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Theodor Storm, Constanze Storm: Briefwechsel : Hast du etwa die neuen Strumpfbänder getragen?

Bild: Verlag

Hausaufgaben für die Braut: Knapp zwanzig Jahre waren Theodor und Constanze Storm verheiratet. Ihren Briefwechsel erschließt nun eine vorzügliche Edition, die nebenbei ein bürgerliches Panorama des neunzehnten Jahrhunderts entwirft.

          Ich wollte, ich hätte zwei Tage Leben weniger“, schreibt ein ungeduldiger Theodor Storm am 5. Dezember 1864 an seine Frau Constanze, weil er das Wiedersehen mit ihr kaum abwarten könne.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist der letzte Brief, der aus der knapp zwanzigjährigen Ehe überliefert ist. Die beiden haben turbulente Zeiten hinter sich: den Vormärz mit der friesischen Revolte gegen die dänische Regierung, deren Scheitern den jungen Anwalt Storm 1853 ins Exil getrieben hat; der schwierige berufliche Neuanfang als Assessor in Potsdam und Kreisrichter in Heiligenstadt; schließlich die Rückkehr als Landvogt ins heimische Husum nach der dänischen Niederlage von 1864. Zu den ständigen Existenzsorgen kamen Wohnungssuchen und einige Umzüge, Krankheiten und dienstlicher Verdruss - und die Anforderungen, die Storms literarische Tätigkeit mit sich brachte, die gleichzeitig ökonomisch immer wichtiger wurde. Dass die Familie unterdessen stetig wuchs, seit 1848 der älteste Sohn Hans zur Welt gekommen war, machte die Sache für Constanze, die etwa in der Organisation der Umzüge die Hauptlast trug, nicht einfacher. Storm schreibt dann auch von den Kindern Karl und Ernst, Lucie (die vor dem Einschlafen sehr nach Constanze geschrien habe) und Elsabe (“sie rief neulich ganz laut ,komm Mutter, komm Mutter' aus ihrer Wiege“). Ein halbes Jahr darauf wird die vierzigjährige Constanze nach der Geburt ihrer Tochter Gertrud am Kindbettfieber sterben.

          Sie solle doch den „Wilhelm Meister“ lesen

          Angefangen hat es, der Familienüberlieferung zufolge, im Februar 1844, als sich Constanze, die damals wochenlang bei den Husumer Verwandten zu Gast war, bei einer Feier plötzlich auf den Schoß ihres Cousins Theodor setzte. Auf eine reichlich zweijährige Verlobungszeit folgte im September 1846 die Hochzeit in Segeberg, wo Constanzes Vater Bürgermeister war, und wer den Briefwechsel dieser Jahre liest, den Regina Fasold 2001 herausgegeben hat, wird darin einen offensichtlich verliebten, aber äußerst schulmeisterlichen Bräutigam antreffen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Braut in jeder Hinsicht nach seinen Vorstellungen zu formen: Sie solle doch den „Wilhelm Meister“ lesen und ihm dann berichten, wie sie über die Bekenntnisse der „Schönen Seele“ denke; ihre Briefe dürften ruhig ein bisschen länger sein, die Tinte kräftiger, und warum müsse er eigentlich seine Wünsche immer erst explizit machen, bevor Constanze sie ihm erfülle? Dass das Leben mit Storm nicht zu den leichtesten Schicksalen gehört, wird darin sehr deutlich - und auch, wie geduldig sich Constanze in manches schickte, anderes hingegen mit deutlichen Worten und gern auch mit leichtem Spott von sich fernhielt.

          Nun ist der Ehebriefwechsel erschienen, ebenfalls von Regina Fasold herausgegeben, der freilich trotz des zehnfachen Zeitraums nur etwa halb so viele Schreiben umfasst wie aus der Verlobungszeit überliefert. Storms Eifer, die Gattin zu formen, hat nachgelassen. Vielleicht aus Einsicht - auch wenn es manchmal Briefkaskaden aus seiner Feder gibt, die man kaum anders als pathologisch deuten mag, etwa wenn er in genüsslicher Selbst- und Constanzequälerei eine Situation seziert, in der seine Frau seine Bitte ihre Bekleidung betreffend missachtete und sich mit ihren neuen Strumpfbändern auf eine Reise machte. Constanzes Geduld jedenfalls, soweit sie aus den Briefen hervorgeht, ist eines Engels würdig.

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