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Susan Sontags Erzählungen : Gnadenlos bleibt die innere Stimme

Auswegloses Reflektieren war eine der intellektuellen Versuchungen des zwanzigsten Jahrhunderts: Susan Sontag in den späten siebziger Jahren. Bild: Getty

Die große Essayistin wollte auch gerne eine große Erzählerin sein: Susan Sontags kurze Prosa orientiert sich am Höchsten, doch gerade durch diesen Ehrgeiz verfehlt sie das Ziel.

          4 Min.

          Wer die Geschichten von Susan Sontag liest, findet sich in Erzählungen-als-Unglücksfällen. Die große Essayistin mochte sich mit ihrer eigentlichen Gabe nicht abfinden. Nicht länger abgeleitet zu schreiben, sekundär, sondern aus eigener Schöpferkraft wie die Schriftsteller wurde ihre Wunsch-Identität. Umso quälender mussten die Selbstzweifel werden: 1986 bekennt sie ihre „Unfähigkeit, Erzählliteratur zu schreiben“, und vermutet die Ursache in einer „Unfähigkeit (vielleicht eher einem Widerstreben) zu lieben“. Der starke Wille dieser Frau hatte es dann auszugleichen. Ihren besten Essays, als Siebengestirn versammelt in dem Buch „Im Zeichen des Saturn“, hatten sich Autoren gewidmet, die konnten, was Sontag versuchte: sehen, erzählen und theoretisch-kritisches Deuten in einem Werkzusammenhang verbinden. Paul Goodman, Elias Canetti, Roland Barthes waren solche Autoren.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Nun lesen wir aber eher ein Amalgam: „Kürzlich an einem Vormittag um elf ein retardierender Einschub. Memorabilien sind Dinge, die erinnerungswürdig sind, nicht Dinge, an die man sich erinnert. Man kann alles vergessen, und dann kommt es doch wieder. Lieber skrupulöse Ungenauigkeit. Ich nenne die Zeit (elf Uhr vormittags), aber nicht das Dorf (Neuengland?).“ Das ist nur sehr entfernt eine Erzählung, näher betrachtet aber ein Sieg des Reflektierens über die Naivität. Nach diesem Muster geht es fort: Immer folgt auf einen kursivierten Satzteil – einen erzählenden, beschreibenden – eine längere Passage der Selbstdeutung. Die einfache Geschichte: Ein Mann bricht plötzlich auf der Straße zusammen, Frauen kreischen, die Erzählerin kümmert sich um ihn, ihr Gesicht bleibt dabei ausdruckslos, Gefühle von Angst oder Anteilnahme kommen nicht auf, sie tut einfach, „was zu tun war“, und geht dann „gleichmütig“ ihres Weges.

          Susan Sontag: „Wie wir jetzt leben“. Erzählungen.
          Susan Sontag: „Wie wir jetzt leben“. Erzählungen. : Bild: Hanser Verlag

          Aber im Inneren dieser Passantin und Erzählerin spricht ununterbrochen eine zweite, selbstkommentierende Stimme: wie sie schlaflos ist und schlecht träumt, wie sie dem Gestürzten mit einer „vertraulichen Geste“ den Staub vom Kopf wischt und was geschah, als er zu erzählen beginnt: „Ich ließ es zu, dass seine Worte sich in mein Herz nagten.“ In ihrem Gesicht habe sich kein Muskel geregt – das verlangt nach einem weiteren Selbstkommentar: „Es kann prätentiös wirken zu sprechen, also blieb ich stoisch.“ Wenn sie weder Angst noch Anteilnahme in sich verspürt, dann deshalb, weil sie „den Einfluss von Mitleid“ aus sich „herausgespült“ hat. Am Ende, als sie weitergeht, hat sie das Gefühl, „nützlich, gelassen, souverän gewesen zu sein – nicht zu sehr, aber auch nicht zu wenig“.

          Wie in einem Brief

          Das Geschehen wird überschrieben von einem Diskurs der moralischen Selbstkontrolle. Das ist aber nur der erste Teil. Im zweiten wird die ganze Geschichte als reines Gedankenexperiment zur Virtualität: „Nehmen wir an, jemand hätte mir am Tag zuvor erzählt.“ Wie hätte alles sein können, wenn man es vorausgewusst hätte? Sie hätte „alle möglichen Qualen durchlitten“, sich gefragt, „ob ich der Situation gewachsen sein würde, mich gefragt, was er wohl hatte (eine Krankheit? irgendeinen Kummer?), es hätte mich berechnend gemacht“. Wäre das Ereignis also angekündigt gewesen, dann „hätten alle möglichen Impulse Zeit gehabt, dieses Erlebnis vorwegzunehmen ... und zu kommentieren. – Mir zu sagen, wie ich mich fühlen soll.“ Krankheit war für Susan Sontag ein Lebensthema.

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