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Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt : Die Musik kühl, das Herz noch heiß

  • -Aktualisiert am

Bild: Galiani Berlin

Sven Regeners vierter Roman knüpft an die „Herr Lehmann“-Welt an. Nur der Held ist neu: „Die Rückkehr des Karl Schmidt“ ist ein humanes Buch, nicht nur für Musiker nach der midlife crisis.

          Magical Mystery: „War das nicht eigentlich ein Ding von den Beatles? Und ist das damals nicht irgendwie in die Hose gegangen?“ Karl Schmidt ist schwer zu beeindrucken und kennt in Urheberrechtsfragen kein Pardon. Das hat er mit seinem Autor gemein: Sven Regeners Wutanfall wegen allgemeiner Piraterie und flächendeckender Urheberrechtsverstöße im Internet ist auch deswegen noch so gut in Erinnerung, weil mit ihm etwas Seltenes, aber Naheliegendes eingeklagt wurde: künstlerischer Respekt, den zu zollen eben auch Geld koste.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nachdem Regener sich wieder beruhigt haben dürfte, lässt er nun einen alten Bekannten auf die Kundschaft los: eben jenen Karl Schmidt, der in der „Herr Lehmann“-Trilogie der beste Freund des Titelhelden war, ein nicht weiter auffallender Mensch, der hier, im vierten Roman, die alles tragende und, wie sich schnell herausstellt, auch ganz gut durchschauende Figur ist - reserviert und, wenn er erst einmal Sympathien gefasst hat, trotzdem offen, eher ein Kaltblüter, der die Dinge an sich herankommen lässt, ein wenig so wie Döblins Biberkopf, mit dem er auch das Ungeschlachte teilt, und aus Schaden klug geworden. „Ich mag ihn, weil er ein großes Herz hat. Viel größer als das von Frank Lehmann zum Beispiel“, teilte Regener gerade dem „Spiegel“ mit, eine dieser persönlichen Auskünfte zu seinen Büchern, mit denen er nicht gerade um sich schmeißt.

          Kandidat für den besten Romananfang

          Karl Schmidt hatte in den Vorgeschichten zwar nichts Weltbewegendes zu sagen, dafür wurde ihm die Ehre zuteil, dass ihn Herr Lehmann am Tag des Mauerfalls in die Psychiatrie bringen musste - eine fast schon welthistorische Pointe, die Regener so unprätentiös setzte wie alles andere auch.

          Es ist jetzt fünf Jahre später. Wir treffen Karl Schmidt in einer von Sozialarbeitern betreuten Wohngemeinschaft für (ehemalige) Drogensüchtige in Hamburg-Altona an: „Ich sah Raimund Schulte lange bevor er mich sah. Ich hatte gerade Paranoia und die Tür fest im Blick, weil Werner nicht wollte, dass wir ins Eiscafé gingen, und ich hatte die Pillen abgesetzt und Angst davor, dass Werner beim nächsten Plenum aus einem Eisbecher ,Monteverdi‘ ein großes Ding machen würde, da hätte ich kaum für mich garantieren können ohne Pillen.“ Sollte es irgendwann wieder eine Serie oder Umfrage zu den besten Romananfängen geben - dies wäre ein Kandidat.

          „Leben, Arbeiten, Wohnen, alles zusammen, voll das Hippieding“

          Hier gibt es kein vornehmes Getue, Regeners längst sprichwörtlich gewordener, vermutlich immer noch unterschätzter Sound sorgt dafür, dass man gleich mittendrin ist und, noch ohne nähere Beschreibungen, auch schon ganz gut Bescheid weiß über das Personal; das Adverb „gerade“ umreißt meisterlich-beiläufig den Zustand des Karl Schmidt - er hat Depressionen mit paranoiden Schüben, in die so allmählich abzugleiten kein Vergnügen ist: „Am Samstag wachte ich auf und da war es, das dunkle Gefühl, zwar nicht direkt über mir, aber im Zimmer, und es sah mir dabei zu, wie ich unter der Decke lag und mich nicht bewegte, brachte sich in Erinnerung, die alte Sau, zum ersten Mal seit ich die Pillen abgesetzt hatte, und seltsam war nur, dachte ich, als ich da so lag und mich nicht bewegte, dass ich so naiv gewesen war zu glauben, dass es nicht wiederkommen würde, wenn ich die Pillen absetzte, ganz schön blöd.“ Es ist schon eine ziemliche Kunst, wie Regener auch hier eine Stimmung ausmalt, ohne dabei ins Detail zu gehen oder im mindesten pathetisch zu werden. Wie viele andere Schriftsteller wären hier nicht bildungssprachlich geworden und hätten gesagt: „als ich so dalag“?

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