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Stephan Thome: Fliehkräfte : Man hat so lange Glück, bis es einen verlässt

Bild: Verlag

Stephan Thome entfesselt in seinem neuen Roman „Fliehkräfte“, vom Treibstoff unlösbarer Fragen befeuert, denen man sich nicht entziehen kann.

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          Es gibt Momente im Leben, in denen sich die diffusen Fragen des Daseins plötzlich zu einer Gestalt bündeln wie flüssiges Blei, das man an Silvester ins kalte Wasser wirft. Als sich die Oxfam-Vertreterin aus dem Strom der Passanten vis-à-vis der Hackeschen Höfe ausgerechnet Hartmut Hainbach herauspickt, um ihn mit ihren Formularen zu traktieren, ist das so ein Moment. Denn der Mann von Ende fünfzig mit Armani-Brille verliert sosehr die Fassung, dass er laut losbrüllt und die Menschen sich schon nach ihm umdrehen. Dabei hatte die junge Frau ihm, dem Philosophen von Rang, nichtsahnend nur sein Problem auf den Kopf zugesagt: „Sie möchten das Richtige tun, das sehe ich!“ Aber genau das gelingt dem Ordinarius für sprachanalytische Philosophie überhaupt nicht mehr.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Dabei wusste Hainbach, der in einem bücherlosen Haus in der oberhessischen Provinz groß geworden war, früher immer, was zu tun war. Jetzt aber sind Zweifel, Unentschlossenheit und ein Tinnitus da, was den Helden in Stephan Thomes neuem Roman ganz krank macht. In einem Alter, in dem andere die großen Schlachten längst geschlagen haben, muss er sich der Frage stellen, ob er noch einmal ganz neu anfangen will. Soll er, kurz vor der Pensionierung, seine Bonner Professur an den Nagel hängen und in Berlin bei einem Verlag anheuern, der mit ihm sein Profil erweitern will? Dass Hainbach immer ein Spätentwickler war, hilft ihm bei der Entscheidung nicht: Er will ja das Richtige tun - aber was ist das?

          Das Scheitern als literarischer Stoff

          Wie viel Risiko gehört zum Leben? Lohnt es sich, ein Risiko einzugehen, wenn die Aussicht auf Erfolg gering ist? Nimmt die Entscheidung, kein Risiko einzugehen, bloß die Niederlage vorwegnimmt, vor der man sich fürchtet? Und ist man irgendwann einfach zu alt, um sich zu ändern? Das sind die quälenden Ungewissheiten, die dieser bemerkenswerte Roman auf mehreren Ebenen verhandelt. Völlig zu Recht steht das Buch bereits auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Dabei führt uns Thome mit dem geschärften Blick für seelisches Zwielicht zugleich durch die Abgründe einer typisch deutschen Familie aus dem akademischen Establishment.

          Die ungelösten, vielleicht ja unlösbaren Fragen sind der Treibstoff, der die „Fliehkräfte“ des Romantitels befeuert. Hartmut Hainbach katapultieren sie vom beschaulichen Bonn über Frankreich und die spanische Pilgerstadt Santiago de Compostela, wo die Tochter studiert, bis ins portugiesische Bergdorf Rapa. Um das Herzstück der Geschichte jedoch, Hartmanns Reise quer durch Europa und in seine Vergangenheit, spinnt Stephan Thome eine Vielzahl an Episoden, Eskapaden und zeitgeschichtlichen Bezügen, die von den siebziger Jahren an der Universität von Minneapolis über das West-Berlin der achtziger und das entthronte Bonn der neunziger Jahre bis in die krisengeschüttelte Gegenwart reichen. Für Niederlagen hat Stephan Thome, das zeigt sich nach dem beeindruckenden Erstling „Grenzgang“ hier aufs Neue, ein besonders Faible. Das Scheitern, ob real oder nur gefühlt, ist sein literarischer Stoff. Und es ist auch Hainbach in seinem wie am Reißbrett entworfenen Leben unerschütterlich in dem Entschluss, die eingefahrenen Gleise niemals zu verlassen. Das hat dafür seine Frau getan, Maria, die nach zwanzig Jahren das Einfamilienhaus am Bonner Venusberg gegen ein Berliner Provisorium mit halb leeren Regalen und kahlen Wänden eingetauscht hat. Statt Portugiesischkurse in der Provinz zu geben, arbeitet sie jetzt am Theater als rechte Hand eines berühmten Regisseurs. Hartmut ist beleidigt, dass sie freiwillig fünfhundert Kilometer entfernt wohnt, sie ist es, weil er ihre Gründe nicht verstehen will. So reden sie, wenn sie sich am Wochenende treffen, aneinander vorbei und umeinander herum.

