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Thomas Bernhard: Der Wahrheit auf der Spur : Der Papst als Bodenküsser

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Mal kalt kalkulierte Provokation, mal schnoddrige Frechheit: Mit einer Sammlung vermischter Texte wird die Marke Thomas Bernhard gepflegt. Das Buch differenziert das Bernhard-Bild weiter und ist gerade deswegen ein Lektüre-Wechselbad.

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          Je älter er wird, desto weniger Rücksicht auf Konventionen nimmt er. Am 27. März 1986 schreibt Thomas Bernhard dem „sehr geehrten Herr Dr. Temnitschka“ in einem dürren Vierzeiler, er werde den ihm angetragenen Professorentitel nicht annehmen. Begründung: „Die Grazer Autorenversammlung ist eine Versammlung von untalentierten Arschlöchern.“

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Früh unterscheidet er - in einer affirmativen Besprechung der Werke Josef Weinhebers aus dem Jahr 1955 - zwischen Deutsch- und Österreichertum. Nicht, dass er das eine oder das andere gemocht hätte, aber im Zweifel galt seine ungeteilte Hassliebe Österreich. Weil das „Miniaturterritorium“ in Thomas Bernhards Augen die Chance für einen Neuanfang nach 1945 nicht genutzt, sich nicht aus den Fesseln der Kirche und des Nationalsozialismus befreit hat: „Im ersten Stock spielt man Geige. Im Keller öffnet man die Gashähne.“

          Bereitschaft zum Bruch

          Seine Heimat: eine „Mischung aus Freilichtmuseum für ordinäre Weltenbummler und Irrenanstalten“. Die Landschaft, von der er nicht loskommt, bleibt der salzburgische Flachgau, der Kobernaußerwald, Gmunden. Er sieht sich selbst als „schreibenden Ableger“ einer aus einem „hundert Quadratkilometer großen Landstrich südlich des Wallersees zurückprojizierten Genetik“. Seine Favoriten in der Literatur sind zunächst katholische Franzosen wie Charles Péguy, Henri Michaux, Georges Bernanos und Paul Claudel. Mit lebenden Kollegen hat er offiziell nichts zu tun; dass er die Konkurrenz beobachtet, wird jedoch immer wieder deutlich. Schon 1957 brüskiert er seine Altersgenossen in hohem Ton mit dem Pamphlet „Ein Wort an junge Schriftsteller“.

          Als er 1979 die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verlässt, weil diese Bundespräsident Walter Scheel aufnehmen zu müssen glaubt, schreibt er: „Dichter und Schriftsteller gehören nicht subventioniert ..., sondern sich selbst überlassen.“ Aus dem Briefwechsel mit Siegfried Unseld weiß man, wie brutal Bernhard in seinen Drohungen sein konnte, was der Suhrkamp-Verleger alles einstecken musste und tatsächlich einsteckte. Die Bereitschaft zum Bruch zieht sich auch durch diese Textsammlung wie ein roter Faden. Bernhard bricht - mit Salzburg und den Festspielen, mit dem Kunstminister, dem Bundeskanzler, mit Rezensenten, Theatern.

          Der Papst als stummer Bodenküsser

          Versöhnungsgesten sind selten. Das von ihm als „Lechkloake“ geschmähte Augsburg erfährt bei einem Redaktionsbesuch durch die Hintertür, es sei doch alles nur Spaß gewesen. Ein Großteil der Irritationen, die Bernhard zeitlebens hervorruft, dürfte auf diesem Missverständnis beruhen. Die Öffentlichkeit kam weder mit dem grimmigen Spaßbegriff Bernhards zurecht, noch fand sie adäquate Gegenwehr. „Die fürchterliche Wahrheit“ sei „letzten Ende niemals als Tragödie, sondern als Komödie“ zu bewerten, hat er 1978 Brigitte Hofer anvertraut.

          Sehr komisch schreibt er 1988 gegen den von der „unheilbaren Klassikerkrankheit“ befallenen Claus Peymann eine Sottise über sein Stück „Glückliches Österreich“, das er gerade auf Mallorca probe. Mit dem Papst als stummem Bodenküsser und folgenden Akteuren: „Herr Kreisky spielt in meinem Stück den großen Dubiosus, Herr Waldheim das gefinkelte Hors d'oeuvre, und Herrn Heller habe ich für den Schweinehirten in meinem Stück verpflichtet.“ Bundeskanzler Vranitzy tanzt mit seinem Vorgänger Kreisky einen Linkswalzer, womit die Herren aber überfordert sind.

          Die immergleiche Antwortplatte

          Der von Wolfram Bayer, Raimund Fellinger und Martin Huber herausgegebene Band „Der Wahrheit auf der Spur“ setzt die Bewirtschaftung der Autorenmarke fort: Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod ist der Österreicher ein auflagenstarker Programmsäulenheiliger. Das Buch differenziert das Bernhard-Bild weiter und ist gerade deswegen ein Lektüre-Wechselbad. Die Interviews sind mit wenigen Ausnahmen eine frustrierende Lektüre, weil sich Bernhard häufig unter Niveau präsentiert. Die Reden - zum Beispiel die Dankesrede zum Büchner-Preis 1970 - ragen als kalte, kalkulierte Provokationen heraus.

          Im Interview dominieren rotzig hingeworfene Frechheiten - ein Gespräch zwischen Unbekannten sei gar nicht möglich. Dennoch unterzieht sich Bernhard dieser Form der Befragung immer wieder. Bisweilen mündet das ins Blabla, wenn er den Verleger als Menschen definiert, der ein Manuskript annimmt und dann nicht mehr findet; bisweilen versöhnt er mit radikaler Offenheit. Den Anblick seines ersten Zeitungsartikels feiert er so: „Ich habe in meinem ganzen Leben nie mehr ein solches Hochgefühl erlebt.“ Wie die meisten Künstler wird er immer wieder das Gleiche gefragt, wie die meisten legt er die immergleiche Antwortplatte auf.

          Vorteil der Augenweide

          Spät erst spricht er öffentlich über seinen „Lebensmenschen“, die siebenunddreißig Jahre ältere Wiener Beamtenwitwe Hedwig Stavianicek, die Bernhards Entwicklung maßgeblich beeinflusst hat. Ein Schuss Literarisierung ist stets dabei: Er ist neunundzwanzig, nicht neunzehn, als die beiden zum ersten Mal zusammen verreisen. Sein Landsmann André Müller findet in seinem großen Gespräch für „Die Zeit“ 1979 die bündigste Form: Er knackt die Bernhard-Nuss, indem er den Autor mit seinem Hasslieblingsthema umzingelt - dem Tod.

          Der letzte Text, vier Wochen vor seinem Ableben am 12. Februar 1989 erschienen, ist ein Leserbrief an die Lokalzeitung. Darin plädiert Bernhard für den Erhalt der historischen Straßenbahn in Gmunden und für deren Weiterführung bis zum Rathausplatz. Einwohner wie Besucher hätten davon „die Wiedergewinnung eines schon so viele Jahre vermissten Vorteils der Augenweide“. Man hört ihn beim Formulieren lachen, daheim, wohin er nie wollte.

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