https://www.faz.net/-gr3-730rp

Steve Sem-Sandberg: Theres : Theres, die Terroristin

Bild: Verlag

Steve Sem-Sandbergs Roman „Theres“ über Ulrike Meinhof aus dem Jahr 1996 erscheint erstmals auf Deutsch. Zu spät, denn so muss er das schwere Erbe von Sem-Sandbergs „Elenden von Lodz“ antreten.

          3 Min.

          Vor einem Jahr erschien zum ersten Mal ein Roman des schwedischen Schriftstellers Steve Sem-Sandberg auf Deutsch – und er machte Furore. „Die Elenden von Lodz“ erzählten vom Getto in der polnischen Stadt, vom Sterben Hunderttausender am Beispiel einiger weniger und besonders vom Leben in einem abgesperrten Bezirk, wo täglich der Tod drohte. Nichts Frivoles hatte diese Fiktionalisierung der Schoa, sondern etwas Erhellendes: Aus der Kombination des dank einer glücklichen Überlieferung reichen Quellenmaterials zum Getto von Lodz und Sem-Sandbergs Romanhandlung entstand ein Buch wie ein Strudel – als literarisches Äquivalent zum Leben der todgeweihten Juden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als sein erstes deutsches Buch erschien, war Sem-Sandberg aber bereits seit fünfunddreißig Jahren Schriftsteller; sein Debüt publizierte er 1976 mit achtzehn, und seitdem waren ein Dutzend Romane zusammengekommen. Darunter auch ein Zyklus, den Sem-Sandberg seine „deutsche Trilogie“ nennt. Begonnen mit „Theres“ im Jahr 1996, wurde sie mit „Allt förgängligt är bara en bild“ (Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis) und „Ravensbrück“ bis 2003 abgeschlossen.

          Alle Teile haben zeithistorische Frauenfiguren im Mittelpunkt: Der dritte widmet sich der im Konzentrationslager Ravensbrück ermordeten Kafka-Freundin Milena Jesenská, der zweite der Schriftstellerin und Nietzsche-Freundin Lou Andreas-Salomé, der erste der Terroristin Ulrike Meinhof, die keine Freunde im Leben fand. „Theres“ war ihr Spottname bei Gudrun Ensslin, die – so vermutet Stefan Aust – als Pfarrerstochter dabei an die Karmeliterin Teresa von Ávila gedacht haben mag, eine einzelgängerische Reformatorin des Glaubens.

          Jede Form der Anteilnahme verloren

          Man weiß von diesem Spitznamen aus den abgehörten Gesprächen in Stammheim. Sem-Sandberg macht aus diesem Detail den Titel seines Romans, der vom Leben und Sterben Ulrike Meinhofs erzählt – als Montagekunstwerk aus Dokumenten, Interpretationen und fiktiven Elementen. So gesehen, erscheint „Theres“ als Vorläuferin von „Die Elenden von Lodz“ und zugleich auch als deren logische Fortsetzung, wenn es um weitere deutsche Publikationen geht. Das dem hiesigen Publikum vertraute Thema dürfte ein Übriges getan haben, um die Entscheidung bei Klett-Cotta just für dieses Buch unter den elf weiteren verfügbaren Romanen Sem-Sandbergs fallen zu lassen.

          Und doch dürfte es sich als Fehler erweisen, denn das, was „Die Elenden von Lodz“ ausgezeichnet hat, die große imaginative Kraft, das Mitgefühl ohne billige Effekte, die moralisch eindeutige Opferperspektive – all das hat „Theres“ nicht zu bieten, konnte es auch gar nicht bieten. Über eine Terroristin schreibt man selbstverständlich anders als über NS-Opfer, aber wie Sem-Sandberg es tut, das verhindert jede Form der Anteilnahme. Seine Ulrike Meinhof lebt schon als Kind, dann als Mutter, später als Publizistin und schließlich als Gejagte und Gefangene in isolierter Kälte. Aber sie lässt auch uns kalt.