          Eine tugendhaft realistische Erzählweise

          Berlin ist der Sehnsuchtsort gleich mehrerer Figuren von Stephan Thome. Schon in seinem formal geschickten „Grenzgang“ (2009) über zwei im Hinterland gestrandete Großstädter trauert der an der Humboldt-Universität gescheiterte Historiker Weidmann um Berlin wie um eine verflossene Geliebte. In „Fliehkräfte“ lässt Maria sich auf das Rheinland überhaupt nur unter der Bedingung ein, dass ihr Mann sich weiterhin auf jede frei werdende Stelle in Berlin bewerbe. Und abends sitzen Hartmut und Maria manchmal auf ihrem Bonner Balkon und träumen von Zweihundert-Quadratmeter-Wohnungen in Ost-Berlin mit bröckelndem Stuck. So böse kann dieser Erzähler sein, so schonungslos schaut Stephan Thome auf die Nöte, Ängste und Defekte seiner Figuren. Und aus immer neuen Perspektiven ergründet er jeden Winkel ihres Seelenlebens.

          Die Erzählweise ist realistisch - eine Tugend, die in Deutschland an amerikanischen Autoren bewundert, aber an eigenen gern geschmäht wird. Dabei ist sie immer zu einem kleinen Ausflug bereit, in Reminiszenzen an die Montagetechnik der Klassischen Moderne, im Eintauchen in verschiedenste Milieus, vom amerikanischen Campusleben über Berliner Künstlerkreise und die Niederungen deutscher Hochschulverwaltung - bis in de anarchische Freiheit Portugals. Darüber hinaus versteht es Thome, den Leser in die Dialoge hineinzuziehen, als lausche er am Nachbartisch. In pointierten Beschreibungen spürt man die zurückgehaltene Aggressivität in Gesprächen ebenso wie die Zwischentöne des liebevollen Erpressens und des offenbarenden Verbergens.

          Philosophiert wird eher selten

          Stephan Thome selbst ist ein großer Unbekannter der deutschen Literatur. An den üblichen Vernetzungspunkten des Betriebs trifft man ihn nicht an. Dabei ist es nicht so, dass der 1972 in Biedenkopf geborene Schriftsteller, der in Berlin Philosophie und Sinologie studierte, sich der Welt entziehen würde. Vielmehr lebte er in den vergangenen zehn Jahren in einer ganz anderen Weltgegend, in Taipeh, und forschte zur chinesischen Philosophie. Die Distanz hat seinem Schreiben nicht geschadet, im Gegenteil. Und dass er selbst wie seine Hauptfigur studierter Philosoph ist, lässt Thome allenfalls ironisch durchblicken, etwa wenn ein verkrachter Student Hainbachs, der jetzt Taxi fährt, unentwegt Wittgenstein zitiert. Dass „was denkbar ist, auch möglich ist“, war Hainbach bisher aber eher theoretisch klar gewesen. Auch die Gestalt des Chinesen Herr Lin, der mit seiner uferlosen Promotionsschrift über „Die Rückkehr des Weltgeistes nach China“ alle in den Wahnsinn treibt, ist als augenzwinkernde Anspielung zu verstehen.

          Philosophiert wird hier eher selten, dafür unter dem Hochschulbetrieb umso mehr gelitten. Die Reformwut mit ihren Modultiteln, Leistungspunkten und der komplizierten Arithmetik von ECTS verfolgen den Hochschullehrer noch im Schlaf. Dass auch ein hauptberuflicher Denker blind sein kann für die Dinge, die um ihn herum geschehen, muss er sich ausgerechnet von seiner Tochter vorhalten lassen. Du kannst ja nicht mal zwei und zwei zusammenzählen, wettert Philippa: Wofür bist du denn Philosoph?

