T. Coraghessan Boyle: San Miguel : Captain Ahab geht für einen Tag nochmal auf die Jagd
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Bild: Hanser
Unreif für die Insel: T. Coraghessan Boyle lässt in seinem subtilen neuen Roman „San Miguel“ zwei starke Frauen an den Träumen ihrer Männer scheitern. Ein Desillusionierungsroman.
Als das Schlachten vorbei war“ hieß T. Coraghessan Boyles letzter Roman. Als das Schreiben vorbei war, hatte er noch unglaublich viel Material übrig. Thema des Buches war der Kampf von Umweltschützern gegen Tierschutzaktivisten auf den südkalifornischen Santa-Barbara-Inseln, einer Kette von acht einsamen Felseilanden, die von den Spaniern abgeholzt und von den Amerikanern durch Schafzucht überweidet wurden, ehe fünf von ihnen 1980 zum Nationalpark erklärt wurden. Fortan war das Betreten verboten, und die Parkverwaltung bemühte sich, die von der etwa fünfzig Kilometer entfernten Küste her eingeschleppten Säugetiere auszurotten. Boyle schilderte mit grausamer Konsequenz und diabolischem Vergnügen das Dilemma, in das sich Naturschützer begeben, wenn sie massenweise Tiere töten.
Für „Als das Schlachten vorbei war“ hatte sich der mittlerweile vierundsechzigjährige amerikanische Schriftsteller, der kürzlich nach Jahrzehnten seine Englisch-Professur an der University of Southern California aufgegeben hat, ausführlich mit der Inselgruppengeschichte befasst, aber die Romanhandlung war dann nur auf zweien angesiedelt, auf Santa Cruz und Anacapa. Besonders die äußerste der Inseln, San Miguel, aber hatte interessante Erinnerungsliteratur hervorgebracht: die fünfundvierzig Seiten umfassenden Tagebuchaufzeichnungen von Marantha Waters, die 1888 für sechs Monate als Frau des neuen Miteigentümers von San Miguel auf der Insel lebte, und die weitaus umfangreicheren Memoiren von Elise Lester und ihrer Tochter Betsy, deren Gatte und Vater von 1930 bis 1942 mit seiner Familie dort wirtschaftete. „Diese Geschichten haben mich derart fasziniert, dass ich versuche wollte, sie zu dramatisieren“, sagt Boyle.
Weniger handlungsorientiert und bissig, dafür psychologisch viel dichter
So erscheint nun ein weiterer Roman aus seiner Feder über die Santa-Barbara-Inseln: „San Miguel“. Man musste Sorge haben um Boyle: Was würde er noch über diese Orte erzählen können? Würde „San Miguel“ nur ein prequel sein, Vorgeschichte zu „Als das Schlachten vorbei war“, das in der Gegenwart angesiedelt ist? Freunde des Boyleschen Schreibens seien beruhigt: Es ist ein ganz anderes Buch geworden, weniger handlungsorientiert und bissig, dafür psychologisch viel dichter.
In fast exakt dem gleichen Umfang wie beim vorigen Roman erzählt Boyle vom Schicksal der Familien Waters und Lester, also über den Zeitraum eines halben Jahrhunderts hinweg - jeweils aus der Perspektive der Ehefrauen, von denen ja auch die wichtigsten Vorlagen für das Geschehen stammen. Und obwohl das neue Buch den Namen der Ortes trägt, an dem es spielt, ist die Rolle der weltabgewandten Insel selbst viel kleiner, als das in „Als das Schlachten vorbei war“ der Fall war.
„Ein Paradies auf Erden“
Das hat seinen Grund just in der Erzählhaltung von Boyle, in seiner Fixierung auf den weiblichen Standpunkt (einem wiederkehrenden Charakteristikum seines Schreibens seit „América“ von 1995). Dadurch bindet er die Handlung an die beiden Blockhäuser, die man auf San Miguel aus eigens herangeschifften Eisenbahnschwellen und Treibholz errichtet hat. Marantha wie Elise bemühen sich, der unwirtlichen Umgebung ein Familienleben abzuringen, und dazu benötigen sie einen Mittelpunkt. Jeweils die Auftaktkapitel im ersten und dritten Teil des Romans heißen „Ankunft“ und „Das Haus“. Erst das Staunen über die neue Welt, die so nah zur Küste und doch so fern von der Zivilisation liegt, dann der Versuch, sich heimisch zu fühlen. 1888 scheitert das, 1930 gelingt es.
Wobei ein Gelingen bei T. Coraghessan Boyle stets nur vorläufig ist, die Erwartung eines selbstgeschaffenen Paradieses, das es auf Erden aber nicht geben kann. So ist es in „Willkommen in Welville“, in „Drop City“, in „Dr. Sex“, in „Die Frauen“ und auch in „Als das Schlachten vorbei war“. Als die Waters auf San Miguel angekommen sind, wird es einmal mehr explizit gemacht. Sie erhalten Besuch von ihrem Vorgänger Hugh Mills, der den neuen Geschäftspartner nur aufnahm, weil er selbst es auf der Insel nicht mehr ausgehalten hatte.