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Sylvia Plath: „Die Glasglocke“ und andere ihrer Werk : Der Stolz der Katze auf ihre neun Tode

  • -Aktualisiert am

Bild: Shurkamp

Im bipolaren Kosmos der Sylvia Plath: Wer einmal auf der Achterbahn aus Selbsthass und Verzweiflung mitfahren möchte, der lese diese Texte.

          5 Min.

          Die kleine, autobiographische Erzählung „Schneeangriff“ von Sylvia Plath über den legendär kalten englischen Winter des Jahres 1962/63 handelt von einer jungen Ich-Erzählerin, wie die Autorin alleinerziehende Amerikanerin mit zwei kleinen Kindern, die zum ersten Mal einen Schneewinter in London erlebt. Zuerst beobachtet sie belustigt, wie die Engländer so gar nicht auf die weiße Weihnacht vorbereitet sind: Die Geschäftsleute haben vom Schneeräumen vor ihren Eingangstüren anscheinend noch nie etwas gehört; die Hausverwalter müssen passen, wenn die Rohre gefrieren, ist an einer Stelle ein Schaden behoben, kracht oder gurgelt es sofort an der nächsten.

          Die Geschichte strotzt vor ulkigen Beschreibungen; auch wenn die Situation für die junge Mutter, die auf Wärme und Wasser dringend angewiesen ist, zunehmend an Bedrohlichkeit gewinnt: „Dann kamen die Stromausfälle. An einem rußfarbenen, frostigen Morgen knipste ich die beiden Schalter der elektrischen Heizung an, die die Baufirma in die Mitte meiner sonst schönen georgianischen Wand gedübelt hatte, was ungefähr so aussah wie ein Marsmensch mit Operationsmaske.“ Am Ende hat die Erzählerin das Schlimmste überstanden, fürchtet sich aber, dass solche Winter nun die Regel in London werden könnten, und flüchtet sich in eine absurde Hoffnungssituation, die wenigstens der nächsten Generation bessere Chancen im Kampf um die bedrohte Zivilisation einräumt: „Meine Kinder werden zu beherzten, unabhängigen und zähen Menschen heranwachsen“ und der alternden Mutter „Kerzen herbeischaffen, während ich einen wasserlosen Tee braue“.

          Das Stück wäre hübsch zu lesen gewesen in einem Feuilleton oder einer Zeitschrift; besonders hervorgestochen wäre es wohl weder literarisch noch inhaltlich. Seine Berühmtheit verdankt sich der Tatsache, dass nur Wochen nach der Niederschrift, am 11. Februar 1963, die erst dreißigjährige Verfasserin ihre beiden Kinder, Frieda und Nicholas, bei geöffnetem Fenster in ihre Bettchen im Kinderzimmer legte, um in der luftdicht abgeklebten Küche den Kopf in den Gasherd zu stecken.

          Lady Lazarus

          Auf ihrem Schreibtisch lag ihr nachgelassenes „Ariel“-Manuskript, rund vierzig neue Gedichte, die Plath’ Ehemann nach ihrem Tod veröffentlichte, wobei er einige Texte wegließ und einige andere, die er genauso stark fand, aus ihrem Nachlass hinzufügte, etwa dieses: „Rand/Die Frau ist vollendet./Ihr toter/Körper trägt das Lächeln des Erreichten./Der Anschein einer griechischen Notwendigkeit/Fließt in den Schnörkeln ihrer Toga,/Ihre bloßen/Füße scheinen zu sagen: Wir kamen bis /Hierher, es ist vorbei.“

          Die Spanne, die den Unterschied zwischen den beiden Texten ausmacht, der launigen Erzählung und dem kalten, schroffen, nahezu perfekt schönen Ton des Gedichts, ist typisch für den bipolaren Kosmos der Sylvia Plath: dort Prosa, hier Lyrik, dort das Leben, hier der Tod; dort der unbedingte Wille zu unterhalten, hier der eingelöste Anspruch, wahrhaftig zu sein. „Wenn das Gedicht konzentriert ist, eine geschlossene Faust, dann ist der Roman eine offene Hand, ausgreifend und entspannt: hat Straßen, Umwege, Bestimmungen; eine Herzlinie, eine Kopflinie, Geld und Sitten geraten hinein. Wo die Faust ausschließt und erschlägt, kann die offene Hand in ihren Reisen vieles berühren und erfassen“, schrieb Sylvia Plath in „Ein Vergleich“.

