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Stephen King: Doctor Sleep : Shine und Zeit

Bild: Scribner Books

Signaturen der Seele: Stephen King hat mit „Doctor Sleep“ eine eigenwillige Fortsetzung von „The Shining“ geschrieben. Jetzt erscheint das englische Original.

          6 Min.

          Solche Bücher werden normalerweise nicht in der „New York Times Book Review“ besprochen. Falls doch, macht das nicht eine angesehene Schriftstellerin wie Margaret Atwood. Und falls sie es doch macht, fällt die Besprechung kaum je lobend aus. „Doctor Sleep“ von Stephen King, gerade in Amerika erschienen, auf Deutsch schon für Ende Oktober angekündigt, ist Horror – die in solchen Sachen gängige Werbung dürfte sogar straflos behaupten: Horror pur. Denn der Roman leistet sich keinen der Vorwände und keine der Ausreden, die als Dämpfer der Berührungangst mit dem Genre in den selbsterkorenen besseren Kreisen des Literaturlebens im Gebrauch sind. Die blutige Gattung wird nicht ironisiert noch parodiert, auf mehr als fünfhundert Seiten nirgends gelehrt historisiert oder metagrimassierend diskutiert.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Dies ist ein Buch, in dem auf Seitefünf eine verwesende, aufgeschwemmte, schleimige Verstorbene auf einer Toilette erscheint und ihre schlechtgewordenen Reize zeigt. Dies ist ein Buch, in dem ein Kind, das gefoltert wird, flüsternd darum bittet, getötet zu werden. Dies ist ein Buch, das mit einer Sterbeszene endet, deren Melancholie direkt an die düster moralisierenden Schlusswendungen der alten Gruselcomics aus dem Verlag EC anschließt. Dies ist ein sehr gutes Buch.

          Auf Jagd nach den Kinder mit dem „Shining“

          Das sieht auch Margaret Atwood in der „New York Times Book Review“ so. Man müsste es wunderlich finden, wüsste man von dem Roman nichts als seine Handlung: Eine Gruppe harmlos gekleideter, aber sehr böser Leute, die einander mit bunten und kauzigen Namen anreden – Grampa Flick, Diesel Doug, Steamhead Steve – fährt in einer Flotte ebenso spießiger wie teurer Wohnmobile quer durch Amerika und tötet Kinder mit übersinnlichen Fähigkeiten – Kinder, die das zweite Gesicht haben oder Gegenstände mit ihrem Willen bewegen können oder Gedanken lesen. Die Bande hat es auf diese Kinder abgesehen, weil deren merkwürdige Talente – sie heißen hier, wie früher in einem anderen King-Buch, „Shining“ – die Signatur einer besonderen Sorte Seele sind, von der sich die fahrenden Kleinbürger in ihrer beweglichen Vorstadt des Grauens ernähren.

          Ein junges Mädchen schwebt in besonderer Gefahr: Bei kaum einem Menschen ist jenes „Shining“ intensiver als bei Abra (wie in „Cadabra“). Schutz und Hilfe darf das Kind einzig von einem müden, in einem Hospiz als inoffizieller Sterbebegleiter beschäftigten, seit ein paar Jahren mühevoll trockenen Alkoholiker erwarten. Der denkt sich einen Plan aus, bei dem man natürlich, auch wenn es um Kindesmissbrauch, Serienmord und andere schwere Straftaten geht, nicht die Hilfe der Behörden in Anspruch nimmt, sondern auf eigene Faust vorgeht, unterstützt von einem Kinderarzt, einem verwirrten Vater und einem klapprigen alten Mann. Das gefährdete Mädchen wird als Lockvogel eingesetzt, um Leute zu fangen, die extrem langlebig und jedenfalls gefährlicher sind als Marc Dutroux und Hannibal Lecter zusammen, das wahre und das erfundene Grauen unserer schlimmen Gegenwart also.

