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Steven Hall : Und der Haifisch, der hat Pläne

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Mit der Wucht einer Harpune - die hier schließlich auch dramatisch zum Einsatz kommt - zischt dieses Romandebüt durch die literarische Welt: Es handelt sich um Steven Halls enthemmte, die Welt der Zeichen zum Leben erweckende Improvisation über den Verlust. Nahezu zeitgleich mit dem britischen Original, "The ...

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          Mit der Wucht einer Harpune - die hier schließlich auch dramatisch zum Einsatz kommt - zischt dieses Romandebüt durch die literarische Welt: Es handelt sich um Steven Halls enthemmte, die Welt der Zeichen zum Leben erweckende Improvisation über den Verlust. Nahezu zeitgleich mit dem britischen Original, "The Raw Shark Texts", erscheinen Übersetzungen in einundzwanzig Sprachen, an einer Verfilmung wird bereits gearbeitet. Ebenso an der Mythenbildung: Nicole Kidman, so liest man, soll den jungen Autor um eine Geschlechtsumwandlung des Protagonisten Eric Sanderson gebeten haben, um selbst die Hauptrolle übernehmen zu können. Das Interesse der Filmindustrie ist konsequent, denn dieser Roman mit seiner Vollgas-Poetik ist ganz von Hollywood her gedacht. Bei aller Verspieltheit (fünfzig leere Seiten etwa, aus deren Tiefen dem Leser ein Buchstabenhai entgegenschwimmt) schimmert bereits das Drehbuch durch. Hinzu kommt Halls Erzähltalent: Das Zusammenspiel von Humor und Tragik, anspruchsvoller Theorie und halsbrecherischer "Action" gelingt mühelos.

          Verlust hat hier eine doppelte Bedeutung. Einerseits handelt es sich um den Verlust einer geliebten Person - Erics Freundin Clio kam drei Jahre vor Einsetzen der Handlung ums Leben -, andererseits um einen Erinnerungsverlust. Wiederholt wurde der Held bereits von totaler Amnesie (oder Verdrängung) befallen. Aus einer solchen erwacht er auch zu Beginn des Romans, besser gesagt: Er wird entfesselt: "Plötzlich klafften meine Augen auf wie zwei große O, krampfartig bogen sich Hals und Schulter nach hinten, und meine Lungen saugten in einem gigantischen Aufbäumen eine Welt voll Luft." Der Stil überwältigt den Inhalt, dahinter steckt System. Alle Musen zugleich werden nun mobilisiert, um die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Faktischen - den Tod Clios - ins Irreale zu verrücken. Bei dem Versuch, die beiden Lesarten von "Geschichte" gegeneinander auszuspielen, so viel sei verraten, kommt auch der "Graue Schwammkopf-Geisterhai" ins Spiel, ein unberechenbarer Erinnerungsfresser. Heimisch ist er "im Strom menschlicher Interaktionen und in den Gezeiten von Ursache und Wirkung".

          Der Leser folgt qua personaler Ich-Perspektive der kurvenreichen Spur oder Flucht des Helden durch seine ganz eigene Welt. Alles Geistige scheint sich hier materialisiert zu haben. Wenn sich auch wiederholt Hinweise finden, dass wir es mit den dekonstruktiven Schüben einer literarischen Psychose zu tun haben, so macht uns die extreme Innensicht doch zum Verbündeten des Helden. Auf eine "paranoide Konfabulation" (so der Arzt-Dichter Alfred Döblin über Gedächtnisstörungen, die mit Erfindungen überbrückt werden) deutet es, dass die aus "Fragmenten" hervorgehende, anrührende Liebesgeschichte Erics und Clios gänzlich "normal" wirkt. Die Haupthandlung aber ist viel zu spannend, die Erzählweise zu mitreißend, als dass man sich lange mit pathologischer Diagnostik aufhielte. Schließlich geht es hier nicht um die Ermordung von Butterblumen, sondern um eine eher an Giambattista Vico ("Wahr ist etwas, weil es fabriziert ist") anschließende Jagd auf die Ungeheuer des Geistes.

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