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Suhrkamp : Sturm auf die Festung

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Das Suhrkamp-Verlagshaus in Frankfurt Bild: F.A.Z.-Frank Röth

Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz soll erklärt haben, die „Festung Suhrkamp“ sei uneinnehmbar. Claus Grossner, der sich in die Geschäftsführung eingekauft hat, sieht das ganz anders: ein Besuch bei dem Mann, der die Witwe des Verlagsgründers herausfordert. Von Eberhard Rathgeb.

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          Am Dienstag, dem 14. November, um 16 Uhr 52 gehen in der Villa von Claus Grossner die Lichter an. Die Villa liegt an der Elbchaussee. Manche meinen, das sei eine wunderbare Adresse (für die Reichen). Tatsächlich ist die Elbchaussee eine stark befahrene, wenn auch nur einspurige Straße, an der man, wenn man Kinder hat, nicht unbedingt wohnen möchte. Am Freitag vergangener Woche war Claus Grossner wie eine Rakete in die Feuilleton gestoßen, als bekannt wurde, daß er und der Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach in den Besitz von Anteilen des Suhrkamp und des Insel Verlages gekommen sind (siehe: Der Bruch im Suhrkamp Verlag).

          Die einen in Hamburg sagen, Grossner sei eine windige Figur, die anderen sagen, er sei ein hochintelligenter Einzelgänger. Die einen sagen, er habe gar kein Geld, die anderen sagen, er habe viel Geld. Die einen sagen, er werfe sich an Prominente ran, die anderen sagen, er sei ein ruheloses Kontaktgenie. Grossner sagt, er habe nach der Wiedervereinigung die Eco-Stahl AG gerettet. Grossner sagt, er habe fünfzig Projekte bei der Europäischen Union durchgeführt. Grossner sagt, er mache „Brain-Konzepte“ und lasse andere arbeiten.

          Habermas: Es ist entsetzlich

          Am Dienstag vormittag gegen 10 Uhr erklärt Joachim Unseld, der Sohn des vor vier Jahren verstorbenen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld (unter seiner Regie war die Suhrkamp-Welt noch in Ordung), daß er in dieser ganzen Angelegenheit erst einmal keinen Kommentar abgeben werde. Der Startheoretiker und ehemalige Berater des Verlages Jürgen Habermas meint am Telefon nur, daß er nichts sagen könne (Erinnern Sie sich an Claus Grossner? Sie haben ihm mal in den sechziger Jahren einen offenen Brief geschrieben), daß entsetzlich sei, was er in der Presse über die Verlagsgeschehnisse gelesen habe.

          Gruppenbild ohne Dame: Hans Barlach, Claus Grossner, Joachim Unseld, Arnulf Conradi (v.l.)

          Ich stehe an der Elbe und sehe, wie ein Flugzeug auf der Landebahn für den Airbus, die der Grossner-Villa gegenüber am anderen Ufer liegt, landen möchte. Ein Versehen! Das merkt der Pilot in letzter Sekunde auch, reißt die Maschine hoch und fliegt davon, hoffentlich zum richtigen Flugplatz (in Fuhlsbüttel). Kurz darauf klingle ich an der Tür der Villa, die schräg gegenüber der Rudolf-Steiner-Schule Nienstedten liegt. Auch der Anthroposoph Rudolf Steiner galt und gilt manchen (auch in Hamburg) als eine windige Figur.

          Ein Fahrrad, kein Auto

          Im „Hamburger Abendblatt“ taucht Claus Grossner immer wieder auf, so wie er immer wieder bei den Theaterpremieren auftaucht. Zuletzt sah man ihn im „Abendblatt“, weil er den Weltzukunftsrat, ein Gremium aus Prominenten, die sich zu Sozial-, Wirtschafts- und Umweltfragen äußern wollen, mit nach Hamburg geholt habe. Zum Weltzukunftsrat gehört der Physiker Hans-Peter Dürr. Vor der Villa steht ein altes Fahrrad, kein dickes Auto.

          Der Physiker Hans-Peter Dürr (Sie kennen den doch?) sei gerade hier gewesen, sagt Grossner. Er zeigt auf eine Wandtafel mit den Schlagwörtern „Wissen - Weltethos - Weltzukunft“. Auf dem Tisch liegen Papiere, Fotos, Bücher, darunter die amerikanische Originalausgabe von Thomas Friedmans Buch „Die Welt ist flach“, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das soll ein gutes Buch sein, sagt Grossner. (Ich schüttle den Kopf.) Grossner sagt, einmal sei Ulla Unseld-Berkéwicz, die Witwe und Suhrkamp-Verlegerin, auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt: Herr Grossner, bin ich Ihnen zu spiritistisch?

          Ein Haus als Arbeitsterritorium

          Grossner ist hochgewachsen, schlank. Er ist einen halben Kopf größer als ich, also schaue ich immer etwas hinauf. Wir gehen in den Garten, er zeigt mir Kunstwerke, eine vierhundert Jahre alte buddhistische Platte. Drinnen an den Wänden hängen Bilder (Originale, ich vergesse sofort alle Namen), auch chinesische Zeichen, das ganze Haus ist ein Arbeitsterritorium. Grossner hat weder Frau noch Kind. Er stammt aus einer einfachen protestantischen Familie.

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