https://www.faz.net/-gr3-90t19

„Swing Time“ von Zadie Smith : Sie gab ihm Sex – er gab ihr Klasse

Zwei Mädchen auf dem Weg ins Leben

Was Zadie Smith aber vor allem kann, ist das Destillieren tieferer Wahrheiten aus scheinbar alltäglichen Momenten und Situationen. Insbesondere in der Schilderung der beiden so unterschiedlichen Freundinnen auf dem Weg in die Erwachsenenwelt, die ihre Fragen nach Zugehörigkeit, Ablehnung und Selbstermächtigung stets im Spiegel der anderen verorten, findet die Autorin hinreißende Bilder. Beide Mädchen stammen aus gemischten Beziehungen, sie gelten als „braun“ und fühlen sich nirgends wirklich zugehörig.

Weder in der black community noch im Tanzunterricht, wo sie die einzigen Farbigen sind. Eingeladen zur Geburtstagsparty einer Klassenkameradin, die nicht wie sie in einer Wohnung, sondern in einem ganzen Haus lebt, stehen sie in adretten Kleidchen vor der Tür, nicht ahnend, dass die anderen Kinder ganz zwanglos in Jeans und T-Shirts gekleidet sind. Unentwegt sind Tracey und die Erzählerin damit beschäftigt, die unsichtbaren Codes ihrer Umwelt zu entschlüsseln.

Tracey ist die Begabtere, aber auch die Gefährdetere von beiden. Sie wächst bei ihrer weißen Mutter in verwahrlosten Verhältnissen auf. Weshalb die aus Jamaika stammende Mutter der Erzählerin, selbst Feministin und Autodidaktin, die es als Politikerin irgendwann ins Parlament schafft, ihrer Tochter den Umgang mit Tracey am liebsten verbieten würde.

Einmal um die Welt und zurück

Doch Tracey schafft es eines Tages tatsächlich auf die Bühne des Londoner Westend, während ihre Freundin zum Verdruss der Mutter nur an einer mäßigen Hochschule angenommen wird – da tröstet es sie auch nicht, dass sie die Erste in ihrer Familie ist, die studiert. Als die Erzählerin der Sängerin Aimee begegnet, die selbst eine weite Strecke aus einer entlegenen Ecke des Empire auf die Bühnen der Welt zurückgelegt hat, gelangt sie ins New Yorker Milieu der Reichen und Berühmten. Zwar ist ihr Leben ein berufliches Provisorium, glamourös, doch zunehmend unbefriedigend, aber den Absprung schafft sie nicht. Der Clou des Romans ist, dass beide Freundinnen, über die Jahre längst zerstritten, zuletzt ebendort wieder landen, von wo sie einst aufgebrochen waren. Doch kehren sie nicht als Siegerinnen zurück: Traceys Bühnenkarriere endete so schnell, wie sie begann. Nun lebt sie alleinerziehend mit drei Kindern und Stütze in der Wohnung, in der sie aufgewachsen ist.

Der Tief- und Wendepunkt im Leben der Erzählerin kommt ungleich dramatischer als finaler Paukenschlag daher. Nach einem Streit vor die Tür gesetzt, begreift sie erst in diesem Moment, dass sie in der Scheinwelt nicht nur alle Bindungen verloren hat, sondern auch die Fähigkeit, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Als sie in London eintrifft, hat sie keinen blassen Schimmer, dass ihre Mutter todkrank im Hospiz liegt. So fragt der Roman, in dem alle immerzu aufbrechen und fortgehen, sich im Anderswo Besseres erhoffen, nicht zuletzt danach, welcher Preis am Ende zu zahlen ist.

Wer Menschen und Moral kauft

An die sprachliche Herausforderung von Zadie Smiths vorherigem Buch kommt dieser Roman gleichwohl nicht heran. Hatte sie in „London NW“ in einer Art Polyphonie der Stimmen jenem Londoner Stadtteil Willesden, der auch hier eine zentrale Rolle spielt, ein literarisches Denkmal gesetzt, verliert „Swing Time“ immer dann an Flughöhe, wenn sich die Heldin im Bannkreis von Aimee befindet.

Während in den Londoner wie auch in den afrikanischen Szenen Zadie Smiths ureigener Sound unverkennbar ist, bleibt die Darstellung der Sphäre der Superreichen, die sich mit Geld nicht nur Menschen, sondern auch Moral erkaufen, schablonenhaft und flach wie aus einer Illustrierten. Die Revierkämpfe innerhalb der Entourage klingen so ausgedacht wie die Launen des Superstars, der unangreifbar über allem thront. Für den Roman gilt, was er selbst einmal über Musicals sagt: dass die Story nicht zähle, sondern sie der Preis sei, den man zahlen müsse, um die Musik zu hören.

Weitere Themen

Topmeldungen

Neue Leitungen braucht das Land.

Subventionen der Regierung : Gefangen im Verwaltungsdickicht

Die Regierung gibt mehr Geld aus denn je. Doch sie versäumt, mit einfachen Mitteln Bürokratie einzusparen, sagen Kritiker. Und die Planungsbeschleunigung? Verzögert sich.
Burak Yilmaz (32), Pädagoge, im Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie in Duisburg

Junge Migranten : Was gehört zu Deutschland?

Das Dirndl? Die Shisha-Pfeife? Die Juden? Junge Migranten aus Duisburg sprechen mit einem Sozialarbeiter über Identität und Geschichte. Und warum der Holocaust zur Diskussion über heutige Werte führt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.