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Susan Sontags Erzählungen : Gnadenlos bleibt die innere Stimme

Auswegloses Reflektieren war eine der intellektuellen Versuchungen des zwanzigsten Jahrhunderts: Susan Sontag in den späten siebziger Jahren. Bild: Getty

Die große Essayistin wollte auch gerne eine große Erzählerin sein: Susan Sontags kurze Prosa orientiert sich am Höchsten, doch gerade durch diesen Ehrgeiz verfehlt sie das Ziel.

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          Wer die Geschichten von Susan Sontag liest, findet sich in Erzählungen-als-Unglücksfällen. Die große Essayistin mochte sich mit ihrer eigentlichen Gabe nicht abfinden. Nicht länger abgeleitet zu schreiben, sekundär, sondern aus eigener Schöpferkraft wie die Schriftsteller wurde ihre Wunsch-Identität. Umso quälender mussten die Selbstzweifel werden: 1986 bekennt sie ihre „Unfähigkeit, Erzählliteratur zu schreiben“, und vermutet die Ursache in einer „Unfähigkeit (vielleicht eher einem Widerstreben) zu lieben“. Der starke Wille dieser Frau hatte es dann auszugleichen. Ihren besten Essays, als Siebengestirn versammelt in dem Buch „Im Zeichen des Saturn“, hatten sich Autoren gewidmet, die konnten, was Sontag versuchte: sehen, erzählen und theoretisch-kritisches Deuten in einem Werkzusammenhang verbinden. Paul Goodman, Elias Canetti, Roland Barthes waren solche Autoren.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Nun lesen wir aber eher ein Amalgam: „Kürzlich an einem Vormittag um elf ein retardierender Einschub. Memorabilien sind Dinge, die erinnerungswürdig sind, nicht Dinge, an die man sich erinnert. Man kann alles vergessen, und dann kommt es doch wieder. Lieber skrupulöse Ungenauigkeit. Ich nenne die Zeit (elf Uhr vormittags), aber nicht das Dorf (Neuengland?).“ Das ist nur sehr entfernt eine Erzählung, näher betrachtet aber ein Sieg des Reflektierens über die Naivität. Nach diesem Muster geht es fort: Immer folgt auf einen kursivierten Satzteil – einen erzählenden, beschreibenden – eine längere Passage der Selbstdeutung. Die einfache Geschichte: Ein Mann bricht plötzlich auf der Straße zusammen, Frauen kreischen, die Erzählerin kümmert sich um ihn, ihr Gesicht bleibt dabei ausdruckslos, Gefühle von Angst oder Anteilnahme kommen nicht auf, sie tut einfach, „was zu tun war“, und geht dann „gleichmütig“ ihres Weges.

          Susan Sontag: „Wie wir jetzt leben“. Erzählungen.
          Susan Sontag: „Wie wir jetzt leben“. Erzählungen. : Bild: Hanser Verlag

          Aber im Inneren dieser Passantin und Erzählerin spricht ununterbrochen eine zweite, selbstkommentierende Stimme: wie sie schlaflos ist und schlecht träumt, wie sie dem Gestürzten mit einer „vertraulichen Geste“ den Staub vom Kopf wischt und was geschah, als er zu erzählen beginnt: „Ich ließ es zu, dass seine Worte sich in mein Herz nagten.“ In ihrem Gesicht habe sich kein Muskel geregt – das verlangt nach einem weiteren Selbstkommentar: „Es kann prätentiös wirken zu sprechen, also blieb ich stoisch.“ Wenn sie weder Angst noch Anteilnahme in sich verspürt, dann deshalb, weil sie „den Einfluss von Mitleid“ aus sich „herausgespült“ hat. Am Ende, als sie weitergeht, hat sie das Gefühl, „nützlich, gelassen, souverän gewesen zu sein – nicht zu sehr, aber auch nicht zu wenig“.

          Wie in einem Brief

          Das Geschehen wird überschrieben von einem Diskurs der moralischen Selbstkontrolle. Das ist aber nur der erste Teil. Im zweiten wird die ganze Geschichte als reines Gedankenexperiment zur Virtualität: „Nehmen wir an, jemand hätte mir am Tag zuvor erzählt.“ Wie hätte alles sein können, wenn man es vorausgewusst hätte? Sie hätte „alle möglichen Qualen durchlitten“, sich gefragt, „ob ich der Situation gewachsen sein würde, mich gefragt, was er wohl hatte (eine Krankheit? irgendeinen Kummer?), es hätte mich berechnend gemacht“. Wäre das Ereignis also angekündigt gewesen, dann „hätten alle möglichen Impulse Zeit gehabt, dieses Erlebnis vorwegzunehmen ... und zu kommentieren. – Mir zu sagen, wie ich mich fühlen soll.“ Krankheit war für Susan Sontag ein Lebensthema.