          Zu spät entdeckt

          Das hat seinen Grund darin, dass Sem-Sandberg hier deutlicher als im Lodz-Roman die dokumentarischen Quellen als solche erkennen lässt und damit die Geschlossenheit des Geschehens zugunsten eines facettierten Buchs opfert, das seiner Figur auch dadurch Gerechtigkeit zollen will, dass es das Gesicherte vom Imaginären trennt. Es ist aber eine Gerechtigkeit in geradezu idealtypischer juristischer Form, sine ira et studio. Nur gleicht dann auch die Lektüre bisweilen einem Prozessaktenstudium.

          Hinzu kommt, dass bei Sem-Sandberg eine Distanz zu den Ereignissen um die RAF spürbar wird, die man als deutscher Leser kaum einnehmen kann. Als Schwede ist er zwar wie sein Land durch die Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft 1975 unmittelbar mit dem Linksterrorismus konfrontiert worden, und bis heute hat sich darum in Schweden ein Interesse an der RAF erhalten. Doch im Buch ist es das Interesse eines Präparators am von anderen erjagten Objekt: Die Leidenschaft beschränkt sich aufs möglichst authentische Bewahren von etwas längst Totem. Das Leben der Ulrike Meinhof gerinnt bei ihm ebenso zur klassifizierten Psychose wie die Tätigkeit ihrer Häscher, unter denen Horst Herold die Rolle eines charakterlich ganz ähnlich deformierten Jägers einnimmt – aber das ist für ein deutsches Publikum natürlich nichts Neues.

          Das heißt nicht, dass der Formwille der Montage und die stilistische Annäherung an den Duktus der Dokumente geringzuschätzen wären (und damit ist hier auch die präzise Übersetzung von Gisela Kosubek zu loben). Aber wir reden über ein Buch, das sechzehn Jahre alt ist. Seither ist viel passiert – literarisch und auch kriminalistisch. „Theres“ hätte man 1996 für Deutschland entdecken sollen. Dann hätte es hier nicht das Erbe der grandiosen „Elenden von Lodz“ antreten müssen.

          Weitere Themen

          Von der Namenlosigkeit

          Archipel Jugoslawien : Von der Namenlosigkeit

          In Jugoslawien war es selbstverständlich, mehrere Sprachen zu beherrschen. Was macht das mit den Menschen, die sich heute für eine Sprache entscheiden müssen?

          Das steinerne Floß

          Archipel Jugoslawien : Das steinerne Floß

          Was können Künstler bewirken? Wer sich nostalgisch nach dem alten Jugoslawien sehnt, darf nicht vergessen: Trotz aller Freiheiten war Titos Staat eine Diktatur.

          Topmeldungen

          Lässt Statistiken für sich sprechen: Premierminister Boris Johnson

          Londons stiller Triumph : Das Ende der Astra-Zeneca-Skepsis

          Die Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffs in Berlin und Paris haben in London Befremden hervorgerufen. Das Einschwenken beider Länder auf den britischen Impfkurs wird nun mit Genugtuung quittiert.
          Konzernzentrale und Stammwerk: der Daimler-Standort in Untertürkheim

          E-Auto statt Verbrennungsmotor : Daimler baut sein Stammwerk um

          400 Millionen Euro an Investitionen sollen Stuttgart-Untertürkheim ins Elektrozeitalter bringen. Statt Verbrenner-Großserie heißt es künftig: E-Auto-Campus und Batteriezellproduktion.
          Airbus im Vordergrund, Deamliner im Abflug

          Airbus-Boeing-Streit : EU und Amerika legen Zölle auf Eis

          Der Streit um die europäischen Subventionen für Airbus und die amerikanischen für Boeing währt seit Jahren. Mit dem neuen Präsidenten Biden hat die EU sich nun auf Deeskalation geeinigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.