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Autorin Sylvie Kandé : Steife Paddel im feuchten Begehren des Meeres

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Raden Saleh Ben Jaggia: „Schiffe auf stürmischer See".(Symbolbild) Bild: Van Ham

Grandiose alternative Gedichtschreibung: Die bretonisch-senegalesische Autoren Sylvie Kandé vermählt in einem literarischen Versepos Afrika und Amerika, noch bevor die beiden Kontinente so genannt wurden.

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          Die bretonisch-senegalesische Autorin Sylvie Kandé ist mit 63 Jahren kein Jungspund mehr, aber eine Entdeckung, die frischen Wind bringt: „Tosend nahen die Zeichen und sie türmen sich rasend schnell / eines überm anderen auf zu Kolossen / – ein Gemisch aus Luft und Gischt und Grölen / das die drei Strohhalme in Seenot / inmitten der Strudel und Wirbel überragt“. Das ist die Meeresszenerie, in der sich eine Expedition von Pirogen befindet, besetzt mit „Bauern die sich erst spät zu Seefahrern machten“ und die heimischen Äcker gegen „die malvenfarbenen Schollen der riesigen Salzsavanne“ austauschten. Angeführt von Bata Manden Bori alias Abubakari II. sticht die Expedition in See, um Amerika zu entdecken, ungefähr im Jahre 1311.

          Epische Muskeln als Träger

          Nach Anne Weber also ein weiteres Mal: ein Versepos. Kandé hat eine Heldenerzählung in freien (auch satzzeichenfreien) Versen verfasst und schlägt darin einen alternativen Geschichtsverlauf vor. Einerseits interessiert sie die kollektive und andererseits die poetisch-symbolische Dimension sowie allgemein das, was das historische Erzählen an Möglichkeiten bietet. Die epischen Muskeln – die durchaus viril prangen: „sie müssen sich fest an ihre steifen Paddel klammern / um im feuchten Begehren des Meeres zu pflügen“ – sind das Trägermaterial, auf dem sie ihre Hypothese entwickelt.

          Im ersten Gesang schildert Kandé Überfahrt und Krise, ja Meuterei; im zweiten holt sie die Vorgeschichte einer missglückten ersten Expedition ein und probiert mehrere Schlüsse aus. Im dritten Gesang schließlich wechseln Zeit, Ort und Fokus: Berichtet wird von einer Überfahrt, aus Afrika nach Europa – Misere und Heroismus heute setzen den Kontrapunkt zur erfundenen Vergangenheit. Der erzählerische Kern stammt vom syrischen Gelehrten al-Umari (1301 bis 1349), der von der Mekka-Fahrt des sagenhaft reichen malischen Königs Kankan Musa berichtet hat: Dessen Vorgänger habe sich auf den langen Weg nach Westen gemacht.

          Im Zentrum steht der König von Mali

          Kandé, die an der State University of New York Afrikanische Geschichte lehrt, verleiht dieser Idee eine ebenso konkrete wie poetische Gestalt: „Diese Riemen sagte ich ein Wunderwerk: / Gefertigt aus Iroko-Holz / ein Beschlag aus Elfenbein am Griff / Um ihren Schaft winden sich ein Draht aus Kupfer und einer aus Eisen / wie meine Sage in der Glanz und Elend sich mischen / um eure Leben sich schlingt / und sie ausgeschweift zu Schicksalen taucht / in die Strudel der Poesie / und der Zeit“. Die intime lyrische Sprache geht einher mit gattungstypischen Merkmalen. Der König Malis im Zentrum des Epos ist ein Held: „Ich sehe ihn eifrig und in vollem Safte stehen / sein Narbengesicht und sein makelloses Lächeln / den Dolch im Schaft seiner Ungeduld nachzustellen / mit dem Blick des Geiers seines Wiedergängers / wehrt er ab alle Pfeile die nach ihm trachten / entdeckt das Gold das ihm zu melden man vergisst / vögelt eine Kurtisane oder durchbohrt einen Feind / Den Koran ich bezeug’s hat er nie gelesen“.

          Eine zentrale Aufgabe epischer Dichtung ist, über geteilte Erinnerungen kollektive Identität zu stiften. Das dreht Kandé auf interessante Weise, indem sie eine nur denkbare Vergangenheit entwirft, die den Leser auffordert, sich das „Was wäre, wenn?“ auszumalen – und damit auch eine andere Identität. Dieses Training des „Möglichkeitssinns“ (Robert Musil) geht so weit, dass sich die Dichterin mehrere Schlüsse überlegt: Die Expedition scheitert an natürlichen oder menschlichen Hindernissen, oder sie endet nach einer Konfrontation mit Indianern versöhnlich. Die Zwillingsschwester des Königs ehelicht den Indianerhäuptling: „So vermählten sich Afrika und Amerika / noch bevor sie einander beim Namen kannten“.

          Aus einem Punkt das Beste machen

          Der kontrafaktische Schluss dreht dem Eurozentrismus eine lange Nase, wie zuletzt Laurent Binet, der in „Eroberung“ die Inkas Europa einnehmen lässt. Das Spiel mit alternativen Wirklichkeiten ist das literarisch-legitime Gegenstück zu den alternativen Fakten, die uns skrupel- und phantasielose Populisten unterschieben wollen.Ganz und gar realistisch hingegen berichtet Kandé im dritten Gesang von einer Überfahrt in einer zunehmend leckenden Piroge, deren Motor am zehnten Tag absäuft. Hier wird tatsächlich an einer Erinnerung für Zukünftige gearbeitet, aus Sicht der Migranten.

          Am Ende schildert das Epos einen heutigen Helden, dem die Bootsinsassen, die von der Küstenwache aufgegriffen wurden, beim wagemutigen Fluchtversuch zusehen: „Seht: Da ist er zwischen Himmel und Meer / zwischen dem Salz und dem Tropfen / Verschwindet und taucht winkend wieder auf / Wer Augen hat zu sehen / Aber ja doch kein Zweifel: da dieser Punkt dort / möge er’s Beste draus machen“.

          „Die unendliche Suche nach dem anderen Ufer“ ist kein Text, der sich immer gleich erschließt, das gilt vor allem für Teil eins. Er strotzt jedoch vor Kraft und Zartheit, die Zeit für die Lektüre sollte man sich also unbedingt nehmen, zumal der Umfang beschränkt ist. Und auf weitere Kandé-Übersetzungen hoffen: Der mit dem Louise-Labé-Preis ausgezeichnete Gedichtband „Gestuaire“, auf Französisch 2016 erschienen, ist ebenfalls vortrefflich.

          Sylvie Kandé: „Die unendliche Suche nach dem anderen Ufer“. Epos in drei Gesängen. Aus dem Französischen von Leo Pinke und Tim Trzaskalik. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021. 96 S., geb., 22,– .

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