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Terézia Moras „Seltsame Materie“ : Aus dem Alb getanzt

Terézia Mora: „Seltsame Materie“. Erzählungen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999. 254 S., geb., 32,- DM.
          4 Min.

          Es gibt Bücher, die nach einem Motto verlangen. Ein Satz genügt, um das besondere Aroma ihrer Seiten aufzurufen, ihren Duft, ihre Atmosphäre. Über dem ersten Buch Terézia Moras könnten Sätze stehen wie "Makellos ist nur das Unglück" oder "Vollkommenheit gibt es nur im Scheitern". Die elf Erzählungen, mit denen die 1971 in Ungarn geborene Autorin jetzt debütiert, atmen allesamt die stickige Luft von Unglück und Freudlosigkeit, von Verhältnissen, deren Eintönigkeit so groß ist, dass sie abstumpft bis zur Leblosigkeit, von einer Welt, deren Perspektiven sich in Armut, Gewalt und Alkohol erschöpfen. Mag der Mikrokosmos der ungarischen Dörfer nahe der Grenze zu Österreich, wo Terézia Moras Geschichten spielen, auch aus jener "seltsamen Materie" bestehen, die der Titel benennt, ohne dass die Erzählungen sie näher definierten - was diese Welt zusammenhält, ist allemal Pech und Elend.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist das Elend des Ostblocks, der Welt hinter dem Eisernen Vorhang, der nie so eisern war, dass sich nicht an der einen oder anderen Stelle der Saum ein wenig hätte lüften lassen. Moras Erzählungen handeln vom Leben im Grenzbereich, im doppelten Sinn des Wortes: nahe der Grenze zum Westen, zu Österreich, und nahe dem Wahnsinn, dem Zusammenbruch, der endgültigen Aufgabe. Das Personal dieser elf Erzählungen besteht vor allem aus Dauergästen in dieser doppelten Transitzone: "Wir haben uns damit abgefunden, dass alles hier herunterkommt, durch uns hindurch, als gäbe es uns gar nicht", heißt es in "Der See", einer der schönsten Erzählungen des Bandes. Sie berichtet von einer merkwürdigen Familie: der Vater ein Bäcker, der nicht mehr bäckt, der Großvater ein Fischer, der nicht mehr spricht, aber den Lebensunterhalt der ganzen Familie bestreitet, indem er Fremde durch den moorigen, verschilften See ans andere Ufer bringt, in den Westen, in die Freiheit. Die Fremden zahlen mit dem, was ihnen noch geblieben ist an Geld oder Schmuck. Die Familie, acht Jungen und ein Mädchen, die Ich-Erzählerin, lebt vom Erlös der goldenen Ringe. Was sie nicht zum Leben brauchen, tragen sie an den Händen, Schmuck, in den fremde Namen eingraviert sind, Vessela oder Maria.

          In einer anderen Erzählung, die vom nächtlichen Kontrollgang zweier Grenzschützer berichtet, heißt es: "Wahrscheinlich ist diese Gegend von Gott gemacht als eine Art Prüfung, man muss hier noch einmal durch das Schlimmste, bevor man endlich drüben ist." Terézia Mora ist seit neun Jahren drüben, in Berlin. Aufgewachsen bei der Großmutter, in einem Fünfhundertseelen-Dorf siebzig Kilometer von der ungarisch-österreichischen Grenze entfernt, zweisprachig groß geworden und schon damit zur Außenseiterin abgestempelt, ging sie nach einem einjährigen Studienaufenthalt in Budapest im Jahr 1990 nach Berlin, wo sie Theaterwissenschaften und Filmgeschichte studiert hat. Nach dem Examen lernte sie, Drehbücher fürs Fernsehen zu schreiben. Aber schon bevor ihr Debütband erschienen ist, war Terézia Mora eine preisgekrönte Autorin. Nach zwei kleinen Auszeichnungen erhielt sie in diesem Sommer für "Der Fall Ophelia" den Ingeborg-Bachmann-Preis (F.A.Z. vom 28. Juni). In jener PR-Agentur, die sich unter dem Tarnnamen "Junge deutsche Literatur" zur Zeit nicht ohne einen gewissen Erfolg bemüht, Kunst durch Marketing zu ersetzen, hätte sie damit sofort eine Führungsposition beanspruchen dürfen. Aber im Gegensatz zu manchen ihrer Kollegen kann diese Autorin nicht nur lesen, reisen oder Radfahren, sondern auch schreiben.

          "Großvater trinkt. Alle Erwachsenen trinken. Jeder nach seiner Begabung. Großvater mit der Ehrfurcht, die man einem seit fünfzig Jahren treuen Weggefährten und Mentor schuldet. Großmutter heimlich, aus kleinen, dickwandigen Gläsern, mit an den Körpern gepressten Ellenbogen katholischer Mädchenschulen. Mutter mit der märtyrerhaften Hysterie und Unersättlichkeit verkannter Diven. Vater mit der Hast und Aggression der sich ewig im Kreis Bewegenden. Onkel Fred mit dem Schmatzen der Schamlosen, wie er auch isst, mit viel Luft zwischen jedem Bissen und jedem Schluck."

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