          Mythograph der sozialen und politischen Kollektivgemütszustände

          Nichts davon klingt nach Margaret Atwood, und wenn der Rezensent des „Daily Telegraph“ an dem Buch vor allem „Wärme“ lobt, wenn Atwood sich davor verneigt, während sich die dem populär Heftigen gegenüber eigentlich aufgeschlossene Trisha Robinson online (im vielgelesenen „A.V. Club“) eher enttäuscht zeigt, dann scheint die Welt kopfzustehen. Wo der Anspruch auf sorgfältig ausbalancierte, mit realistischen, aber auch gediegen ästhetisch modernen Zügen durchgearbeitete Texte besteht, wird der soeben nacherzählte grelle, unwahrscheinliche und von allerlei halsbrecherischen Zufallswendungen in Schwung gehaltene Wahnsinn offenbar geschätzt, während er bei denen, die auch mal Chips und Schokoriegel essen – etwa manchen Kunden bei Amazon, die sich auch schon äußern –, auf Skepsis stößt.

          Der Grund dafür ist wohl, dass Stephen King mit „Doctor Sleep“ auf nicht ganz offensichtliche, durchaus vertrackte Weise die Erwartungen erfüllt, die nicht nur eine Welt von Fans, sondern auch die heiklere Kritik seit ein paar Jahren bei ihm befriedigt sieht – spätestens mit seinem Zeitreise-Roman „11/22/63“ von 2011 hat King sich als epischer Mythograph der sozialen und politischen Kollektivgemütszustände der Vereinigten Staaten auch bei den letzten Hochkultur-Torwächtern einen guten Namen gemacht.

          Wenn er, wie dieses Jahr mit „Joyland“ geschehen, einmal etwas schreibt, das wie ein schlichter dichter Krimi aussieht, dann schlagen seine in Jahrzehnten erworbenen und bedachten Kenntnisse und Einsichten sich nieder in blitzenden Merkzeichen einer schriftstellerischen Intelligenz, die gar nicht anders kann, als die Konventionen des Unmittelbaren und Unreflektierten so zu gebrauchen, dass sie sehr viel Mittelbares und Wohlüberlegtes mitmeinen.

          Meditation über die Möglichkeiten des Horrorgenres

          Dieses Können leuchtet auch aus den Seiten von „Doctor Sleep“ – als einladend in sich gekehrter, seiner selbst ganz bewusster Glanz einer besonderen Art von Weisheit und Gerechtigkeit dem grellen Material gegenüber. King weiß, wie man im Genre Dinge über Menschen sagen kann, die das kultivierte Dahererzählen so vieler Leute, die ihre Bücher zu Spiegeln des Gesellschaftlichen und seiner Seltsamkeiten polieren wollen, niemals erreicht.

          Wer phantastische Literatur schreibt, sollte nicht – wie leider manchmal sogar Margaret Atwood – so tun, als begebe sie oder er sich damit außerhalb des Kanons und könne endlich mal fünfe gerade sein lassen, müsse auf keine Kunst mehr achten und die Sätze, die so entstehen, nur noch zu kleinen Sensationen, wilden Winken hinüber in die Gettos Horror, Fantasy oder Science-Fiction machen. Wer phantastische Literatur schreibt, begibt sich eben nicht außerhalb des Kanons, sondern tauscht ihn nur gegen einen anderen ein – denjenigen, in dem die Fixsterne nicht Joyce oder Woolf oder Mann heißen, sondern Poe, Lovecraft oder Shirley Jackson. Auf einen der größten Klassiker des Horrorgenres, „The Shining“ von 1977, kann King rekurrieren, weil er ihn selbst geschrieben hat.