          Ein anderes, großartiges Gedicht aus „Ariel“, nämlich „Lady Lazarus“, lässt sich ähnlich spiegelbildlich zu „Die Glasglocke“, dem einzigen Roman der Autorin, lesen. Wiederum hat Plath in beiden Fällen die Ich-Perspektive gewählt. Doch während mit „Lady Lazarus“ eine unpersönliche Mythenfigur spricht, eine Heldin, die sich rühmt, neun Leben zu haben wie eine Katze und auf diese Weise jährliche Blicke ins Jenseits zu werfen(„Sterben/ist eine Kunst, wie alles andere auch/Ich kann es besonders schön.“), gelingt dies der realistisch gezeichneten Romanheldin nicht. Esther Greenwoods Selbstmordversuche, Resultat einer fortschreitenden Distanzierung zur Welt, scheitern; sie bleibt im Diesseits gefangen.

          Ohnmacht und Leere

          Beide „Ich“-Konstrukte werden in Verbindung gebracht mit dem Judentum beziehungsweise dem Dritten Reich: Der Name „Esther Greenwood“ ist ein Hinweis auf jüdische Wurzeln, „Lady Lazarus“ schlägt sich selbst der Täter-Seite zu, indem sie von sich sagt, ihre Haut strahle „wie ein Nazi-Lampenschirm“. Sylvia Plath macht hier Anspielungen, die heute durchaus auch kritisch gesehen werden. Doch die Frage „Darf man das?“ hat sich die Amerikanerin, die ihren deutschen Vater mit neun Jahren verlor und wohl dadurch auf das Verlassenwerden durch ihren Mann, den berühmten Dichter Ted Hughes, derart traumatisch reagierte, anscheinend nie gestellt. Oder die Bostoner Schreibseminare beim bewunderten Bekenntnispoeten Robert Lowell, neben ihr die strahlende Konkurrentin Anne Sexton, haben ihr die Skrupel ausgetrieben.

          Nur dreißig Jahre wurde sie alt, aber durch diese Jahre - und hier ist noch zuletzt der „Schneeangriff“ ein erschreckendes Beispiel - hat sie sich gnadenlos gepeitscht. 1932 in Boston geboren, kam sie mit einem Stipendium an das Smith College in Massachusetts, wo sie an ihrem gesellschaftlichen und literarischen Erfolg gleichzeitig arbeitete. Im August 1953 reiste sie nach allzu arbeitsreicher Zeit in den Ferien nach Hause und erfuhr, dass sie zu einem Schreibseminar von Frank O’Connor nicht angenommen worden war. Sie reagierte mit einem ersten Selbstmordversuch; den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik beutete sie für „Die Glasglocke“ aus. Eine Hochphase hatte sie, als sie am „Bloomsday“ 1958 den von ihr bewunderten englischen Dichter Ted Hughes heiratete, literarisch war sie aber noch nicht so weit wie er; sie sah nur zu, wie er es war, der Material umformte und Erfolge feierte. Sie litt unter Selbstzweifeln, erhielt Ablehnungsschreiben und verwarf im Geist, was sie bisher geschrieben hatte. Sie versuchte ständig, sich selbst zu motivieren, etwa, indem sie sich von ihrem jungen Ehemann Schreibaufgaben geben ließ - doch immer wieder wurde das Gefühl der Ohnmacht und inneren Leere übermächtig. Wer noch einmal auf der Achterbahn aus Selbsthass und Verzweiflung mitfahren möchte, lese ihre Tagebücher.

          Was will ich eigentlich in New York?

