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T.C. Boyle: Die Frauen : Die Gestaltung der Lust

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Bild: Hanser Verlag

Das Horizontale wird überbetont: T. C. Boyle widmet sich in seinem neuen Roman dem exzentrischen Stararchitekten Frank Lloyd Wright, dessen Sexualleben zu Lebzeiten die Öffentlichkeit fast mehr beschäftigte als seine Bauwerke.

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          Nervöse Formulierungslust und unkontrollierte Redseligkeit halten sich im neuen Roman des amerikanischen Bestsellerautors T. C. Boyle die Waage. Dieser Zwiespalt grundiert das Leseerlebnis von der ersten Seite an. Einerseits wird man sofort ins Labyrinth des exaltierten Lebens seiner Hauptfigur geschleudert und mitgerissen. Andererseits folgt man den Irrwegen und Höhenflügen des porträtierten Stararchitekten mit leisem Vorbehalt.

          Schon zum dritten Mal rückt T. C. Boyle einen genialen Exzentriker ins Zentrum eines Romans und erschafft ihn in seinem literarischen Laboratorium neu. Nach dem Gesundheitsguru John Harvey Kellogg („Willkommen in Wellville“, 1993) und dem Sexualforscher Alfred Kinsey („Dr. Sex“, im Original „The Inner Circle“, 2005) erkürt er jetzt den amerikanischen Stararchitekten Frank Lloyd Wright zum Helden seines 560 Seiten starken Romans „Die Frauen“. Der erfinderische Egomane, überspannte Frauenheld, kuriose Muttersohn und monumentale Baukünstler wird zum fiktionalisierten Protagonisten eines Romanungetüms, das die Zerrissenheit der Architektenikone von allen Seiten auszuleuchten versucht. T. C. Boyle erzählt dessen Leben zwischen 1909 und 1930, gespiegelt in den Glücksräuschen und Albträumen dreier Gattinnen und einer Geliebten, mitgeteilt aus der Perspektive des Japaners Sato Tadashi, der neun Jahre lang als Schüler auf dem Anwesen Taliesin arbeitete.

          Entdeckung eines Seelenverwandten

          Tatsächlich hat die Wahl dieses Stoffes einen praktischen Grund. T. C. Boyle selbst bewohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern eine hundert Jahre alte Villa des legendären Architekten in Santa Barbara. Wright ist nicht nur der Erbauer unter anderem des New Yorker Guggenheim Museums und des bekannten Verwaltungsgebäudes für die Johnson Wax Company. Er gilt vor allem auch als origineller Erschaffer unzähliger Wohnhäuser, in denen sich seine Vision des amerikanischen Geistes von Demokratie, Pioniergeist und Zusammenhalt spiegeln sollten. Seine Idee einer „organischen Architektur“, die sich der umgebenden Landschaft einpasst, führte etwa zur Konstruktion des spektakulären Fallingwater-Baus nahe Pittsburgh, der um einen Wasserfall herum errichtet wurde.

          T. C. Boyle selbst erklärt in Interviews gern kokett, dass er als Pantoffelheld seine Frau gern verwöhnt und der Kauf des Hauses ihr Wunsch gewesen sei. Der Kontrollfreak Wright entwickelte die karge Villa 1909 für sich, seine Frauen und seine Kinder so, dass er vom Arbeitszimmer aus alle Räume im Erdgeschoss im Blick haben und seine Kinder ihn während der Arbeit beobachten konnten. Aus dieser Grundidee lässt sich der Schriftsteller zu einer multiperspektivischen Romankonstruktion inspirieren, die sich halb fiktional-phantastisch, halb faktisch fundiert um die bestens dokumentierte Biographie des Architekten schlingt. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich.

          Satirische Episoden

          Die Wiederauferstehung der komplexen Lebensarchitektur im Text ist mit zahlreichen Abschweifungen und Sackgassen verbunden. Hauptziel des Schriftstellers war es doch wohl, einerseits den zerrissenen Charakter dieses ebenso ungewöhnlichen wie kalten, egoistischen wie bis zur Getriebenheit schöpferischen Ausnahmetalentes zu zeigen. Mit den Mitteln der Literatur will Boyle den widersprüchlichen Kern dieses Workaholics, Visionärs, Autonarrs, Frauenhelden und Dienstbotenquälers fassbar machen. Andererseits sollte der fatale Einfluss, den der Erotomane auf seine Frauen hatte, nachvollziehbar werden, die er je nach Bedarf kaltblütig austauschte.

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