          Der Alkoholiker, der das Mädchen Abra in „Doctor Sleep“ retten muss und der zugleich dem Buch den Titel schenkt – er ist ein metaphorischer Arzt, der den müden Herzen Sterbender beim Einschlafen hilft –, ist Dan Torrance, der erwachsen gewordene kleine Danny aus dem älteren Buch und den beiden Filmfassungen, der berühmten von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1980, die King nicht mag, und der weniger berühmten von Mick Garris, einem Regisseur, dem King dafür, dass er die Elemente des Romans, die Kubrick damals übersehen oder absichtlich wegnivelliert hatte, zu Hauptsachen seiner Version machte, so dankbar ist, dass er ihn im Nachwort zu „Doctor Sleep“ für einen anderen Film preist, nämlich seine Hommage an Hitchcocks „Psycho“ (1960) mit dem unhandlichen Titel „Psycho IV: The Beginning“ (1990). Garris hatte es schwer, Hitchcock und Kubrick ein guter Nachfolger zu sein. King sympathisiert mit ihm, weil er selbst, wie das Nachwort andeutet, es sehr schwer hatte, Nachfolger von Stephen King zu sein.

          Aber der Mut, den alten Tatort wieder aufzusuchen, hat sich bezahlt gemacht, weil King bei diesem Wiedersehen mit großem Ernst nicht einfach nur untersucht hat, wie Horror geht – das kann er weiß Gott noch, mit allen fauligen Mordopfern, allem Nasenbluten und grünlichem Schmadder, die dazugehören –, sondern ihm diese Probe auf seine Kernkompetenzen zu einer tiefen Meditation darüber gerät, wozu dieses Genre heutzutage eigentlich da ist.

          Das Gegengift gegen Angst

          Am Anfang durcheilt „Doctor Sleep“ die seit „The Shining“ verstrichene Zeit im raffenden Geschwindschritt, vom „peanut farmer“ als Landesvater zum „black president“ ist es nur ein Katzensprung. Der hochintelligente Trick, den 11. September 2001 nur anzudeuten, diesen realen Schrecken nicht frontal anzuschauen, sondern ihn als Einbruch des nicht auf schlaue politische Analysen reduzierbaren entsetzten Erstaunens einer bis dahin behäbig-selbstgewissen amerikanischen Bürgerlichkeit, als buchstäblichen Eishauch des Jenseits, nur anzudeuten, zeigt, was sich seit „The Shining“ geändert hat: Angst, Furcht, Schrecken sind seit 1977, als sie etwas waren, das Politik, Kultur und Alltag von drei Seiten einzäunen sollte, zu etwas geworden, von dem Politik, Kultur und Alltag handeln, zur Urszene der Vergesellschaftung, zum schwarzen Pech, welches das große Ganze zusammenhält. King gebraucht alle Mittel, mit denen Kunst heute von dieser Furcht, dieser Angst reden kann.

          King findet in „Doctor Sleep“ das Gegengift gegen ihre Macht: den klaren Blick darauf und die Weigerung, auf Angst und Furcht nur mit dem Zorn und dem Hass zu reagieren, den Furcht und Angst, als politisches Mittel im Terror oder im Krieg gegen Terror gebraucht, auslösen können. „Doctor Sleep“ zeigt, dass und wie man mit denen, die uns Angst machen oder die unseren Zorn auslösen, Mitgefühl haben kann – auch die Bösen, sagt eine verblüffende und bewegende Stelle, küssen einander, wenn sie sterben müssen, und sagen einander letzte Liebesworte, wenn sie können.

          Selbst Jack Torrance, der mörderische Vater aus „The Shining“, den sich heute so viele mit den entgleisten Gesichtszügen des tobenden Jack Nicholson aus Kubricks Filmfassung vorstellen, verdient ein Gedenken, das seinen Absturz als etwas auffasst, um dessentwillen man ihn betrauern kann. Sein Sohn Dan lernt, mit Kings bedachter und gütiger Unterstützung, am Ende, seine Vergangenheit zu ertragen, und Abra, Dans junge Schülerin, findet mit dessen Hilfe eine Zukunft, die den Horror nicht leugnet, aber weiß, dass es etwas Stärkeres gibt als den stärksten Schock: das wache Herz. „Good“, sagt Dan am Ende, erwachsen, „that’s good.“

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