          Ihr Ehrgeiz und die ständige Suche nach Bestätigung ließ sie permanent Texte an Zeitungen senden in der Hoffnung auf positive Resonanz. Diese Routine wirkte sich auf den schriftstellerischen Prozess aus: Da Redakteure sich bekanntlich wenig Zeit und Geduld leisten können, müssen sie von Beginn an gepackt werden. Plath’ Geschichten kennzeichnen mit wenigen Ausnahmen lässige, großspurige Anfangssätze. Solche Sätze rufen: Hi, ich beherrsche das Handwerk, Leser, vertrau dich mir an! -, aber sie schrauben auch die Erwartungen hoch. Hier eine kleine Liste Plathscher Anfänge aus ihren besten Geschichten, die bei der Frankfurter Verlagsanstalt in einer neuen Ausgabe erschienen sind, sowie aus der „Glasglocke“, die Suhrkamp anlässlich ihres fünfzigsten Todestags am 11. Februar herausgebracht hat:

          „Es gibt einen Tag im Leben, den du nie vergisst, sosehr du es auch versuchst.“ („Ein Tag im Juni“). „In dem Winter, in dem der Krieg anfing, fiel ich in der Nachbarschaft in Ungnade, weil ich Leroy Kelly ins Bein gebissen hatte („Der Schatten“). „Bamber hatte am Market Hill ihr Fahrrad gerammt; Orangen, Feigen und ein Paket mit rosa glasierten Törtchen flogen auf die Straße, und als er sie zur Entschädigung zu der Party einlud, beschloss Dody Ventura, hinzugehen“ („Steinknabe mit Delphin“). „Jeden Tag sitze ich von neun bis fünf an meinem Schreibtisch mit dem Gesicht zur Tür und schreibe die Träume anderer Leute auf“ („Johnny Panic und die Bibel der Träume“). „Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wusste, was ich in New York eigentlich wollte“ („Die Glasglocke“).

          Blicke in den Zerrspiegel

          Sylvia Plath’ implizierte Anforderung an die Welt war, dass sie, die doch dermaßen unbarmherzig mit sich selbst war, zumindest von der Umwelt erwarten durfte, dass die sie gut behandelte. Bei dieser Denkfigur ist die doppelte Enttäuschung programmiert. In schlechten Phasen wurde sie von Depressionen durch alle Höllen geführt. Doch selbst in besseren Zeiten war das Thema Selbstmord noch präsent, nur lief es mehr oder weniger gebändigt neben ihr her, wie ein Hündchen an der Leine. Dann diskutierte sie - wieder eine dieser zur Literatur-Legende gewordenen Szenen - gutgelaunt mit Anne Sexton darüber, während sie Martinis schlürften.

          Wenn Jonathan Franzen in seinem Vortrag „Über autobiographische Literatur“ fragt (es geht ihm dabei auch um eine Rechtfertigung, weshalb er sich zugunsten seiner eigenen Entwicklung von seiner ersten Frau, ebenfalls Autorin, trennen musste): „Ist es nötig, zu dem Menschen zu werden, der das Buch schreiben kann, das man schreiben muss?“, und der diese Frage mit „Ja“ beantwortet, muss man folgerichtig sagen: Ja, Sylvia Plath musste sich umbringen, um ihre letzten Gedichte zu schreiben. Die Entwicklung war in ihr angelegt wie ein bösartiges Computerprogramm. Doch alles, was sie vorher schrieb, war genauso Teil ihres Kosmos, und dieser verdient heute mehr denn je seine Leser. Sylvia Plath lesen heißt, sich in den Zerrspiegeln der Selbstfiktionen, Überhöhungen und Erniedrigungen zu verlieren. Ich denke, es ist nur ein Teil des Mythos, wenn Hughes an den letzten Gedichten rühmt, sie habe endlich zu ihrer Stimme gefunden. Sylvia Plath war ihr eigener Chor, der surreale Chor einer griechischen Tragödie, der nach der Wahrheit schreit. Und in jeder noch so sanften Zeile hallt das Echo.

          Von Silke Scheuermann erschien zuletzt der Roman „Die Häuser der anderen“.

          Sylvia Plath: Die Glasglocke. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Vorwort von Alissa Walser. Suhrkamp  Verlag, Berlin 2013. 262 S., geb., 22,95 €.

          Sylvia Plath: Zungen aus Stein. Erzählungen. Aus dem Englischen von Julia Bachstein,  Susanne Levin.
          Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2012. 300 S., br., 14,90 €.

          Sylvia Plath: Die Bibel der Träume. Erzählungen.Aus dem Englischen von Julia Bachstein, Sabine Techel. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2012. 260 S., br., 14,90 €.

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