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: Strumpf der Illusion

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Adios, und seien Sie glücklich; ich glaube, Sie haben es ziemlich nötig. Margarita." Mit dieser merkwürdigen Wendung verabschiedet die reiche Witwe den Schriftsteller, den sie für einige Wochen in ihre Dienste genommen hatte: als mehr oder weniger stummen Zuhörer, als eine Mischung aus Beichtvater ...

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          Adios, und seien Sie glücklich; ich glaube, Sie haben es ziemlich nötig. Margarita." Mit dieser merkwürdigen Wendung verabschiedet die reiche Witwe den Schriftsteller, den sie für einige Wochen in ihre Dienste genommen hatte: als mehr oder weniger stummen Zuhörer, als eine Mischung aus Beichtvater und Analytiker, und vor allem als eine Art Rudersklaven, der die ungeheuer korpulente Frau immer wieder, wie in einem strengen Ritual, um ihre künstlich angelegte Insel fahren muß. Die Frau, die ihren geliebten Mann bei einem Unfall verlor, hat sich in dem Glauben eingerichtet, das Wasser wolle ihr Botschaften zukommen lassen, sei vielleicht eine höhere Form des Daseins, in dem ihr Mann fortexistiere und mit ihr kommunizieren wolle: Nach dem Plan eines berühmten Architekten hat sie ihr Haus unter Wasser setzen lassen.

          Es gibt viele solcher Menschen in den Erzählungen von Felisberto Hernández, die es nicht offenbar nicht nötig haben, glücklich zu sein, die sich vielmehr in einer sehr individuellen Form des Unglücklichseins eingerichtet haben - wie diese Margarita aus "Das überschwemmte Haus", die man zunächst für eine Wahnsinnige, für eine schrullige Dame mit Dach- oder besser Wasserschaden hält, bis dann deren skurrile Ophelia-Existenz als quasi-religiöses Einsiedlertum verständlich wird.

          Und Hernández selbst? Der uruguayische Schriftsteller, 1902 in Montevideo geboren, 1964 dort gestorben, war wohl kein glücklicher Mensch, obgleich er es wohl sehr nötig gehabt hätte. Der Autor, der heute als einer der Pioniere der lateinamerikanischen Moderne gilt, hochgeschätzt von Julio Cortázar oder Gabriel García Márquez, führte ein unstetes, unruhiges Leben: Insgesamt vier Ehen scheitern, zu Ruhm und Geld ist er zu Lebzeiten nur in bescheidenem Maße gelangt. Schon seine Familie hatte immer wieder unter finanziellen Engpässen zu leiden, der Jugendliche, als Pianist hochbegabt, verdingt sich als Klavierspieler in Stummfilmkinos; statt eine glanzvolle Karriere als Solist zu machen, arbeitet er jahrelang als Kaffeehausmusiker und tingelt durch die Provinz - eine demütigende, ernüchternde Erfahrung, die sich in vielen Erzählungen niedergeschlagen hat.

          Selbst mit seiner Wirkung über den spanischsprachigen Raum hinaus hat Hernández irgendwie kein Glück gehabt. Für den großen Boom lateinamerikanischer Literatur in Europa seit den siebziger Jahren kam er zu früh. Und wenn Suhrkamp nun mit einer Auswahl seiner Erzählungen - nach einem kleinem Band von 1985 - einen neuen Versuch unternimmt, dann könnte das wiederum zu spät kommen. Denn die zu beobachtende Verengung des weltliterarischen Horizonts auf das Anglo-Amerikanische scheint einer Neuentdeckung nicht günstig - zumal, wenn selbst so herausragende Gegenwartsautoren wie der Argentinier Ricardo Piglia oder der Kuba-Mexikaner José Manuel Prieto hierzulande kaum Beachtung finden. Und gegenüber diesen virtuos mit Formen, Genres und Traditionen jonglierenden Autoren wirkt Hernández wie aus der Zeit gefallen - oder besser, als würde man durch alte, funktionslos gewordene Kulissen oder in symbolisch aufgeladenen, "metaphysischen" Rätselbildern De Chiricos herumwandern.

          Zwar täuscht dieser Eindruck des Musealen und Starren - die Psychodynamik, die in den Figuren am Werk ist, ist überaus vital -, doch das Setting der Erzählungen selbst legt solche Wahrnehmungen nahe. Hernández hat ein Faible für Tableaus, für erstarrtes, krampfartig stillgestelltes Leben, während umgekehrt die Dinge sich zu bewegen und zu sprechen anfangen. Schon in der langen Eingangserzählung "Das verlorene Pferd", eine proustische Reminiszenz an den Klavierunterricht des Zehnjährigen, zeichnet Hernández die Erinnerung als Theater, als das Betreten einer Seelenkulisse, in der die Figuren wie Schaupieler auf- und abtreten: "Als ich an jenem Abend begann, mich zu erinnern und ein anderer zu sein, sah ich mein vergangenes Leben wie in einem Nebenzimmer." In diesem Zimmer sieht er den Jungen und seine Lehrerin in einem erotisch aufgeladenen Ringen um Macht, eine Urszene späterer Verwicklungen.

          Solche direkt autobiographischen Erzählungen sind eher selten, obwohl der Ich-Erzähler der meisten Texte äußere Züge des Autors trägt. Eine immer wiederkehrende Grundkonstellation ist die, daß ein Künstler, meist ein Pianist, aus Geldnöten in die Dienste eines reichen Hauses tritt und sich dort einem fremden Leben wie ein Zaungast nähert - ein Beobachter, der allerdings beim Versuch, das Sonderbare zu verstehen, darin eindringt und dessen fragile Balance zu stören droht. In "Der Balkon" wird der Erzähler nach einem Auftritt in der Provinz von einem Herrn angesprochen und zu einem Privatkonzert für dessen zurückgezogen lebende und neurotische Tochter eingeladen. Während seines mehrtägigen Aufenthalts stellt er fest, daß diese eine Liebesbeziehung zu ihrem Balkon aufgebaut hat, zu dem er selbst nun in eine heikle Konkurrenz tritt.

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