          Auf den letzten Seiten erhellt sich die eigentliche Situation. Ein Du wird angesprochen wie in einem Brief: „Du verlässt mich.“ Das ist der Unglücksfall, der sich hinter der Erzählung wie hinter einem Paravent verborgen hatte. Gnadenlos bleibt die innere Stimme. Solch auswegloses Reflektieren, das auch weite Teile von Sontags Tagebüchern durchzieht, war eine der intellektuellen Versuchungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber sowenig Münchhausen sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ziehen kann, so wenig führt die Selbstbeobachtung zur Weisheit, denn den Beobachtungspunkt außerhalb seiner selbst erreicht das Subjekt grundsätzlich nicht. „Beschreibung (einer Beschreibung)“ heißt diese Geschichte, problemlos könnte man ihr immer neue Reflexionsebenen anfügen.

          Erst Begeisterung, dann Obsession

          „Wie wir jetzt leben“, den Band eröffnend, erschien 1986 und schildert die Leiden eines Aids-Kranken ausschließlich im Spiegel des mehr oder weniger hilflosen Geredes seiner Freunde. „Die Briefszene“, eine andere Geschichte, endet ergreifend: „Liebste, bitte schreibe mir weiterhin. Deine Briefe werden mich immer erreichen. Du kannst mir in deiner wahren, deiner kleinsten Schrift schreiben. Ich werde sie ans Licht halten.“ Aber vorher muss man sich durch einen Wust von intertextuellen Anspielungen (auf Puschkins „Eugen Onegin“) und Variationen zum Motiv des Briefes fressen. Die Erzählung „Der Blick aus der Arche“ (sie schildert ein Gespräch zwischen einem Nachkommen Noahs und einem Vogel) ist eine „Parabel“, wie der erzählende Vogel erläutert, also eine Geschichte, die um ihrer Moral willen erzählt wird. Deshalb müssen die Weltübel thematisiert werden, man erkennt die Situation nach dem Krieg von George W. Bush gegen den Irak: „Nicht ich habe die Wüste zugrunde gerichtet. Die Tiere umgebracht. Die Rekruten abgeschlachtet. Ich habe weder die Bibliotheken abgefackelt noch das Museum mit der Antikensammlung geplündert.“

          Im Dezember 1947, mit gerade vierzehn Jahren, hatte Susan Sontag mit einem Schulfreund Thomas Mann besucht. In „Wallfahrt“ berichtet sie davon. Die Geschichte ist schön in ihrer Hochkomik, im Aneinandervorbeireden des zweiundsiebzigjährigen Großschriftstellers und der beiden kalifornischen Teenager. Er erzählt von seiner Arbeit am „Doktor Faustus“: „‚Aber der Protagonist ist kein Philosoph. Er ist ein großer Komponist.‘ ‚Ich weiß, wie wichtig Ihnen die Musik ist‘, wagte ich mich vor... ‚Sowohl die Höhen als auch die Tiefen der deutschen Seele spiegeln sich in ihrer Musik‘, sagte er. ‚Wagner‘, bemerkte ich...“ Sie erinnert sich an einzelne Formulierungen: „das Schicksal Deutschlands“, „das Dämonische“, den „Abgrund“ und den „Teufelspakt“. „Hitler tauchte mehrmals auf.“

          Mehr als dreißig Jahre später enthüllte sich der Sinn der damals nur halbverstandenen Initiation. Nun schreibt sie ihren großartigen Essay über Hans-Jürgen Syberbergs Hitler-Film, der im letzten Satz auf Wagner hinausläuft. Wenn Susan Sontag (anders als das Gros der damaligen deutschen Kritik) zu diesem Werk etwas Substantielles sagen konnte, dann sicher auch wegen des 1947 gelegten Samens der Wagner-Begeisterung, die später zu einer Obsession wurde, wie sie, wiederum selbstkritisch reflektierend, 1981 feststellte.

          Susan Sontag: „Wie wir jetzt leben“. Erzählungen. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Nachwort von Verena Lueken. Hanser Verlag, München 2020, 128 S., geb. 20,– €. 

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