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Steven Uhlys Summe des Ganzen : Gottes Werk und Teufels Beitrag

Schutzraum für die Täter: Maurice Boille zeichnete diesen Beichtstuhl 1907. Bild: Hervé Lewandowski/RMN Grand Palais (musée d’Orsay)

Steven Uhlys Novelle „Die Summe des Ganzen“ ist das Buch der Stunde. Sein Thema ist der Missbrauch in der katholischen Kirche. Seine beklemmend präzise Sprache fordert den Leser heraus.

          4 Min.

          Das Beichtgeheimnis besteht seit dem dreizehnten Jahrhundert und ist wohl die älteste Datenschutzvorschrift der Rechtsgeschichte. Ursprünglich ein Meilenstein in der christlichen Seel­sorge, wurde sie auch in ihr Gegenteil verkehrt, etwa wenn der Beichtstuhl – Ort des Sündenbekenntnisses und der Lossprechung – zum Schutzraum wurde für Täter aus den eigenen Reihen, die ebendort ihre Opfer gefügig machten. Der Oscar-Preisträger Alex Gibney rekonstruierte als einer der Ersten in seinem Dokumentarfilm „Mea Maxima Culpa“ 2012 minutiös, wie die Kirche mit Fällen von Kindesmissbrauch um­ging: Hauptsache, nichts wird öffentlich, Hauptsache, die Kirche nimmt keinen Schaden, Hauptsache, das Priesteramt gerät nicht in Misskredit.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Die systematische Vertuschung dieser Verbrechen durch Kirchenvertreter, die noch 2019 vom emeritierten Papst Be­nedikt relativiert wurden, hat die Institution in den vergangenen Jahren in ihren Grundfesten erschüttert – und ist die unausgesprochene Folie, auf der das neue Buch von Steven Uhly, „Die Summe des Ganzen“, zu lesen ist. Darin lernen wir einen spanischen Padre kennen, der jeden Nachmittag außer sonntags in seinem hölzernen Beichtstuhl in der Pfarrkirche von Hortaleza sitzt, einem Außenbezirk von Madrid, und auf die Sünder wartet, die ihr Herz ausschütten, um Absolution zu erhalten. Das Ritual ist für den Priester so vorhersehbar wie die Messen, Hochzeiten und Beerdigungen, die seine Tage sonst strukturieren.

          Diebstahl, Vorteilsnahme oder einen Seitensprung begleicht Roque de Guzmán mit zehn Bußgebeten und drei Vaterunser. Die meisten Büßer kennt er persönlich, auch wenn die Trennwand mit dem engmaschigen Sprechgitter eigentlich Anonymität gewähren soll. Nimmt Bogoño Jiménet Rodgríuez Platz, weiß der Geistliche, dass der Mann aufs Neue seine Frau geschlagen hat, José María Espíns Besuch folgt verlässlich auf einen Ehebruch, und Señora Barros verlangt nach Abbitte, wenn sie ihren Gatten wieder einmal verflucht hat, obwohl der längst unter den Toten weilt.

          Absolution für Abscheulichkeiten

          Auch den drei Gemeindemitgliedern, die ihre Frauen regelmäßig krankenhausreif schlagen, gewährt der Kirchenmann Absolution. An diesem Mittwoch aber ist alles anders, als ein Fremder Guzmáns Beichtstuhl betritt und seufzt. Kaum mehr als ein paar Wortfetzen kann er hervorbringen, die jedoch bereits Schlimmstes befürchten lassen, noch ehe er den Ort fluchtartig wieder verlässt. In den folgenden Tagen wird sich der Besuch des Fremden ähnlich geheimnisvoll wiederholen und dabei nicht nur das Interesse des Priesters entfachen, sondern auch dessen eigene verdrängte Geschichte aufs Unheilvollste entzünden.

          Steven Uhly
          Steven Uhly : Bild: Brigitte Friedrich

          Der Schriftsteller Steven Uhly, 1964 in Köln als Kind einer deutschen Mutter und eines bengalischen Vaters geboren, begibt sich in dieser Geschichte in das Land seines spanischen Stiefvaters, bei dem er aufwuchs. In Spanien machte Uhly außerdem eine Ausbildung zum Übersetzer, ehe er Hispanistik studierte, um später das Deutsche Institut der Bundesuniversität von Pará im brasilianischen Belém zu leiten, ehe er nach Deutschland zurückkehrte. Nach seiner fiktionalen Autobiographie „Mein Leben in Aspik“ (2010) in der Tradition des Schelmenromans, der Familienchronik „Königreich der Dämmerung“ (2014) oder der Manuskriptfiktion „Den blinden Göttern“ (2018), in deren Verlauf die Grenzen zwischen Genres und Realitäten zusehens verschwimmen, erweist sich „Die Summe des Ganzen“ nun nicht etwa als Roman, wie auf dem Umschlag zu lesen ist, sondern als klassische Novelle.

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