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Sylvia Plath: „Die Glasglocke“ und andere ihrer Werk : Der Stolz der Katze auf ihre neun Tode

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Was will ich eigentlich in New York?

Ihr Ehrgeiz und die ständige Suche nach Bestätigung ließ sie permanent Texte an Zeitungen senden in der Hoffnung auf positive Resonanz. Diese Routine wirkte sich auf den schriftstellerischen Prozess aus: Da Redakteure sich bekanntlich wenig Zeit und Geduld leisten können, müssen sie von Beginn an gepackt werden. Plath’ Geschichten kennzeichnen mit wenigen Ausnahmen lässige, großspurige Anfangssätze. Solche Sätze rufen: Hi, ich beherrsche das Handwerk, Leser, vertrau dich mir an! -, aber sie schrauben auch die Erwartungen hoch. Hier eine kleine Liste Plathscher Anfänge aus ihren besten Geschichten, die bei der Frankfurter Verlagsanstalt in einer neuen Ausgabe erschienen sind, sowie aus der „Glasglocke“, die Suhrkamp anlässlich ihres fünfzigsten Todestags am 11. Februar herausgebracht hat:

„Es gibt einen Tag im Leben, den du nie vergisst, sosehr du es auch versuchst.“ („Ein Tag im Juni“). „In dem Winter, in dem der Krieg anfing, fiel ich in der Nachbarschaft in Ungnade, weil ich Leroy Kelly ins Bein gebissen hatte („Der Schatten“). „Bamber hatte am Market Hill ihr Fahrrad gerammt; Orangen, Feigen und ein Paket mit rosa glasierten Törtchen flogen auf die Straße, und als er sie zur Entschädigung zu der Party einlud, beschloss Dody Ventura, hinzugehen“ („Steinknabe mit Delphin“). „Jeden Tag sitze ich von neun bis fünf an meinem Schreibtisch mit dem Gesicht zur Tür und schreibe die Träume anderer Leute auf“ („Johnny Panic und die Bibel der Träume“). „Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wusste, was ich in New York eigentlich wollte“ („Die Glasglocke“).

Blicke in den Zerrspiegel

Sylvia Plath’ implizierte Anforderung an die Welt war, dass sie, die doch dermaßen unbarmherzig mit sich selbst war, zumindest von der Umwelt erwarten durfte, dass die sie gut behandelte. Bei dieser Denkfigur ist die doppelte Enttäuschung programmiert. In schlechten Phasen wurde sie von Depressionen durch alle Höllen geführt. Doch selbst in besseren Zeiten war das Thema Selbstmord noch präsent, nur lief es mehr oder weniger gebändigt neben ihr her, wie ein Hündchen an der Leine. Dann diskutierte sie - wieder eine dieser zur Literatur-Legende gewordenen Szenen - gutgelaunt mit Anne Sexton darüber, während sie Martinis schlürften.

Wenn Jonathan Franzen in seinem Vortrag „Über autobiographische Literatur“ fragt (es geht ihm dabei auch um eine Rechtfertigung, weshalb er sich zugunsten seiner eigenen Entwicklung von seiner ersten Frau, ebenfalls Autorin, trennen musste): „Ist es nötig, zu dem Menschen zu werden, der das Buch schreiben kann, das man schreiben muss?“, und der diese Frage mit „Ja“ beantwortet, muss man folgerichtig sagen: Ja, Sylvia Plath musste sich umbringen, um ihre letzten Gedichte zu schreiben. Die Entwicklung war in ihr angelegt wie ein bösartiges Computerprogramm. Doch alles, was sie vorher schrieb, war genauso Teil ihres Kosmos, und dieser verdient heute mehr denn je seine Leser. Sylvia Plath lesen heißt, sich in den Zerrspiegeln der Selbstfiktionen, Überhöhungen und Erniedrigungen zu verlieren. Ich denke, es ist nur ein Teil des Mythos, wenn Hughes an den letzten Gedichten rühmt, sie habe endlich zu ihrer Stimme gefunden. Sylvia Plath war ihr eigener Chor, der surreale Chor einer griechischen Tragödie, der nach der Wahrheit schreit. Und in jeder noch so sanften Zeile hallt das Echo.

Von Silke Scheuermann erschien zuletzt der Roman „Die Häuser der anderen“.

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Vorwort von Alissa Walser. Suhrkamp  Verlag, Berlin 2013. 262 S., geb., 22,95 €.

Sylvia Plath: Zungen aus Stein. Erzählungen. Aus dem Englischen von Julia Bachstein,  Susanne Levin.
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2012. 300 S., br., 14,90 €.

Sylvia Plath: Die Bibel der Träume. Erzählungen.Aus dem Englischen von Julia Bachstein, Sabine Techel. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2012. 260 S., br., 14,90 €.

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