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„Mind Control“ von Stephen King : Das Ende der Schlachtplatte

  • -Aktualisiert am

Stephen King im November 2014 in New York Bild: UPPA/face to face

Stephen King hat das Zeug, ein ermattetes Genre zurück an seine Wurzeln zu führen. Sein neues Buch „Mind Control“ stellt die aktuellen Krimi-Konventionen bloß.

          Die Schraube der Gewaltdarstellung im Kriminalgenre ist längst schon überdreht. Wer könnte und wollte sie noch überbieten, die sadistischen Exzesse, von denen nicht nur die Thriller skandinavischer und amerikanischer Provenienz erzählen (sogenannte „Schlachtplatten“ im Verlagsjargon), sondern auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seiner Überzahl an Krimiformaten? Wohl nur literarische Trittbrettfahrer, deren Namen bald niemand mehr kennt, und zweitklassige „Tatort“-Autoren.

          Eine kleine Szene in Stephen Kings neuem Roman „Mind Control“ liest sich wie ein hintergründiger Kommentar auf diese ermüdende Steigerungslogik. Gerade will einer der Ermittler seinem Kollegen von einem Selbstmord berichten, der mit Hilfe eines Kugelschreibers durchgeführt wurde - und kommt dabei so richtig in Fahrt: „Dann hat er die Metallmine aus der Hülle genommen und sich ...“ Die sich hier nun bietende erzählerische Gelegenheit, das Blut bis an die Zimmerdecke spritzen zu lassen, wird allerdings nicht ergriffen. Stattdessen fällt dem Ermittler eine beistehende Figur beherzt ins Wort: „Das reicht ... Wir können es uns vorstellen.“ Es ist ein fast schon moralischer, in jedem Fall aber wohltuend zurückhaltender Gestus, und dies bei einem Autor, der in seinen eigenen Romanen wohl sämtliche Varianten der literarischen Gewaltinszenierung durch- und ausgespielt hat: Gegen die hochauflösende Drastik, die heute Teil der Mainstream-Kultur ist, setzt „Mind Control“ auf die Einbildungskraft der Leser - in ihren je individuellen Möglichkeiten, aber eben auch in ihren Grenzen.

          Das halb-anonyme Internet

          Entsprechend ist auch die Handlung des Romans weitgehend ins Innere der Figuren verlegt, als ein vor allem psychisches Geschehen. Der Massenmörder Brady Hartsfield, von dem bereits die Vorgängerromane „Mr. Mercedes“ (2014) und „Finderlohn“ (2015) erzählt haben und dessen Geschichte in diesem letzten Stück der Trilogie an ein Ende geführt wird, liegt als Patient in einer Klinik für Neurotraumatologie - und macht eine verblüffende Entdeckung: Wie schon die Protagonistin in Kings erstem Roman „Carrie“ (1974) verfügt Brady über telekinetische Fähigkeiten, genauer noch, er vermag aus der Ferne in andere Menschen einzudringen und sich ihrer zu bemächtigen.

          Dabei ist ihm die Spielekonsole „Zappit“ behilflich, die bei ihren Benutzern - eigentlich ein Baufehler - hypnotische Wirkungen entfaltet und sie dadurch für Brady zu öffnen vermag. Besessen vom Thema Selbstmord, versucht er seine Wirtsmenschen dazu zu bringen, Hand an sich zu legen, und es geht ihm nicht um Einzelne. Um das großangelegte Attentat in einer Konzerthalle zu vollenden, an dem er in letzter Minute gehindert wurde (hiervon erzählte „Mr. Mercedes“), lässt er den damals jugendlichen Konzertbesuchern als vermeintliche Entschädigung einen kostenlosen „Zappit“ zukommen. Das halb-anonyme Internet, mit seinen sozialen Netzwerken und gruppenspezifischen Foren, fungiert hierbei als Kontaktzone.

          Das Prisma der exaltierten Gewalt

          Eine „Selbstmordepidemie“, das ist Bradys Ziel, und als erklärtes Vorbild dient ihm der (realhistorische) Gründer des sogenannten „Peoples Temple“, Jim Jones, der 1978 mehr als 900 Menschen in den Massenselbstmord trieb: „Zuerst hatte er ihnen Paranoia eingeimpft und sie dann mit dem Zauber des Todes hypnotisiert.“ Brady, der sich selbst als „Jim Jones des 21. Jahrhunderts“ versteht, will dessen strategische Gehirnkontrolle ins digitale Zeitalter überführen. Kings lang anhaltendes Interesse an einer Technik, die sich mitleidlos gegen den Menschen richtet (wie die Mörderkarre Christine im gleichnamigen Roman von 1983), wird hier auf eine neue, gegenwärtige Stufe gehoben.

          Die souveräne Meisterschaft dieses Autors zeigt sich insbesondere darin, wie er Bradys Gegenspieler, den seinerseits bereits in den Vorgängerromanen auftretenden Ermittler Bill Hodges, nur sehr, sehr langsam über das unheimliche Geschehen in Kenntnis setzt, ohne dass dies auch nur für Momente auf Kosten der Spannung ginge. Und wie es ihm gelingt, aus Hodges einen höchst anspruchsvollen, literarisch reizvollen Charakter zu formen, dessen körperlicher Verfall in einer ebenso unklaren wie unmittelbaren Beziehung zu dem sich aufklärenden Kriminalfall zu stehen scheint: als ein Prozess vollkommener Aufzehrung, der allerdings nicht heldenhaft (als Preis für ein höheres Ziel), sondern bloß jämmerlich (als Resultat eines schlichten Verdrängungsprozesses) daherkommt. Mit Frank Bascombe, dem mürrischen Alltagshelden aus Richard Fords großen Gesellschaftsromanen, kann Bill Hodges es locker aufnehmen.

          An gleich mehreren Stellen von „Mind Control“ bezieht sich King auf die heutigen Konventionen des Kriminalgenres, indem er sie als abgedroschen, unfreiwillig komisch oder aber, wie in Bezug auf ihre überspannten Gewaltdarstellungen, als fragwürdig bloßstellt. Damit führt er, zumindest seinem Anspruch nach, ein ziemlich ermattetes Genre zurück an seine Wurzeln, die da sind: ein ausgefeilter, spannungsgeladener und immer wieder überraschender Plot; komplexe und interessante Figurenzeichnungen; eine differenzierte, kritische Haltung gegenüber der sozialen Wirklichkeit. All diese Facetten durch das Prisma der exaltierten Gewalt zu betrachten - was für eine Verengung! King, um es mit einem anderen Großmeister des Populären zu sagen, is bringing it all back home.

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