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: Talent zum Unglück

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Bei "Kippe aus, Stift raus", dem Schreibwettbewerb der Barmer Krankenkasse, hätten die jungen deutschen Autorinnen keine Chance. Zum Schrecken aller Krankenkassen und Drogenbeauftragten wird nirgends mehr so hemmungslos gequalmt wie in der Prosa von Judith Hermann, Ricarda Junge oder Susanne Heinrich. Zigaretten ...

          Bei "Kippe aus, Stift raus", dem Schreibwettbewerb der Barmer Krankenkasse, hätten die jungen deutschen Autorinnen keine Chance. Zum Schrecken aller Krankenkassen und Drogenbeauftragten wird nirgends mehr so hemmungslos gequalmt wie in der Prosa von Judith Hermann, Ricarda Junge oder Susanne Heinrich. Zigaretten sind für sie der Sargnagel am Grab der Männerherrschaft, Rauchzeichen hart erkämpfter Gleichberechtigung und ästhetischer Coolness, körperlicher Widerstand gegen Erziehungsterror und Gesundheitswahn fürsorglicher Eltern, und sie lassen sich von niemandem mehr Feuer geben.

          Paula Köhlmeier kannte natürlich das traurige Schicksal ihrer Landsfrau Ingeborg Bachmann, die beim Rauchen im Bett verbrannte. Aber das schreckte sie so wenig wie die Warnung auf der Zigarettenpackung. In ihren Erzählungen wird geraucht und gekifft, was Seele und Lunge einer Einundzwanzigjährigen hergeben: Rauchen ist Verzweiflung und Revolte, Melancholie und Weltekel, Lebenshunger und aufgeschobener Selbstmord. Andere mögen sich den Bauchnabel piercen lassen: Sie wollte sich kettenrauchend und schreibend selbst verzehren. Die Tochter der Schriftsteller Michael Köhlmeier und Monika Helfer war eine Zigarette, die von beiden Enden her brannte, und ihr Talent zum Glück war nicht größer als das der Bachmann: Nach einem kurzen, intensiven Leben verunglückte sie im Sommer 2003 auf einer Bergwanderung in ihrer Vorarlberger Heimat tödlich. Jetzt haben ihre Eltern ihren Nachlaß herausgegeben: 47 Kurzgeschichten, Drehbuchexposés und Skizzen, Fragmente eines Romans, den Paula "Mein Talent zum Glück" nennen wollte. Ihre Eltern zogen den Titel "Maramba" vor, nach Paulas Zauberwort für ihr "Ich weiß nicht"-Gefühl aus Glück und Traurigkeit.

          "Die Geschlossenheit eines Romans entsprach nicht ihrem Lebensgefühl", schreiben sie im Nachwort. "Sie erlebte viel und erlebte schnell"; aber die zweckfreie Schönheit alltäglicher Epiphanien, die sie beschwören wollte, sperrte sich gegen die große Form wie gegen die großen Worte. Die Erzählungen, oft nur ein, zwei Seiten lang, handeln von Einsamkeit und Eifersucht, Sehnsucht, Liebeskummer und Verrat, auch von Mord und Selbstmord. Ihre eigentliche Qualität aber liegt in einer klaren, zarten und dabei kraftvollen Sprache, in der jedes ungefähre Gefühl, jedes überflüssige Wort radikal ausgebrannt ist. Paula Köhlmeier war erst 21, als sie starb, und sie hatte noch viel vor. Schon als Kind hatte sie auf der Bühne gestanden; mit 19 reiste sie acht Monate durch Mexiko, ehe sie, erst als Kartenabreißerin, dann als Studentin an der Wiener Filmakademie, ihre Liebe zum Kino entdeckt. Wie Woody Allen wäre sie gern Drehbuchautorin, Regisseurin und Schauspielerin zugleich gewesen; wie Jim Jarmusch wollte sie bei "Coffee and Cigarettes" fremde Geschichten belauschen und eigene erfinden.

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