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Sylvia Plath: „Die Glasglocke“ und andere ihrer Werk : Der Stolz der Katze auf ihre neun Tode

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Ein anderes, großartiges Gedicht aus „Ariel“, nämlich „Lady Lazarus“, lässt sich ähnlich spiegelbildlich zu „Die Glasglocke“, dem einzigen Roman der Autorin, lesen. Wiederum hat Plath in beiden Fällen die Ich-Perspektive gewählt. Doch während mit „Lady Lazarus“ eine unpersönliche Mythenfigur spricht, eine Heldin, die sich rühmt, neun Leben zu haben wie eine Katze und auf diese Weise jährliche Blicke ins Jenseits zu werfen(„Sterben/ist eine Kunst, wie alles andere auch/Ich kann es besonders schön.“), gelingt dies der realistisch gezeichneten Romanheldin nicht. Esther Greenwoods Selbstmordversuche, Resultat einer fortschreitenden Distanzierung zur Welt, scheitern; sie bleibt im Diesseits gefangen.

Ohnmacht und Leere

Beide „Ich“-Konstrukte werden in Verbindung gebracht mit dem Judentum beziehungsweise dem Dritten Reich: Der Name „Esther Greenwood“ ist ein Hinweis auf jüdische Wurzeln, „Lady Lazarus“ schlägt sich selbst der Täter-Seite zu, indem sie von sich sagt, ihre Haut strahle „wie ein Nazi-Lampenschirm“. Sylvia Plath macht hier Anspielungen, die heute durchaus auch kritisch gesehen werden. Doch die Frage „Darf man das?“ hat sich die Amerikanerin, die ihren deutschen Vater mit neun Jahren verlor und wohl dadurch auf das Verlassenwerden durch ihren Mann, den berühmten Dichter Ted Hughes, derart traumatisch reagierte, anscheinend nie gestellt. Oder die Bostoner Schreibseminare beim bewunderten Bekenntnispoeten Robert Lowell, neben ihr die strahlende Konkurrentin Anne Sexton, haben ihr die Skrupel ausgetrieben.

Nur dreißig Jahre wurde sie alt, aber durch diese Jahre - und hier ist noch zuletzt der „Schneeangriff“ ein erschreckendes Beispiel - hat sie sich gnadenlos gepeitscht. 1932 in Boston geboren, kam sie mit einem Stipendium an das Smith College in Massachusetts, wo sie an ihrem gesellschaftlichen und literarischen Erfolg gleichzeitig arbeitete. Im August 1953 reiste sie nach allzu arbeitsreicher Zeit in den Ferien nach Hause und erfuhr, dass sie zu einem Schreibseminar von Frank O’Connor nicht angenommen worden war. Sie reagierte mit einem ersten Selbstmordversuch; den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik beutete sie für „Die Glasglocke“ aus. Eine Hochphase hatte sie, als sie am „Bloomsday“ 1958 den von ihr bewunderten englischen Dichter Ted Hughes heiratete, literarisch war sie aber noch nicht so weit wie er; sie sah nur zu, wie er es war, der Material umformte und Erfolge feierte. Sie litt unter Selbstzweifeln, erhielt Ablehnungsschreiben und verwarf im Geist, was sie bisher geschrieben hatte. Sie versuchte ständig, sich selbst zu motivieren, etwa, indem sie sich von ihrem jungen Ehemann Schreibaufgaben geben ließ - doch immer wieder wurde das Gefühl der Ohnmacht und inneren Leere übermächtig. Wer noch einmal auf der Achterbahn aus Selbsthass und Verzweiflung mitfahren möchte, lese ihre Tagebücher.

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