          Eingeschränkte Unfreiheit

          Das Angebot des Berliner Verlags eröffnet Hartmut die Chance, seiner Frau nach Berlin zu folgen. Doch es fällt ihm so schwer, die Entscheidung zu treffen, dass er sich zunächst im Auto auf eine zweitausend Kilometer lange Odyssee mit ungeahntem Ausgang begibt. Vom Instinkt geleitet, besucht er frühere Freunde wie zum Beispiel Sandrine, die inzwischen in Paris lebt. Nach dem Schlaganfall ist sie plötzlich die schwache Frau, die sie nie sein wollte. „Versteck dich nicht hinter Paragraphen“, rät sie ihm, „so unfrei, wie du glauben willst, bist du nicht. Du hast bloß Angst.“

          Angst hatte auch Bernhard Tauschner, als er vor Jahren seine Bonner Juniorprofessur niederlegte, um in Südfrankreich ein Weinlokal zu eröffnen. Als Hartmut den früheren Fakultätskollegen jetzt in Mimizan besucht, sieht er auf den ersten Blick, dass es der Freund nur zur Touristenbar mit Plastikmöbeln gebracht hat, in der unentwegt Bob Marley aus Lautsprechern kratzt. Trotzdem glaubt Bernhard, „dass es sogar besser sei, den falschen Schritt zu tun, statt grübelnd auf der Stelle zu treten“. Einen Weinberg kaufen, mit Antiquitäten handeln - für Bernhard scheint tatsächlich alles denkbar, was für Hartmut vor allem Ausdruck von Verwöhntheit und Naivität ist.

          Das Leben als Parodie unserer Träume

          Wie schon den Protagonisten in „Grenzgang“ erscheint auch dem neuen Helden von Stephan Thome das Scheitern plausibler als der Sieg. Als sich ihm die Chance auf einen Berliner Lehrstuhl eröffnete, kam es ihm bald selbst „merkwürdig“ vor, auf Platz eins der Bewerbungsliste für eine C4-Professsur zu stehen - dort, wo alle hinstrebten. „Hartmut Hainbach aus Arnau. Er wollte ihn nicht zulassen, aber der Gedanke war da, ungerufen.“ Und er blieb. So lässt sich mit Hainbachs Kapitulation vor der Wirklichkeit „Fliehkräfte“ nicht zuletzt als umgekehrter Bildungsroman lesen, nicht als Ent-, sondern als Abwicklung einer Biographie. Denn Thome erzählt nicht die Geschichte, wie einer wurde, was er ist. Ihn interessiert, was mit einem passiert, der auf der Höhe seines Lebens stehend ins Straucheln gerät. Alles kann jederzeit zur Disposition stehen, wird ihm klar: „Man hat so lange Glück, bis es einen verlässt.“

          Dabei verfügt Hainbach ausgerechnet über einen ausgeprägten Blick für die Schwächen der anderen, was an den Konstellationen und Anhängigkeiten freilich nichts ändert. Angst treibt fast alle hier um. Selbst ein erfolgreicher Verleger wie Peter Karow, der heute sagt, Scheitern sei nicht sein Stil, sitzen gerade die Misserfolge von einst zu sehr in den Knochen, als dass markige Sprüche sie überdecken könnten. Die Geschichte der „Fliehkräfte“ ist tatsächlich auf grausame, auch schrecklich lustige Weise wahr. Und es zeigt sich schon in einem scheinbar harmlosen Motiv wie der alten DVD-Kiste, die Hainbach eines Tages im Keller seins Hauses findet, Thomes ganze Meisterschaft als Erzähler. Geschichten wie diese sind es, die dem Roman nicht nur eine gesellschaftsrelevante, sondern zudem eine verstörende menschliche Tiefe geben. Denn auch die Kiste mit den Schundfilmen ist zuletzt natürlich eine Erscheinung, in der sich die Irrtümer, Täuschungen und Selbsttäuschungen eines ganzen Lebens offenbaren. Unser Leben ist nur die Parodie unserer Träume. Davon ist Hartmut Hainbach überzeugt.

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