten, sich über Jahrzehnte erstreckenden Auseinandersetzung, die ganz von der Lebens- und Arbeitsmethode des Schriftstellers geprägt ist. Jede Entscheidung, jeder noch so kleine Schritt wird als Gegenbewegung, als Reaktion, ja mehr noch: als ein Akt des Widerstands definiert und auf diese Weise erst möglich. So, im unablässigen Gegeneinander untergehakt, schreiten Thomas Bernhard und Siegfried Unseld gemeinsam voran, in nimmer endendem Streit einträchtig vereint.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Fast nie geht es um künstlerische oder genuin literarische Fragen, fast immer geht es um Geld. Aber schon bei einer der ersten Gelegenheiten, im Dezember 1965, gibt Bernhard seinem Verleger zu verstehen, dass es zwischen ihnen immer auch um anderes gehen würde: „Die Zeit, da ich Sie mit finanziellen Kopfsprüngen nicht mehr belästigen werde, ist mit grosser Sicherheit bald gekommen, dann entbehrt unser beider Verhältnis vielleicht gar die so wunderbare Spannung, die mir, ich erstaune darüber nicht, so recht ist.“

          Über das Maß des Erträglichen hinaus

          Die Hoffnung, die Bernhard seinem Verleger hier machte, hat sich natürlich nie erfüllt – auf die „wunderbare Spannung“ zwischen ihm und Unseld konnte und wollte der Schriftsteller nicht verzichten. Er hat diese Spannung seinem Verleger zugemutet und abverlangt, oft über das Maß des Erträglichen und ein, zwei Mal sogar über das Maß des Menschenmöglichen hinaus. Ausgerechnet von Siegfried Unseld, diesem temperamentvollen, ungeduldigen Tat- und Machtmenschen lässt sich in diesen Briefen lernen, was Geduld heißt, was Nachsicht, Verständnis und Großzügigkeit.

          Nicht zu vergessen: Raffinement und Gerissenheit, Taktik, Schläue und Geschäftssinn. Völlig unbeirrbar tut Unseld alles, was in seiner Macht steht, um zum Vorteil seines Verlages zu wirken. Und wenn er zu diesem Zweck seinem Autor einen Wunsch abschlagen oder auf einer Forderung ihm gegenüber bestehen muss, dann tut er dies in dem Bewusstsein, dass der Verlag im geistigen Sinn nichts anderes ist und sein kann als die Summe seiner Autoren. Was dieser Verlag auf materieller Ebene ist und braucht, der Apparat, die Mitarbeiter, Verwaltung, Verträge, Arbeitsabläufe, all das wird von Bernhard zutiefst verachtet, von Unseld aber geradezu geliebt: als vertrautes, zuverlässiges Mittel zu einem höheren Zweck. Unselds Demut gegenüber seinen Autoren war groß, hier jedoch gelangte sie an ihre Grenzen. Mitunter hat es den Anschein, als habe der Verleger die Attacken gegen seine Person weitaus leichter verschmerzen können als die Herabsetzung seines Verlags.

          Bernhard sieht allenthalben den Stumpfsinn am Werk

          Immer wieder beklagt sich Bernhard über die schlechte Behandlung, die ihm der Suhrkamp Verlag zumute. Da ergeht es dem Haus und seinem Verleger kaum besser als dem Rest der Welt. Zeitungen, Rundfunkanstalten, der Literaturbetrieb, das Theater: Überall sieht Bernhard den Stumpfsinn am Werk, herrschen Bösartigkeit, Infamie und Inkompetenz. Dass von seinem Roman „Verstörung“ innerhalb von drei Jahren nur 1800 Exemplare verkauft wurden, kreidet er allein dem Verlag an: „Denn selbst wenn ich ganz alleine mit meinem Rucksack durchs Land ginge, verkaufte ich in vier Wochen sicher mehr.“ Unseld kontert mit den Verkaufszahlen von Beckett, dessen „Malone“ sich innerhalb eines ganzen Jahrzehnts gerade einmal 1632 Mal verkauft habe. Und dann, als sei der Beckett-Vergleich nicht schmeichelhaft genug, legt er noch einmal kräftig nach: „Denken Sie doch an einen Fall, mit dem Sie sich wirklich vergleichen dürfen, an Kafka. Von ihm sind von einem Buch im ersten Jahr des Erscheinens nie mehr als 300 Exemplare verkauft worden“.

          So wirkungsvoll Sätze wie diese gewesen sein dürften, so zeigt dieser Brief vom 15. Juli 1968 doch auch, dass der Verleger seinen Autor damals noch nicht richtig einzuschätzen wusste. Denn nun, da er Bernhard beschwichtigt glaubt, stellt Unseld seinerseits Forderungen. Nicht nur verlangt er Geduld von dem Ungeduldigen, sondern er schreibt: „Wir müssen uns nach den Realitäten richten.“ Wohl keinen anderen Satz hätte Bernhard mit größerem Ingrimm zurückgewiesen als diesen.

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